Schweiz

Kollateralgeschädigt durch die Libyen-Affäre

Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 05.07.2010 5 Kommentare

Der Schweizer Pilot Frédéric Dubois flog für eine libysche Ölfirma. Er sass im Land fest, verlor die Stelle und fand keine neue.

Die Schweizer Botschaft in Tripolis: Frédéric Dubois nahm vergeblich mit ihr Kontakt auf.

Die Schweizer Botschaft in Tripolis: Frédéric Dubois nahm vergeblich mit ihr Kontakt auf.
Bild: Keystone

Frédéric Dubois

Frédéric Dubois ist mit der ersten Maschine aus Genf in Kloten gelandet, als Passagier. Der frühere Crossair-Pilot fliegt seit zwei Jahren nicht mehr selber, obwohl er gerne möchte. Als Instruktor erteilt er tageweise Kurse für die Swiss Aviation Training. Bei einem Kaffee aus dem Pappbecher erzählt der charmante Monsieur aus Nyon erstmals einer Zeitung seine Geschichte:

«Im August 2007 fing ich an, für Sirte Oil, eine grosse libysche Erdölfirma, zu arbeiten. Der Sitz liegt in Marsa al-Brega im Golf von Sirte, wo Muammar Ghadhafi oft sein Zelt aufschlägt. Ich flog Angestellte von dort in die Hauptstadt Tripolis und zurück.

Mein Arbeitsvertrag war ausgezeichnet. Einen Monat arbeitete ich in Libyen, einen Monat hatte ich Freizeit in der Schweiz. Ein Jahr lang ging alles gut. Ich mochte meine Arbeit, das schöne Land, die netten Leute. Aber leider gibt es in Libyen dieses totalitäre Regime.

«Mach dir keine Sorgen!»

Im Internetcafé der Firma unterhielt ich mich über Skype oft mit meiner Frau daheim. Im Juli 2008 erfuhr ich von ihr, dass es in Genf Probleme mit Ghadhafi junior gebe.

Über das Satellitenfernsehen verfolgte ich die Eskalation. ‹Hannibal macht immer wieder Probleme›, beruhigten mich meine Arbeitskollegen. ‹Er ist nicht beliebt bei der Bevölkerung. Mach dir keine Sorgen. In Kürze wird die Sache beigelegt sein.› Auch der Vorsitzende der Ölfirma erzählt mir, sie hätten Ende der 90er-Jahre sogar US-Techniker in den Ölfeldern beschäftigt, während die Amerikaner Tripolis bombardierten. Diese Angestellten hätten nie Schwierigkeiten bekommen.

Probleme mit dem Visum

Um das Land zu verlassen, brauchte ich jedes Mal ein neues Visum. Meinen Pass händigte ich jeweils unserer Personalabteilung aus, die sich darum kümmerte. Normalerweise erhielt ich meine Papiere zehn Tage vor meinem Abflug zurück. Doch dieses Mal passierte nichts.

Ich kontaktierte die Schweizer Botschaft in Tripolis. Dort herrschte grosser Stress. ‹Kommen Sie ja nicht vorbei!›, hiess es vom anderen Ende der Leitung, ‹das ist viel zu gefährlich.› Es habe Demonstranten draussen vor der Botschaft. ‹Wenn Sie dort verhaftet werden, können wir nichts für Sie tun.› Die Botschaft gab mir eine Notfallnummer. Falls es Probleme gäbe, solle ich anrufen.

