Ist der Islamische Zentralrat eine Sekte?
Von Michael Widmer. Aktualisiert am 14.04.2010 24 Kommentare
Über 300 islamische Organisationen
Lebten 1970 rund 16300 Muslime in der Schweiz, hat sich die Zahl inzwischen auf rund 400000 erhöht. Zwischen 1990 und 2000 (der letzten Volkszählung) hat sich die Anzahl verdoppelt. Samuel-Martin Behloul, Dozent und Forschungsmitarbeiter am Religionswissenschaftlichen Seminar an der Uni Luzern, geht davon aus, dass der Zuwachs abflacht: «Zwischen 2000 und 2010 wird es nicht erneut zu einer Verdoppelung kommen.»
Vor allem Balkanmuslime
Die muslimische Gemeinde in der Schweiz ist sehr heterogen, den Muslim als solchen gibt es nicht: 56 Prozent stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien (Kosovo-Albaner und Bosnier), 20 Prozent aus der Türkei, 4 Prozent aus den Maghreb-Staaten, 3 Prozent aus dem Libanon und 15 Prozent aus Schwarzafrika. Dabei ist wie in vielen politischen Fragen ein «Röstigraben» auszumachen: In der Deutschschweiz finden sich überwiegend Muslime aus der Türkei und aus dem ehemaligen Jugoslawien, in der Romandie sind es eher Araber aus Nordafrika und dem Nahen Osten, während sich im Tessin nur wenige Muslime aufhalten.
Laut dem Islamexperten Andreas Tunger-Zanetti leben insbesondere Muslime vom Balkan einen sehr angepassten Islam und sind äusserst selten fundamentalistisch. Dies hat auch die Kommission für Migrationsfragen in ihrem 2005 veröffentlichten Bericht «Muslime in der Schweiz» konstatiert. Die Autoren befragten «gewöhnliche Muslime», und diese gaben an, dass ihre persönliche Grundhaltung den demokratischen Grundwerten der Schweiz nicht widerspreche.
180 Gebetslokale
Inzwischen existieren in der Schweiz nebst den vier Minaretten rund 180 islamische Gebetslokale, meist eingebettet in Kulturzentren mit weiteren Aktivitäten (Treffpunkte, Beratung, Nachhilfe, Jugendgruppen). Diese Zentren sind meist noch durch eine starke Verbindung zu ihrem jeweiligen Ursprungsland gekennzeichnet. Durch einen hohen Organisationsgrad und intensive Vereinsgründung zeichnen sich in der deutschen Schweiz insbesondere bosnische Muslime aus. Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios), geht von rund 300 islamischen Organisationen in der Schweiz aus. Laut www.islam.ch gibt es allein im Kanton Bern weit über 20 Organisationen, vom islamischen Zentrum Salah in Biel bis zu hin zur Türkisch-Islamischen Glaubensgemeinschaft in Münchenbuchsee.
Gregor Poletti (Berner Zeitung)
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Der Islamische Zentralrat IZRS sorgt verstärkt für Unruhe. Wie eine Recherche in muslimischen Kreisen zeigt, ist die Gruppierung unter Musliminnen und Muslimen inzwischen heftig umstritten. So will die Föderation der islamischen Dachorganisationen Schweiz (Fids) gemäss eigenen Angaben noch diesen Monat alle Verbände und Moscheen vor den Exponenten und der Propaganda des Rates warnen. Mit seinen Auftritten wolle dieser Stimmung machen und junge Muslime anlocken. Dabei sei die Organisation ein Arm des radikalen deutschen Predigers Pierre Vogel, so die Fids.
Abspaltung vollzogen
Derweil geht der Zentralrat auf seiner Internetseite in die Offensive. Vorab Präsident Nicolas Blancho nimmt zu den aktuellen Vorwürfen Stellung. Er dementiert nach wie vor (siehe auch Interview in der Ausgabe vom Montag), der Zentralrat schüre Gewalt.
Blancho wie auch Patric Jerome Illi alias Abdel Azziz Qaasim Illi, Kommunikationsverantwortlicher des Rates, studieren an der Universität Bern Islamwissenschaften. Wie die Leitung des Instituts für Islamwissenschaft und neuere orientalische Philologie um Reinhard Schulze und Anke von Kügelgen auf Anfrage dieser Zeitung mitteilt, beobachtet man die Entwicklung genau. Das Institut habe die islamische Religionslandschaft in der Schweiz und die Sektenproblematik unter muslimischen Gemeinschaften im Blick und erforsche diese Bereiche. Der aktuelle Befund: «Erste Untersuchungen deuten an, dass der Rat im Kontext einer innerislamischen Sektenproblematik gesehen werden kann.»
Bei dieser Problematik geht es gemäss Samuel-Martin Behloul, Islamwissenschafter an der Universität Luzern, um Gruppierungen, welche sagen, sie praktizierten den «echten» Islam. Sie spalteten sich von der Mutterreligion ab und klagten, die Mehrheit der Muslime habe sich vom Ursprung des Islam abgewendet.
