Kontaktbörsen für Bundesbeamte
Von Verena Vonarburg. Aktualisiert am 08.10.2010 4 Kommentare
Vorne referiert einer der beliebtesten Bundesräte, den die Schweiz je kannte: Willi Ritschard. Hinten, unter den Zuschauern, sitzt ein junger Mann, der die Karriere noch vor sich hat: Oswald Sigg, Angestellter in der Bundeskanzlei. Der Zürcher Sigg und der Solothurner Ritschard, beide Sozialdemokraten, lernen sich an diesem Treffen des Vereins der SP-Bundesbeamten kennen und schätzen. Wenige Jahre später, 1980, befördert Ritschard den jungen Genossen zu seinem Pressechef im Finanzdepartement. Sigg steigt später über diverse Stationen bis zum Bundesratssprecher auf.
Das ist nur eines von vielen Beispielen. Parteien fördern hinter den Kulissen die Karrieren ihrer Bundesangestellten und schaffen ihnen die Möglichkeit, sich mit politisch Gleichgesinnten über die Departemente hinweg zu vernetzen. Von diesen Parteienkontaktbörsen profitieren auch die Parlamentarier. Sie holen sich bei ihren Parteikollegen in der Verwaltung Informationen, an die sie sonst nicht so rasch kämen. Umgekehrt lobbyieren die Bundesbeamten mit ihren Anliegen bei den Parteikollegen im Parlament. Der Kontakt zu den Fraktionen ist eng und institutionalisiert.
«Eine gewisse Karrierepolitik»
Am konsequentesten und längsten betreibt die Linke in Bundesbern das, was man wohlwollend als Netzwerk, kritisch als Filz bezeichnen kann. Der Verein SP-Gruppe Bundespersonal existiert seit Jahrzehnten und figuriert als eine Sektion der SP Schweiz. Die Statuten benennen als Zweck unter anderem «die Stärkung der fortschrittlichen Kräfte innerhalb und ausserhalb der Bundesverwaltung im Sinne des SP-Parteiprogrammes».
Die SP verfolge über diesen Verein durchaus «eine gewisse Karrierepolitik mit dem Bundespersonal», sagt Sigg, heute pensioniert, noch immer aber Vereinsmitglied. «Die Parteien müssen dafür sorgen, dass die Parteienstärke auch beim Verwaltungspersonal zum Tragen kommt.» 350 bis 400 Bundesangestellte mit SP-Parteibuch gehören dem Verein an, der von Martin Krebs, angestellt im Aussendepartement von Micheline Calmy-Rey, präsidiert wird. Die Mitglieder sind hauptsächlich den Besserverdienenden unter dem Bundespersonal zuzurechnen. «Spötter bezeichnen die SP-Gruppe als einen verkappten Kaderklub», räumt Krebs ein. Es handle sich vor allem um das untere und mittlere Kader, auch SP-Amtsdirektoren gehörten der Gruppe an. Früher, mit Mitgliedern von Post und SBB, war das Spektrum breiter. Die vollständige Mitgliederliste wird nicht veröffentlicht, da nicht alle Mitglieder gegen aussen als Sozialdemokraten in Erscheinung treten wollen.
Die SVP im Dilemma
Im Unterschied zur SP kennt die SVP derzeit keinen parteieigenen Bundesangestellten-Verein. «Wir hatten so etwas mal in den 90er-Jahren», erinnert sich SVP-Generalsekretär Martin Baltisser, «aber es ist wieder eingeschlafen.» Man habe daraufhin immer mal wieder diskutiert, ob eine Gruppe dieser Art reaktiviert werden sollte. Seine Partei befinde sich in einem Zwiespalt: An sich könnte und müsste auch die SVP an solchen informellen Kontakten ein Interesse haben, «gleichzeitig sind wir aber auch diejenigen, die den Filz kritisieren». Die SVP hat, gemessen an ihrer Parteienstärke, relativ wenig Chefbeamte in der Bundesverwaltung.
Von den grossen Parteien kennt neben der SP auch die FDP eine formelle Parteigruppe von Bundesangestellten. Sie zählt knapp 250 Mitglieder und tritt unter dem Namen FDP Service public auf. Der Verein als Teil der FDP Schweiz verfolgt laut Präsident Beat Schlatter das Ziel, liberales Gedankengut «in der Verwaltung zu bündeln und bei den Personen zu verbreitern».
Ein Apéro bei den Grünen
Die Gewerkschaften seien in der Verwaltung relativ stark vertreten. «Da braucht es einfach einen Gegenpol.» Schlatter, VBS-Mitarbeiter, setzt sich zum Ziel, künftig auch Angestellte öffentlicher Dienste aus den Kantonen ins freisinnige Beamten-Netzwerk zu integrieren. Wie die Linke hält auch die FDP die Mitgliederliste unter Verschluss. Laut Präsident Schlatter reicht sie «vom Topshot bis zum fachtechnisch hochgestellten Sachbearbeiter».
Die Netzwerkorganisation der CVP nennt sich Forum politique suisse. Ein Ziel auch hier: CVP-Berufseinsteigern bei der Karriereplanung behilflich zu sein. Das Forum unterhält «eine grosse Datenbank zur Unterstützung der Mitglieder bei der beruflichen Laufbahnplanung», wie es auf der Website heisst.
Die Grünen offerieren ihrem Bundespersonal einmal pro Jahr einen Apéro. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.10.2010, 23:35 Uhr
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4 Kommentare
Mehrmals habe ich mich (gemäss SECO: sehr gut qualifiziert) bei den Bundesverwaltungen beworben, bis mir jemand durch die Blume zu erkennen gab, dass ich als parteiloser wenig Chancen hätte. Bekenne dich und es wird dir etwas zugewiesen, aussuchen geht nur bedingt. Das sind ja super Voraussetzungen für Motivation & gute Arbeit. Soviel Filz das es schon schimmelt! Antworten
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