Mister Ali wird lauter

Das Datum für den Rückflug in die Schweiz nahte. Und ich hatte meinen Pass immer noch nicht. Ein Flug mit dem Vorsitzenden der Ölgesellschaft stand an. Wie immer stieg er zu mir ins Cockpit. ‹Mister Ali›, sagte ich, ‹wir haben ein Problem. Ich brauche Ihre Hilfe. Vorher fliegen wir nicht los.› Mister Ali zückte sein Handy, sprach auf Arabisch. Er wurde immer lauter, er schrie. Und er fand heraus, wo mein Pass steckte. Mister Ali versprach, er werde sich persönlich um die Angelegenheit kümmern. Wir starteten. Doch nichts tat sich. Die Schweizer Botschaft riet: ‹Lassen Sie all Ihre Beziehungen spielen. Verlassen Sie das Land unverzüglich, sobald Sie können.›

Mein direkter Vorgesetzter versprach, mit dem Ölminister zu reden. Mein Pass liege beim Migrationsamt bereit, hiess es am Tag vor meinem Heimflug. Mein Chef begleitete mich dorthin. Zuvor schimpfte er mit mir, weil ich Druck auf das Management gemacht hatte. Auf dem Amt wurden wir von Büro zu Büro gewiesen. Mein Vorgesetzter insistierte. Er sagte, ich solle warten, und verschwand. Er kam zurück. Und hatte meinen Pass dabei. Samt Ausreisevisum. Meinen Rückflug hatte ich allerdings verpasst.

«Swiss, Swiss, Swiss.»

Am nächsten Tag checkte ich ohne Aufsehen nach Frankfurt ein. Am Ausreiseschalter aber kontrollierte ein Beamter meinen Pass. Als er das Schweizer Kreuz sah, rief er seinem Kollegen zu: ‹Swiss, Swiss, Swiss.› Man sagte mir: ‹No problem. Setzen Sie sich.› Ich wartete und wartete. Ich hörte den letzten Aufruf für meinen Rückflug. Ich sass in der Klemme.

Ich wollte mich am Schalter erkundigen, was los war. ‹Setzen Sie sich›, fauchte mich der Beamte an. ‹No problem.› Dann schloss er den Schalter. Ich rief die Botschaft an und schilderte meine Lage. Man sagte mir, ich solle mein Handy einem Flughafenangestellten in die Hand drücken. Was ich auch tat. Plötzlich ging eine Tür auf. Ein Herr kam auf mich zu mit meinem Pass, schlug ihn auf und fragte: ‹Sind Sie das?› Ich sagte: ‹Ja.› Er sagte: ‹Schnell. Steigen Sie ein.› Das Flugzeug hatte auf mich gewartet. Wir hoben ab.

Die Psychospiele mit Schweizern

Später erfuhr ich, dass dieses Psychospiel auch mit anderen Schweizern gemacht wurde, bevor sie ausreisen konnten. Dies hat mir Rachid Hamdani erzählt, der viel länger festgehalten wurde und der nur rund einen Kilometer von mir entfernt bei Nyon wohnt. Verglichen mit ihm oder mit Max Göldi, bin ich glimpflich davongekommen. Ich habe nur einen Kollateralschaden erlitten in der Krise zwischen der Schweiz und Libyen.

Meine gute Stelle aber war ich los. Seit fast zwei Jahren habe ich keine Festanstellung mehr gefunden. Als 58-Jähriger ist es schwierig, einen Job als Pilot zu finden. Praktisch überall liegt die Alterslimite bei 55 Jahren. Zweimal wollte mich ein englisches Personalbüro nach Nordafrika vermitteln. Beide Male nach Libyen. Ich habe dankend abgelehnt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2010, 08:08 Uhr

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5 Kommentare

Toni Lauber

05.07.2010, 10:30 Uhr
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@Paul Rohner: Sie haben es genau auf den Punkt gebracht: es wird fuer alle etwas getan, nur nicht fuer die, die nichts getan haben. Antworten


Paul Rohner

05.07.2010, 09:21 Uhr
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Bedauerlicher Weise sind Sie Schweizer. Wären Sie als ilegaler Staatsangehöriger hier, hätten Sie schon lange wieder Arbeit. Diese verfügen über verschiedene kirchliche, parteiliche und private Organisationen. Dies ist wenn auch traurig, leider die Wirklichkeit. Schweizer die durch obrigkeitliche Dummheiten ihre Arbeit verlieren, haben da natürlich nichts zu erwarten. Weit haben wir es gebracht. Antworten



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