Schweiz
«Mit diesem Geld könnte man alle Kapazitätsprobleme der Unis lösen»
Von Daniel Friedli, Bern. Aktualisiert am 20.12.2010 34 Kommentare
Mauro Dell'Ambrogio
Der 57-jährige Tessiner leitet seit 2008 das Staatssekretariat für Bildung und Forschung, das sich beim Bund um den ETH-Bereich, die universitäre Bildung und die wissenschaftliche Forschung kümmert. Der frühere FDP-Fraktionschef im Tessiner Grossen Rat hat eine lange Karriere im öffentlichen Dienst hinter sich, etwa als Richter, Kommandant der Tessiner Kantonspolizei und Projektleiter für die Gründung der «Università della Svizzera italiana».(fri)
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Schweizer Universitäten ziehen immer mehr Ausländer an. Verschenkt die Schweiz ihre Studienplätze?
Wir brauchen ausländische Studenten, sowohl für die Qualität der Hochschulen wie für die Wirtschaft. Es kann aber sein, dass der Zustrom an gewissen Orten und in gewissen Fächern so gross ist, dass Schranken nötig sein können.
Sie sprechen von Qualität. Die ETH klagt aber, es kämen zu viele schlecht gerüstete Bewerber, die das Niveau nach unten drücken.
Natürlich kann es sein, dass unter einem zu grossen Zustrom die Qualität zu leiden beginnt. Im Grunde ist aber unbestritten, dass ausländische Studenten viel zur Qualität des Hochschulwesens beitragen, nicht nur durch ihre Leistungen, sondern auch durch den kulturellen Austausch. Deshalb sage ich nochmals: Ausländische Studenten sind in der Schweiz willkommen. Letztlich ist alles eine Frage des Masses.
Ist denn das Mass heute überschritten oder nicht?
Das ist je nach Universität und je nach Fachbereich verschieden. Die Universitäten in Luzern oder Bern haben sicher keine Probleme, sie suchen sogar ausländische Studenten. Umgekehrt haben die Schulen in St. Gallen oder im Tessin schon lange und in eigener Regie gewisse Beschränkungen eingeführt. Man muss das Thema also differenziert betrachten. Eine allgemeine Beschränkung für ausländische Studenten wäre eine grosse Dummheit.
Wird das Thema missbraucht, um die Ausländerdebatte anzuheizen?
Ich äussere mich nicht zur Parteipolitik. Ich wiederhole aber, dass die Universitäten das Thema kennen und auch schon selber Massnahmen treffen.
Am dringlichsten ist das Problem bei der ETH – und die ruft nun nach dem Bund.
Die ETH ist daran, selber Lösungsvorschläge auszuarbeiten, um die Zulassung besser zu steuern. Persönlich bin ich der Meinung, dass man für gewisse Studiengänge mit Kapazitätsproblemen durchaus Beschränkungen ins Auge fassen kann. Der Bund ist bereit, die ETH in diesem Bestreben zu unterstützen.
Hat denn die Schweiz überhaupt das Recht, zum Beispiel Quoten für Ausländer einzuführen?
Ja. Was nicht statthaft ist, sind Diskriminierungen. Man dürfte also zum Beispiel nicht verlangen, dass alle Ausländer pauschal noch spezielle Eintrittsprüfungen ablegen. Es ist aber aus Kapazitätsgründen und zum Schutz der Qualität in einem besonders überlasteten Fach erlaubt, eine Ausländerquote einzuführen und dieses Kontingent dann mit den besten Bewerbern zu besetzen.
Ist dieser Weg der richtige? Gewisse Rektoren möchten lieber die Gebühren für Ausländer erhöhen.
Das eine schliesst das andere nicht aus. Ich erachte Gebührenerhöhungen mit dem alleinigen Ziel, die Mobilität der Studenten zu bremsen, als fragwürdig. Ich bin aber nicht dagegen, dass man die Gebühren für ausländische Studenten in einem vernünftigen Mass erhöht. Das Tessin hat dies ja bereits vorgemacht.
