Jugendliche mit Migrationshintergrund begehen doppelt so viele Gewaltdelikte
Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 25.08.2009
Karin Keller-Sutter. (Bild: Keystone)
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Kampfsportarten animiert zu Gewaltakten
St. Gallen. - Ein Viertel aller Jugendlichen im neunten Schuljahr haben bereits mindestens einmal eine Körperverletzung oder einen Raub begangen, an einer Gruppenschlägerei mitgemacht oder sexuelle Gewalt ausgeübt.
Dies zeigt eine Studie, die der Zürcher Kriminologe Martin Killias mit 5200 Jugendlichen im Kanton St. Gallen durchgeführt hat. Die Gewalterfahrungen von Jugendlichen sind somit um ein Vielfaches grösser, als dies aus Polizeistatistiken hervorgeht.
Auf der Suche nach Ursachen und Einflussfaktoren hat sich gezeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund fast doppelt so viele Gewaltdelikte verüben wie Schweizer. Weiter spielt das Ausgehverhalten der Jungen eine zentrale Rolle. Drei Viertel aller Delikte werden im öffentlichen Raum begangen, und in den Nachtstunden ist das Gewaltpotenzial besonders hoch.
Verblüffend ist die Erkenntnis, dass die Ausübung von Sport nicht immer gewaltpräventiv wirkt. Die Ausübung von Kampfsportarten, Fussball oder Eishockey ist mit erhöhter Gewalt verbunden. Laut Killias bleibt aber offen, «inwieweit diese Sportarten wirklich aggressiver machen oder sich diejenigen zu diesen Sportarten hingezogen fühlen, die ohnehin ein aggressives Potenzial haben. (ac)
Jugendliche mit Migrationshintergrund begehen fast doppelt so häufig Gewalttaten wie Schweizer. Sind Sie überrascht?
Ja und Nein. In den Polizeistatistiken gibt es ja die gleiche Tendenz. Sehr irritiert hat mich aber, dass es zwischen erster und zweiter Generation fast keinen Unterschied gibt. Letztere sind ja in der Schweiz geboren und aufgewachsen.
Also hat die Integration total versagt?
Viele ausländische Jugendliche sind offenbar bloss oberflächlich integriert. Sie vermischen sich wenig mit Schweizern und bleiben auch im Ausgang, wo die meisten Gewalttaten geschehen, unter sich.
Wichtiger Integrationsort wäre die Schule. Läuft da etwas schief?
Insgesamt glaube ich nicht. Die Studie zeigt ja auch, dass nur ein verschwindend keiner Teil der Gewaltdelikte in der Schule geschehen. Drei Viertel passieren im öffentlichen Raum.
Das Gewaltpotenzial von Jugendlichen korreliert aber auch mit Schulfrust.
Richtig. Schulfrust ist jedoch bloss einer unter mehreren Risikofaktoren. Eine viel wichtigere Rolle spielt das Herumhängen mit Kollegen. Und da versagt bei jungen Männern offenbar die elterliche Kontrolle.
Einer der grössten Risikofaktoren ist der Ausgang bis tief in die Nacht. Plädieren Sie für Ausgangsverbote nach Mitternacht?
Nein. Man kann das Rad im Freizeitverhalten der Jugendlichen nicht zurückdrehen und etwa die Nachtzüge des Zürcher Verkehrsverbunds abschaffen. Die Jugendanwaltschaft kann und soll bei straffälligen Jugendlichen individuelle Ausgangssperren verhängen. Letztlich obliegt die Kontrolle über das Ausgangsverhalten aber nicht dem Staat, sondern den Eltern. Die Polizei kann nicht Kindermädchen spielen und alle 16-Jährigen zu einer bestimmten Zeit nach Hause schicken.
Ein überraschendes Ergebnis der Studie besteht darin, dass aggressive Sportarten keine Ventilfunktion haben, sondern sogar zu Gewaltdelikten animieren.
Man muss relativieren: Die Gewaltdelikte geschehen ja nicht während des Fussball- oder Eishockeytrainings, sondern erst nachher im Ausgang.
Diese Sportarten sollten doch aber zu Teamgeist und Rücksichtnahme beitragen.
Das stimmt. Beim Reitsport oder Wandern gibt es aber auch keine Hooligans. Das Gewaltverhalten bei einzelnen Sportarten korreliert eben auch mit dem Verhalten des Publikums.
Müsste man den Jungen nicht empfehlen, vermehrt aggressionsfreie Sportarten wie Schwimmen oder Kunstturnen auszuüben?
Man darf den Zusammenhang nicht übergewichten. Nicht jeder, der Fussball spielt, wird gewalttätig. Mich hat eher erstaunt, dass selbst das Mitmachen in einem Fussballclub bezüglich Gewaltpotenzial keine Schutzfunktion zur Folge hat. Vielleicht gelingt es den Leitern oder Trainern oft zu wenig, zu schwierigen Jugendlichen eine emotionale Bindung aufzubauen. Gelingt die Beziehung, kann die Wirkung ja enorm positiv sein.
Muss das Jugendstrafrecht verschärft werden?
Nicht generell. Wichtig ist aber, dass eine Jugendstrafe aus therapeutischen Gründen nicht mehr zwingend mit 22 Jahren endet, sondern wie früher mit 25.
Die Zürcher SVP fordert beispielsweise einen vierjährigen Freiheitsentzug bereits für 14-Jährige.
In Einzelfällen haben Jugendliche in der Tat ein Täterprofil wie Erwachsene. Bei diesen muss es generell möglich sein, sie länger im Strafvollzug zu haben. Im Extremfall müsste man auch eine Verwahrung prüfen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.08.2009, 08:18 Uhr
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