Schweiz

Mit Tipp-Ex gegen Liebe und Sexualität

Von Erwin Haas. Aktualisiert am 02.11.2010 5 Kommentare

Der Walliser Staatsrat Claude Roch lässt ein Lebenskunde-Schulbuch zensieren. Der dienstälteste der FDP ist schon vor zwei Wochen aufgefallen.

Will sündige Internetadressen mit solidem Klebematerial eliminieren: Der Walliser Bildungs- und Kulturdirektor Claude Roch.

Will sündige Internetadressen mit solidem Klebematerial eliminieren: Der Walliser Bildungs- und Kulturdirektor Claude Roch.
Bild: Keystone

Der Walliser Bildungs- und Kulturdirektor Claude Roch (65) hat eine Massnahme mit erzieherischer Sprengkraft verordnet: In einem Brief an die Schulen im Kanton hat er verfügt, das Oberstufenlehrmittel «Schritte ins Leben» zu zensieren und «umgehend mit der notwendigen Subtilität dafür zu sorgen», dass die Internetadressen des Kapitels Liebe und Sexualität «mittels Tipp-Ex oder anderer solider Klebematerialien eliminiert werden».

Die Tipps gehen zu weit

Roch wollte den Befehl nicht an die grosse Glocke hängen, doch einige Empfänger liessen die «notwendige Subtilität» vermissen. Denn der «Blick» hat die Weisung gestern publiziert – zusammen mit geharnischten Reaktionen. Lehrer und Politiker sprechen von einem lächerlichen Vorgehen und einem Walliser Schildbürgerstreich.

Mit dem Tipp-Ex zielt Roch auf Internetsites wie feelok.ch, lilli.ch oder mysize.ch, die Jugendliche über Sexualität aufklären. Für Bildungsdirektor Roch gehen die Sexualpädagogen dabei zu weit. Denn sie scheuen nicht vor Tipps zu Selbstbefriedigung, Verführung und Erregungstechniken bis hin zum Analsex zurück.

Das eben überarbeitete Lehrmittel «Schritte ins Leben» ist das in der Deutschschweiz am meisten verbreitete Schulbuch zur Persönlichkeitsbildung und bietet laut dem Klett-Verlag «vielfältige Anregungen für die Einzel-, Partner-, Gruppen- oder Klassenarbeit». Anregungen sexueller Art in einem Lehrmittel für 13- bis 15-Jährige findet Roch aber fehl am Platz. «Nichts gegen das Buch», sagt er, «das ist gut. Es geht nur um die Internetadressen.»

Bisher kaum aufgefallen

Dass die Jugendlichen die überklebten Stellen zu Hause wohl sofort freirubbeln werden, kümmert Roch nicht. Die Erziehung sei Aufgabe der Eltern, erklärt er. Dem Staat und der Schule obliege vorwiegend die Bildung. Mit der Weisung sei er nur dem Rat seiner Abteilung für Unterricht gefolgt.

Claude Roch, dienstältester und einziger Staatsrat der FDP, ist bisher nicht als Hardliner aufgefallen – mit einer Ausnahme: Vor zwei Wochen stützte er den Entscheid der Walliser Gemeinde Stalden, einen kruzifixkritischen Lehrer fristlos zu entlassen, und verweigerte dessen Rekurs die aufschiebende Wirkung. Im Grossrat berief er sich auf das Walliser Bildungsgesetz, das die Erziehung der Kinder zu humanen und christlichen Menschen verlangt, sowie auf die Gemeindeautonomie bei der Anstellung von Lehrern.

Das welsche Fernsehen fragte Roch vor den Walliser Wahlen 2009 halb ernst und halb scherzhaft, wie er reagieren würde, wenn ihn die Schauspielerin Monica Bellucci in einer Hotelbar auf ihr Zimmer einlüde. Er sagte, er würde ihr einen Whisky offerieren – «aber in der Bar».

Der Mann der machbaren Schritte

Der Absolvent der Handelshochschule an der Uni Lausanne und frühere Gemeindepräsident seines Heimatortes Port-Valais war bis zu seiner Wahl in den Staatsrat 2001 Vize-Finanzdirektor bei Nestlé. Er ist stets konziliant und korrekt – «für einen Politiker fast zu höflich und zurückhaltend», wie der «Walliser Bote» schreibt.

Im Bildungswesen gilt er als Mann der kleinen und machbaren Schritte, der viel Wert legt auf die kulturelle Einheit des zweisprachigen Kantons. Mit seinen eigenen Kindern, die heute 25 und 22 Jahre alt sind, sei er «sehr offen umgegangen» – auch was die Sexualerziehung betreffe: «Vielleicht haben wir einfach diese Probleme nicht gehabt, die es heute damit gibt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2010, 08:24 Uhr

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5 Kommentare

Urs Brunner

02.11.2010, 09:50 Uhr
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Von Erziehung hat dieser Mann offenbar nicht viel Ahnung. Da könnte er gleich neben die Adressen schreiben "Anklicken für Walliser Schüler verboten". Ist doch klar, was Jugendliche da als erstes machen werden. Antworten


Peter Niederer

02.11.2010, 10:49 Uhr
Melden

65 ? da soll er sich doch bitte zurückziehen und seine Rente geniessen und nicht die Welt mit altertümlich anmutendem Stil regieren wollen.... denn er trägt nicht die Konsequenzen, die sein Handeln bewirken. Die konsequenzen einer unglaubwürdigen Erziehung können dann die nachfolgenden Menscchen tragen... Nach uns die Sintflut. Antworten



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