Was ist vernünftig? Die Schweiz subventioniert heute jeden ausländischen Studenten mit bis zu 15'000 Franken im Jahr.
Das Wort «Subvention» ist in diesem Zusammenhang falsch. Es geht um Gegenseitigkeit. Schliesslich gibt es ja auch einige Tausend Schweizer Studenten, die im Ausland studieren.
. . . aber niemals so viele, wie umgekehrt in die Schweiz kommen.
Es ist klar: Die Rechnung sollte nicht zu einseitig ausfallen. Innerhalb der Schweiz verhindern wir dies mit einem Ausgleichsmechanismus: Studiert zum Beispiel ein Berner in Zürich, muss der Kanton Bern dem Kanton Zürich dafür eine Abgeltung leisten und umgekehrt. Das ist ein sehr vernünftiges und wettbewerbsförderndes System, das auch auf europäischer Ebene durchaus eine Lösung sein könnte. Wer eine schlechte Ausbildung anbietet, verliert die Studenten, muss aber trotzdem für sie bezahlen.
Bringt die Schweiz diesen Wunsch denn in Brüssel vor?
Ich spreche natürlich mit meinen ausländischen Amtskollegen informell darüber. Es ist derzeit noch kein heisses Thema in Brüssel. Aber ich kann mir vorstellen, dass das eines Tages kommen wird. Es ist die logische Folge eines Systems mit offenem Austausch. Allerdings hat es auch in der Schweiz 100 Jahre gedauert, bis dieser finanzielle Ausgleich eingeführt wurde.
Gewisse Hochschulen klagen nicht nur über ausländische Studenten, sondern scheinen generell finanziell an den Anschlag zu kommen.
So schlecht, wie es bisweilen tönt, geht es unserem Hochschulsystem nicht. Die Unis platzen auch nicht aus allen Nähten. Es gibt an einzelnen Orten und in einzelnen Fächern Probleme, auch weil sich die Studientrends jeweils rasch ändern. Das ist aber nichts Neues. Schon zu meiner Zeit hatten an der Uni Zürich nicht alle Jusstudenten in der Aula Platz. Es braucht sicher etwas mehr Geld, aber auch eine stete Optimierung bei den Universitäten.
Genau beim Geld hapert es aber. Der Bund spart, die ETH und die Universitätskantone klagen wieder, Bern sei kein verlässlicher Partner.
Das stimmt nicht. Im Zeitraum 2007 bis 2012 steigen die Bundesausgaben für Bildung, Forschung und Innovation um durchschnittlich 5,8 Prozent pro Jahr – ein bemerkenswerter Anstieg in Krisenzeiten! Auf den Bund ist also Verlass.
Aber auch im jüngsten Sparpaket werden Bildungsgelder gestrichen.
Ja, aber dieser Sparbeitrag wird nicht stark ins Gewicht fallen. Und die Ausgaben für Bildung und Forschung werden auch künftig stärker anwachsen als das Total der Bundesausgaben. Im Übrigen ist es nicht per se falsch, wenn auch das Hochschulsystem etwas unter Druck steht und das Geld so effizient wie möglich einsetzen muss. Man kann nicht einfach behaupten, alles, was mit Bildung zu tun habe, sei gut und habe automatisch mehr Geld verdient.
Wie lange kann die Schweiz ihre Studienplätze denn noch so billig anbieten? Oder anders gefragt: Müssen die Studiengebühren generell steigen?
Die Schweiz ist keine Ausnahme, bei unseren Nachbarn kostet ein Studium nicht viel mehr. Der Trend geht aber fraglos dahin, dass man sagt: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Es gibt heute Studenten, die nach innerlicher Aufgabe nur an der Universität immatrikuliert bleiben, um günstiger ins Kino zu kommen oder von anderen Aktionen zu profitieren. So stimmt das Verhältnis nicht.
