Lohngleichheit ja, Staatseingriffe nein

Simonetta Sommaruga prüft Möglichkeiten zur Verbesserung der Frauenlöhne. Staatliche Massnahmen kommen aber schlecht an – selbst bei CVP-Politikerinnen.

Demonstrantinnen fordern am 1. Mai 2011 in Basel Lohngleichheit. Seither ist nicht viel passiert. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Demonstrantinnen fordern am 1. Mai 2011 in Basel Lohngleichheit. Seither ist nicht viel passiert. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Ein klarer Fall für den Staat. Danach sieht die Sache auf den ersten Blick aus. Ende Februar endete der freiwillige Lohngleichheitsdialog mit einem für die Wirtschaft wenig schmeichelhaften Ergebnis: Nur rund 50 Unternehmen hatten bei diesem 2009 gestarteten Projekt mitgemacht und ihr Lohnsystem überprüfen lassen, um allfällige Diskriminierungen von Frauen zu beseitigen. Ende April zeigten neue Statistiken des Bundes ebenfalls Unerfreuliches: Das seit über 30 Jahren in der Verfassung verankerte Recht auf gleichen Lohn für Mann und Frau gilt weiterhin nur auf dem Papier.

Der mittlere Frauenlohn lag 2012 um 18,9 Prozent unter dem mittleren Männerlohn. Einen Teil des Unterschieds führen Experten auf Diskriminierung zurück.

Heute Donnerstag wiederholen Gewerkschaftsfrauen an einer Medienkonferenz ihre Forderung nach staatlichen Lohnkontrollen. Mit Freiwilligkeit sei die Lohngleichheit nicht durchzusetzen, wie der Lohngleichheitsdialog gezeigt habe. Die Gewerkschafterinnen wollen Simonetta Sommaruga den Rücken stärken. Die SP-Bundesrätin will nach den Sommerferien ein Papier mit Handlungsoptionen in den Bundesrat bringen. Eine von ihr bestellte Studie des ­Luzerner Beratungsbüros Interface und der Universität Bern von 2013 empfiehlt etwa Lohninspektionen und ein Klagerecht der Behörden.

Ein Gütesiegel für Firmen

Doch politisch haben es solche staatlichen Eingriffe schwer. Das gilt auch für die Idee von Sozialdemokraten und ­Gewerkschaftern, dass die bestehenden ­tripartiten Arbeitsmarkt-Kommissionen der Kantone und des Bundes die Lohnbuchhaltungen künftig zusätzlich auf Diskriminierungen von Frauen durchforsten sollen.

«Staatliche Intervention zugunsten der Lohngleichheit ist nach wie vor nicht mehrheitsfähig», sagt CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz, die seit Jahren für die Sache der Frauen kämpft. Gerade die Zurückhaltung von Meier-Schatz, die selbst im linken CVP-Flügel auf wenig Support schliessen lässt, ist der letzte Beweis dafür, dass das Vorhaben der Justizministerin chancenlos ist.

Damit trotzdem etwas geht, kann sich Meier-Schatz nun eine Lösung vorstellen, die auf den Wettbewerb zwischen den Unternehmen um gut qualifiziertes Personal setzt. «Angesichts des sich verschärfenden Mangels an Fachkräften ist eine Firma im Vorteil, die Frauen den gleichen Lohn bezahlt wie Männern.» Konkret plädiert die CVP-Politikerin dafür, dass Firmen ihre Anstrengungen für die Lohngleichheit von einer unabhängigen, anerkannten Fachstelle zertifi­zieren lassen und sich je nach Resultat mit einem Gütesiegel schmücken dürfen. Wichtig sei, dass die Zertifizierung nicht einmalig sei, sondern in regelmässigen Abständen wiederholt werden müsse. Eine Variante wäre Meier-Schatz zufolge das von der Schweizerischen Vereinigung für Qualitäts- und Management-Systeme angebotene mehrstufige Zertifizierungssystem von Lohnge­rechtigkeit.

«Mit positiver Abgrenzung lässt sich für die Lohngleichheit mehr erreichen, als wenn der Staat mit dem Finger nur auf schwarze Schafe zeigt», sagt Meier-Schatz. Ein Mitwirken des Staates brauche es aber dennoch. So müsste nach Vorstellung der CVP-Frau ein vom Bundesrat eingesetzter Expertenpool den Anbietern von Zertifizierungsprogrammen klare Vorgaben machen und «einen Lohn-Benchmark für einzelne Branchen» veröffentlichen. Nur so entstehe der nötige Druck.

