Schweiz

In Mühleberg hat das lange Brüten bald ein Ende

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 11.02.2011 49 Kommentare

Wie das Dorf Mühleberg den Abstimmungskampf um das neue AKW bewältigte. Und warum man froh ist, dass nun abgestimmt wird.

Gut bewacht und stark umkämpft: Das Atomkraftwerk Mühleberg im Westen von Bern.

Gut bewacht und stark umkämpft: Das Atomkraftwerk Mühleberg im Westen von Bern.
Bild: Keystone

Abstimmung mit Strahlkraft

Zwar werden die Bernerinnen und Berner nur konsultativ befragt, doch das Resultat der Abstimmung hat eine grosse Signalwirkung. Sagt der Kanton am Wochenende Ja zum Neubau eines neuen Kraftwerkes in Mühleberg, könnte sich das günstig auf die landesweite Abstimmung auswirken, die voraussichtlich 2013 stattfindet. Ein Nein lieferte den Gegnern der Atomenergie ein starkes Argument. Entsprechend intensiv führten beide Seiten den Abstimmungskampf, zumal die rot-grüne Kantonsregierung gegen ein neues AKW votierte und das bürgerlich dominierte Parlament dafür. Die Abstimmung wurde nötig, weil Mühleberg I spätestens 2025 vom Netz muss und dann – teuer und lange – abgebaut wird. Das neue Werk würde in der Nähe errichtet, soll einiges grösser ausfallen und ungefähr die vierfache Leistung erbringen. Besonders umstritten ist das atomare Zwischenlager von Mühleberg; es soll die hochradioaktiven Abfälle aufnehmen, die das neue Werk produzieren würde. Das sei weitaus sicherer, als die Abfälle zu transportieren, sagen die Befürworter. Die Gegner kritisieren, man habe sie zu wenig klar über das Lager und dessen Grösse informiert. Bereits zeichnet sich eine sehr hohe Stimmbeteiligung ab, zumal Bern in einer Ersatzwahl einen neuen Ständerat bestimmt.

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Das Atomkraftwerk strahlt in die Nacht hinaus, die Aare gleitet im Dunkeln vorbei, es ist niemand zu sehen, obwohl der Ort genau bewacht wird. Hinter dem Hügel, in einer weiten Landschaft im Westen von Bern, liegt Mühleberg, Hauptort einer Gemeinde mit 13 Dörfern.

Von dort aus ist das Werk so wenig zu sehen wie die Reststrahlung, die ihm seit 1972 entweicht. Diese habe noch niemandem geschadet, beschwichtigen die einen. Sie erhöhe die Krebsgefahr, behaupten die anderen. Beweisen lässt sich keines von beiden, weil die Schweiz kein nationales Krebsregister führt.

Die Häuser drängen sich entlang der Hauptstrasse, ducken sich unter dem Hügel mit der Kirche drauf. Durch die Fenster leuchtet der Strom in die Nacht, ohne den nichts mehr geht. Dass der auch aus Atomkraftwerken kommt, stört hier nur wenige. Im ganzen Kanton hängen Abstimmungsplakate zur Abstimmung über Mühleberg II (siehe Artikel rechts), hier hängen keine. Das ganze Land schaut auf das Dorf, doch hier gibt es nichts zu sehen.

Bitte nicht diese Gefühle

Und schon gar nichts zu reden; Mühleberg ist zur atomfreien Zone geworden. Die Einwohner haben keine Lust mehr, auf der Strasse oder in der Beiz ihre Meinung zum geplanten Kraftwerk abzugeben. Als die Bernischen Kraftwerke unlängst in Lyss aus ihrer Sicht informieren wollten und ihre Einladung in grossen Inseraten ankündigten, kamen keine fünfzig Leute. Die Argumente sind ausgetauscht, die Differenzen markiert, die Meinungen gemacht. Die Gemeinde hat schon bei früheren Abstimmungen zur Atomenergie Ja gesagt, dagegen waren jeweils nur 20 Prozent.

Das Kraftwerk bringt Mühleberg bis zu 1,5 Millionen Steuerfranken pro Jahr, entsprechend niedrig bleiben die Steuern. Es gehe aber nicht nur ums Geld, es gehe auch um eine Überzeugung. Das sagt einer, der noch immer über das Thema reden muss: Gemeindepräsident Kurt Herren von der SVP, der als Swissair-Pilot während dreissig Jahren die Welt beflog. Als Pilot habe er wesentlich mehr Strahlung abbekommen als hier auf dem Boden, sagt er.