Droht Unterwanderung?
Sektenproblematik – besteht gar die Gefahr, dass extremes Gedankengut in die Analysen des Instituts der Uni Bern einfliesst oder unter Studierenden gestreut wird? Die Institutsleitung winkt ab. Die Tatsache, dass zwei prominente Vertreter des Zentralrates Studenten an der Universität Bern seien, spiele bei der Forschung keine Rolle und habe keine Rückwirkung in Bezug auf die wissenschaftliche Arbeit. Am Institut studierten Personen verschiedenster ethnischer und/oder religiöser Herkunft. «Es ist uns ein Anliegen, dass die akademische Auseinandersetzung in einer offenen, von gegenseitigem Respekt geprägten Atmosphäre stattfinden kann», hält die Leitung fest. Im Übrigen werde die fachwissenschaftliche Ausbildung der Studenten strikte von deren konfessionellen Einstellung getrennt. Jede Rückwirkung der Islam-Interpretation auf die Studiensituation sei also unterbunden. Gemäss dem Rechtsdienst der Universität sind ausseruniversitäre Aktivitäten grundsätzlich Privatsache der Studierenden. «Ausseruniversitäre Aktivitäten könnten höchstens dann für die Universität von Relevanz sein, wenn durch sie gegen universitäre Rahmenbedingungen verstossen würde», so der Dienst. Dazu gehört zum Beispiel die Störung des Studienbetriebs.
Minderheit in Minderheit
Islamwissenschafter Behloul will die Rolle des Zentralrates nicht überbewerten. Noch sei der im letzten Oktober gegründete Verein zu jung, um klare Rückschlüsse über dessen Ziele und Aktivitäten zu ziehen. Der Fachmann kann sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht vorstellen, dass die Muslime scharenweise zu der Organisation überlaufen. Doch Behloul sagt auch: «Natürlich ist nicht auszuschliessen, dass Einzelpersonen mit radikalen Ansichten unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft im Zentralrat ihre geistig-ideologische Heimat finden könnten.» Ob dies zu einer direkten Bedrohung für die Schweizer Rechtsordnung werden könnte, bezweifelt Behloul eher, «da es sich um eine Minderheit innerhalb der Minderheit handelt».
Dennoch fühlen sich rechtskonservative Kreise herausgefordert. So will das Aktionskomitee «Gegen die strategische Islamisierung der Schweiz», welches aus dem Aktionskomitee «Stopp Minarett Langenthal» hervorging, dem Zentralrat ans Fundament. «Wir setzen alles daran, dass der Islamische Zentralrat Schweiz verboten wird», betont Daniel Zingg auf Anfrage. Aus den Statuten des IZRS gehe hervor, dass diese Vereinigung ein Parallelrecht einführen wolle und sich dabei auf die Scharia berufe. Derzeit kläre ihr Jurist ab, in welcher Form man vorgehe wolle.
Eine Randgruppe
Islamwissenschaftler Behloul, aber auch die Experten der Universität Bern halten indes fest, dass der Zentralrat unter den Muslimen heute kaum eine Bedeutung hat. Sie stellen eine mediale Überinterpretation des Zentralrates fest, «die nicht mit der wirklichen Stellung der Organisation in der islamischen Verbandslandschaft korreliert». Der Geltungsanspruch des Rates finde unter nichtorganisierten Muslimen bislang keine Anerkennung. Behloul hält fest: «Die Auftritte der Ratsmitglieder mit ihren langen Bärten und den langen Kleidern werden auch unter den Muslimen nicht nur gern gesehen. Gerade die grossen bosnischen und albanischen Gemeinden möchten nicht, dass der Islam mit extremem Gedankengut oder gar Terrorismus in Verbindung gebracht wird.» ()
Erstellt: 14.04.2010, 12:44 Uhr
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24 Kommentare
Der Islamische Zentralrat verstärkt sein öffentliches Auftreten seit dem Minarettverbot, weil er die jungen Leute ansprechen will, welche unzufrieden sind mit der passiven und angepassten Haltung der Verbände während der Abstimmungskampagne. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, abgewertet und verleumdet und suchen jemanden, der sie kraftvoll vertritt. Hier sieht der IZ seine Chance. Antworten
Ich weiss nicht, was die jungen Muslime für ein Problem haben. Hier haben nur wirklich alle die gleichen Chancen, wer willens ist, hart zu arbeiten, wird belohnt. Das schaffen Vietnamesen, Chinesen, Amerikaner, Philippinos und wer auch immer. Keiner von denen fordert eine Parallelgesellschaft. Nur einige Muslime tun sich schwer mit Arbeit. Als ob eine Parallelgesellschaft da Abhilfe schaffen kann. Antworten
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