Zeitlichen Druck aufsetzen

Der Vorschlag, betriebliche Anstrengungen für die Lohngleichheit zu zertifizieren und mit einem Label zu versehen, stammt vom Arbeitgeberverband. SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen sieht darin ein Ablenkungs­manöver: Alles, was freiwillig sei, führe nicht zum Ziel. Der Arbeitgeberverband widerspricht: Das Problem des Lohngleichheitsdialogs sei nicht die Freiwilligkeit gewesen, sondern vielmehr, wie er aufgegleist worden sei. Der Widerwille, die eigene Lohnbuchhaltung den Gewerkschaften zu zeigen, und Skepsis gegenüber der Aussagekraft der Prüfmodelle hätten viele Unternehmen davon abgehalten, beim Projekt mitzumachen.

Kiener Nellen ahnt, dass sich die Arbeitgeber mit der Freiwilligkeit wohl durchsetzen. Sie plant deshalb eine ­Motion, die wenigstens zeitlich Druck macht: Der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen müsste jährlich um 2 Prozent verringert werden. «So wären wir 2025 endlich am Ziel.»


Unterschied wird wieder grösser

Der Unterschied bei den Löhnen von Frauen und Männern wurde lange Zeit kleiner. Zwischen 2010 und 2012 hat er jedoch wieder zugenommen: um 0,5 auf 18,9 Prozent. Dies war die Hauptaussage der Lohnstrukturerhebung 2012, die das Bundesamt für Statistik (BFS) Ende April publiziert hat. Gemäss Schätzungen des Bundesamts waren 66,9 Prozent der 339 000 Niedriglohnempfänger Frauen. Sie arbeiten in den typischen Tieflohnbranchen Detailhandel, Beherbergung und «andere Dienstleistungen».

Ein Teil der Unterschiede seien strukturell begründet, etwa mit unterschiedlicher Bildung, Verantwortung oder Berufserfahrung. Allerdings fällt der geschlechterspezifische Lohnunterschied nach Berechnungen des BFS auch bei gleichwertigem Profil fast immer zuun­gunsten­ der Frauen aus. So verdienten 2012 beispielsweise 40- bis 49-jährige Arbeitnehmerinnen mit hohem Ver­antwortungsniveau durchschnittlich 25,1 Prozent weniger als gleichaltrige Männer mit demselben Profil. Beim niedrigeren Anforderungsniveau sind diese Lohnunterschiede weniger aus­geprägt. Beispielsweise verdienen Frauen ohne Führungsposition mit einer Lehre durchschnittlich 12,4 Prozent ­weniger als Männer derselben Kategorie. Mit anderen Worten wird der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen tendenziell grösser, wenn die Anforderungen und das Verantwortungsniveau zunehmen.

Die Lohnstrukturerhebung basiert auf 1,5 Millionen Angaben von 35 000 öffentlichen und privaten Firmen. (bl)


Gütesiegel: Arbeit für die Gleichheitsexperten

Löhne sind eine delikate Sache. So gibt es grössere Unternehmen, die zwar Lohngleichheitsanalysen durchführen, den Gewerkschaften aber keinen Einblick gewähren wollen – aus Angst, in der Lohnpolitik die Kontrolle zu verlieren. Bürgerliche Politiker propagieren deshalb im Kampf für die Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen die Zertifizierung betrieblicher Anstrengungen durch neutrale Stellen.

Ein dreistufiges Zertifizierungssystem bietet zum Beispiel die Schweizerische Vereinigung für Qualitäts- und Managementsysteme (SQS) mit «Fair Compensation» an. Zuerst werden die Daten mit dem Tool Logib ausgewertet, das ein erstes Bild ermöglicht, wie gross die Lohnungleichheit in einem Unternehmen ist und welche Teile davon sich nicht durch Unterschiede in den persönlichen Qualifikationen der Mitarbeitenden oder in stellenbezogenen Merkmalen erklären lassen. Logib wurde 2006 vom Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) im Auftrag des Eid­genössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann für die Schweiz entwickelt.

In einem zweiten Schritt wird im SQS-Modell die Lohngerechtigkeit innerhalb der einzelnen Funktionen qualitativ überprüft, was Aussagen über die interne Fairness ermöglicht. Schliesslich werden alle lohnrelevanten Reglemente und Bestimmungen analysiert.

Zertifizierungsprogramme mit Gütesiegel bieten etwa auch die Stiftung Equal-Salary und die EDGE Certified Foundation an. (paf) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2014, 22:52 Uhr

Simonetta Sommaruga. Foto: Keystone

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