In einer Reihe aufs Töpfchen

Auch Arbeitgeber sollen die Kinderbetreuung unterstützen – sie haben das grösste Interesse an Kitas, die zuverlässig und lang genug geöffnet sind.

Synchronität in einem bayrischen Kinderheim 1966. Foto: Ullstein Bild (Getty Images)

Synchronität in einem bayrischen Kinderheim 1966. Foto: Ullstein Bild (Getty Images)

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Die Ausgaben für die Kinderbetreuung belasten das Budget einer Familie enorm: Fast ein Fünftel ihres Einkommens gibt eine Familie in der Stadt Zürich im Durchschnitt dafür aus. So viel kostet es, wenn sie ihre zwei Kinder an dreieinhalb Tagen pro Woche betreuen lässt und wenn die Eltern zusammen 146 400 Franken brutto verdienen.

Dabei sind die Schweizer Kitas nicht die teuersten, wie eine Studie des Bundesrats aus dem Jahr 2015 zeigt. Kinderbetreuung ist auch in den Nachbarländern ein personalintensives Geschäft: Eine Mitarbeiterin kann im Durchschnitt nur etwa fünf «Kunden» betreuen, die Öffnungszeiten sind oft länger als ein Arbeitstag. So geben alle Kitas für das Personal am meisten Geld aus, oft sind es gegen 80Prozent aller Ausgaben.

In der Deutschschweiz geht gerne vergessen, dass es neben den Eltern und der öffentlichen Hand noch eine dritte Partei gibt: der Arbeitgeber. 

Theoretisch liessen sich die Kosten durchaus senken: Man könnte an den Vorgaben schrauben und ältere Kinder, solche im Kindergartenalter, in grösseren Gruppen betreuen – etwa in Gruppen von 12 statt 8 Kindern. Es genügte auch, wenn pro Kind 3 statt 5Quadratmeter Fläche zur Verfügung stünden. Das beweist der familienfreundliche Kanton Waadt. Dieser wiederum schreibt aber einen höheren Anteil an qualifiziertem Personal vor, was die Ausgaben wieder steigen lässt.

Die Eltern empfinden die Kosten auch selber als viel zu hoch. Nur: Weniger zahlen wollen sie auch nicht, wenn sich die Betreuerinnen dafür weniger um ihre Kinder kümmern. Eltern, die es sich leisten können, sind im Gegenteil dazu bereit, für eine intensivere Betreuung mehr zu zahlen. Heute, wo die Konkurrenz in der Arbeitswelt enorm ist, wo den Kindern nichts mehr geschenkt wird, wollen sie ihnen den besten Start ins Leben ermöglichen. So hat der freie Kita-Markt Standards gesetzt, welche die gesetzlichen Vorgaben sogar noch übertreffen. Insbesondere private Kitas, die keine Subventionen erhalten, stellen mehr Betreuerinnen ein, als sie müssten.

Die gesetzlichen Vorgaben

Heute ist es eine andere Klientel, die Kinder in eine Kita bringt. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren es Fabrik- oder Gastarbeiter. Sie konnten es sich nicht leisten, Ansprüche zu stellen, und mussten schon froh sein, wenn ihre Kinder überhaupt gehütet wurden. Aus dieser Zeit bleiben Fotos von düsteren Schlafsälen, voll gestellt mit Gitterbettchen. Oder von Kleinkindern, die in einer Reihe auf dem Töpfchen sitzen, am Fuss an ihr Bett angebunden. Es sind Bilder, vor denen es den Eltern heute graut.

Auch deshalb lassen sich heute gesetzliche Vorgaben höchstens sanft adjustieren, um die Kosten zu senken. Würden etwa die Gruppen vergrössert, wäre das kontraproduktiv: Gutverdienende suchten für ihre Kinder vermehrt eine Nanny oder brächten sie in Kitas, wo die Betreuerinnen Zeit haben, auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen. Zurück blieben Kinder, deren Eltern sich dies nicht leisten können.

Wie aber können Eltern finanziell entlastet werden? In der Deutschschweiz geht gerne vergessen, dass es neben den Eltern und der öffentlichen Hand noch eine dritte Partei gibt. Eine, die das grösste Interesse an einer Kinder­betreuung hat, die zuverlässig ist und ihre Öffnungszeiten der Arbeit anpasst: der Arbeit­geber. Früher richteten viele Fabriken Krippen ein, und noch heute engagieren sich Arbeitgeber in Deutschland, Frankreich oder auch in der Romandie. In den Kantonen Waadt und Freiburg etwa zahlen sie einen Bruchteil ihrer Lohnsumme – 0,08 Prozent – in einen Fonds ein. Mit diesem Geld wird die Kinder­betreuung mitfinanziert.

Wenige engagieren sich

In der Deutschschweiz hingegen beteiligt sich nur ein kleiner Teil der Arbeitgeber an der Kinder­betreuung, manche haben ihre Beiträge gar weg­gespart. Bezeichnenderweise engagieren sich hier vor allem jene Betriebe, die Mühe haben, genügend Fachkräfte zu finden, etwa Spitäler oder ICT-Firmen, Informations- und Kommunikationstechnologiefirmen. Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft fordern gerne mehr Eigenverantwortung und weniger Staat. Bei der Kinderbetreuung können sie beweisen, dass es ihnen ernst ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2017, 20:11 Uhr

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