Wie hoch dürfen die Gebühren denn sein?
Ich erachte die Tessiner Lösung als vernünftig. Dort kostet ein Semester 4000 Franken, wobei der Betrag aber für all jene, die eine finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand mitbringen, auf 2000 Franken halbiert wird. Diese Gebührenordnung besteht seit 15 Jahren, und sie funktioniert gut. Ein Studium ist damit rund doppelt so teuer wie im Schweizer Standard, aber ich denke, diese Verdoppelung ist vertretbar. Würde man die Gebühren überall auf dieser Höhe festsetzen, käme eine halbe Milliarde Franken mehr ins System. Mit diesem Geld könnte man immerhin alle Kapazitätsprobleme an den Unis lösen.
Dafür würde der Bundesplatz von protestierenden Studenten belagert.
Im Tessin jedenfalls gab es keine Proteste. Dort hat auch die SP dieser Gebühr zugestimmt. Und im Vergleich zu England sind 4000 Franken pro Semester immer noch bescheiden. Natürlich müsste eine solche Gebührenerhöhung von einer besseren Begleitung der Studenten begleitet sein. Im Tessin springen viele private Stiftungen mit finanzieller Hilfe ein.
Oder man harmonisiert und erhöht die Stipendien, wie dies die Studenten in einer Initiative fordern.
Das Stipendienwesen wurde mit dem neuen Finanzausgleich und nach langen Diskussionen bei den Kantonen belassen. Diese sind daran, in einem Konkordat Mindeststandards festzulegen. Das ist der Weg, den man nun gehen sollte.
In anderen Bildungsbereichen hat die Bundespolitik weniger Mühe, Vorgaben zu machen – etwa bei der Anzahl der Turnstunden oder mit einer Initiative für mehr Musikunterricht in der Schule.
Leider. Ich verstehe nicht, wieso das Parlament sagen will, wie viele Turn- oder Musikstunden in Kantonen unterrichtet werden müssen, umso mehr, als der Bund an diesen Bereich nichts zahlt. Es gibt immer noch den Grundsatz: Wer zahlt, befiehlt. Der Bund sollte sich darum im Schulwesen sehr zurückhalten.
Seit Jahren wird beim Bund über ein neues Bildungsdepartement diskutiert. Was halten Sie davon?
Ich kann nur sagen, dass ein Bildungsdepartement Vor- und Nachteile bringen würde. Der Koordinationsaufwand würde geringer, und ein eigenes Departement würde den politischen Fokus auf die Bildung schärfen. Dies könnte umgekehrt wieder eine Gefahr darstellen. Meiner Meinung nach brauchen Bildung und Forschung einen gewissen Abstand von der Hektik der Tagespolitik. Ich bin nicht so sicher, dass es dem Bildungssystem förderlich ist, wenn sich die Politiker zu viel damit beschäftigen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.12.2010, 20:50 Uhr
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34 Kommentare
Ich glaube nicht, dass Basel, Genf oder Zürich tatsächlich auf das Wirtschaftliche Niveau des Kantons Tessin hin möchten um auch so einen tiefen Bedarf an gut ausgebildetenen Jungen zu haben wie das Tessin. Dort hats ja nicht mal eine Volluniversität! Wenn man nur BWL und Jus anbietet, kann man natürlich einfacher hohe Gebühren verlangen. Aber eine funktionierende Gesellschaft braucht mehr! Antworten
1. die studenten die eingeschrieben sind und nicht studieren sind nicht das problem - die sind ja nicht da... 2. die hohen studiengebüren im tessin führen einfach dazu, dass die tessiner ausserhalb des kantons studieren... also auch keine globale lösung. 3. wenn die studentenzahlen sich in 10 jahren verdoppeln und das budget nur um 50% wächst muss man doch von ner budgetkürzung sprechen. Antworten
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