Schweiz

«Ich werde dem Initianten eine Mail schreiben»

Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 25.08.2010

Anita Chaaban, die einst die Verwahrungsinitiative lancierte, ist zwar gegen die Todesstrafe. Sie kann dennoch nicht verstehen, wie man ein Projekt in dieser Phase noch zurückziehen kann.

«Das ergibt für mich keinen Sinn»: Anita Chaaban, Initiantin der Verwahrungsinitiative. Das Bild stammt von 2004, als sie von der Annahme ihres Begehrens an der Urne erfährt.

«Das ergibt für mich keinen Sinn»: Anita Chaaban, Initiantin der Verwahrungsinitiative. Das Bild stammt von 2004, als sie von der Annahme ihres Begehrens an der Urne erfährt.

Frau Chaaban, Marcel Graf hat seine umstrittene Initiative überraschend zurückgezogen. Wie erklären Sie sich das?
Das ist sehr seltsam. Ich kann es mir nicht erklären. Vielleicht hat er gemerkt, dass sie keine Chance hat.

Graf sagte bereits im Vorfeld selbst, er wisse um den schweren Stand der Initiative.
Das ergibt für mich keinen Sinn.

Sie haben selbst eine Initiative lanciert und wissen, welches die Schwierigkeiten dabei sind. War Marcel Graf wohl mit der Administration überfordert? Oder eher mit der medialen Aufmerksamkeit?
Zu Beginn ist die Lancierung einer Initiative eher Ausdauerarbeit und noch nicht so anstrengend, was die Medien betrifft. Hektisch wird es erst später, wenn es um die Abstimmung geht. Dann zehrt es richtig an den Nerven.

Bei Ihnen stand es nie zur Diskussion, in dieser Phase aufzugeben?
Nein. Als wir sammeln konnten, waren wir in einer gewaltigen Euphorie. Wir haben sofort losgelegt wie die Verrückten und mit der Unterschriftensammlung begonnen.

Aber Sie wurden auch von Reaktionen und Medienanfragen überhäuft.
Natürlich. Sobald unser Vorhaben bekannt wurde, bekamen wir unzählige Anrufe. Auch wurde viel geschrieben, das uns skeptisch machte oder uns einen Dämpfer versetzte. Aber das war für uns kein Grund, aufzugeben.

Auch Sie mussten ja mit dem Medienrummel und Negativreaktionen gerechnet haben.
Wenn man weiss, dass es sich um ein heisses Thema handelt, rechnet man damit, ja. Dem Initianten muss auch bewusst gewesen sein, dass er mit der Initiative praktisch keine Chance hat – allein schon wegen der Menschenrechte. Vielleicht hat ihm das jetzt nochmals jemand deutlich gemacht. Allerdings müsste er das auch schon vorher abgeklärt haben. Wie heisst der Initiant noch mal?

Marcel Graf.
Ich werde ihm eine Mail schreiben.

Und ihn fragen, warum er die Initiative zurückzieht?
Ja. Das ist ja irgendwie widersinnig. Jetzt einfach aufzugeben, wo er sich schon all die Mühe gemacht hat .

Würden Sie ihn jetzt doch unterstützen wollen?
Nein, das nicht. Ich würde jedoch gerne seine Beweggründe wissen, warum er seine Ziele nun auf einmal fallen lässt.

Vielleicht auch, weil er denkt, er habe sein Minimalziel schon erreicht: In der Schweiz hat man über das Strafmass bei Sexualverbrechen diskutiert.
Hat man das? Ich glaube nicht, dass es in der Schweiz grosse Diskussionen darüber gab. Dafür lief doch noch zu wenig über die Medien. Dass man eine Diskussion über dieses Thema erreicht, müsste man mehr Druck machen. Davon war man in diesem Fall noch weit entfernt.

Sie würden es also eher als Kapitulation denn als Teilsieg werten?
Den Medienrummel hätte er auch einfacher haben können, indem er offensiver an die Sache herangegangen wäre. Vielleicht hat er nun aber anhand von Umfragen und Kommentaren gesehen, dass viele Leute gegen seine Initiative wären. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2010, 09:30 Uhr

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