Extreme Ängste

Der Politiker empfängt im Sitzungszimmer des Gemeinderates, das so aussieht, wie er selber argumentiert: übersichtlich und sachlich, demonstrativ nüchtern, geradezu schmucklos. Für Kurt Herren braucht es halt beides, die Atomenergie und die Alternativen dazu. «Ich mag das Extreme nicht», sagt er einmal, übrigens auch nicht in seiner eigenen Partei. Das Enge mag er auch nicht. Dafür war er zu weit weg gewesen.

Das Extreme und das Enge stören ihn am meisten an den Einwänden seiner Gegner: Sie weckten extreme Ängste und begnügten sich mit engen Argumenten. Am meisten zu reden gebe hier auch nicht das Atomkraftwerk, sondern die zehnjährigen Bauarbeiten mit den 1500 Bauarbeitern. Man habe aber, nach mehreren Aussprachen, einen Kompromiss gefunden. Sogar ein Tunnel würde für die Zufahrt gebaut.

Bitte mehr Informationen

Auf der anderen Seite des Flusses, nur wenige Kilometer weit entfernt, sitzt Kurt Herrens heftigster Kontrahent an seinem Küchentisch. Der Biobauer Walter Ramseier kämpft zusammen mit seiner Frau seit bald vierzig Jahren gegen das alte AKW. Jetzt möchte er das neue verhindern helfen. Herren und Ramseier sind beide 67 Jahre alt, haben sonst aber nichts miteinander gemeinsam. Sie sind einander auch nicht begegnet.

Auf dem Bauernhof läuft mehr als im Gemeindehaus. Das Essen dampft auf dem Tisch, ein Enkel kräht am Boden, Katzen rennen, ein Hund bellt. Auf der Anrichte, neben dem Faxgerät, stapeln sich Ordner mit den Einsprachen, Briefen und Aktionen.

Der Bauer redet auch ganz anders als der Politiker. Nämlich gefühlvoll, ausschweifend und aufgebracht. «Wir wurden immer wieder belogen oder unvollständig informiert», sagt er, zuletzt wegen des grossen Zwischenlagers, das hier entstehen soll. Davon hätten die Bernischen Kraftwerke bei ihrer ersten Orientierung nichts gesagt. Und das habe die Leute aufgebracht; «ich habe noch nie eine Abstimmung erlebt, die so vielen so nahe ging wie diese.»

Entscheid am Wochenende

Dabei mussten die Älteren recht lange auf die Hilfe der Jungen warten. Das ist Iris Balmer aufgefallen, 26-jährige Mutter und Tochter einer langjährigen AKW-Gegnerin aus der Gegend. Erst in der letzten Zeit habe sich ihre Generation für das Thema zu interessieren begonnen, sagt sie. «Umso grösser ist dafür das Engagement.»

Und wie geht die Abstimmung aus? Beide Seiten rechnen mit einem relativ knappen Entscheid. Am Sonntag werden beide wissen, wem die Berner eher glauben: denen, die sich falsch verstanden fühlen – oder denen, die sich falsch informiert finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2011, 22:21 Uhr

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49 Kommentare

Rene Wetter

11.02.2011, 12:10 Uhr
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@Ben Müller: Unsere AKWs werden mit U235 betrieben und nur 0.7% des Urans sind U235, das werden Sie nicht in grossen Mengen einlagern können. Auch dürfte so eine Lagerung relativ anspruchsvoll sein. Antworten


Hans Nötig

11.02.2011, 11:07 Uhr
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@ David Herrmann, etwa so: Mühleberg z.B. hat eine Leistung von ~370MW, das sind über den Daumen ca 3'000'000'000 kWh / Jahr (ein modernes AKW bringt das 5 fache). Eine Solaranlage bringt laut Wikipedia etwa 100kWh pro Quadratmeter und Jahr, d.h. Sie bräuchten nur schon 30 Millionen m2 Solarzellen um das kleinste AKW zu ersetzen. Bei Wind und Geothermie ist die Energiedichte noch tiefer. Antworten



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