Interview

«Ich schätze diese Arbeiten auf drei bis vier Jahre»

Was bedeutet der Bundesverwaltungsgerichtsentscheid für Mühleberg? Und für die Atomaufsicht Ensi? Walter Wildi, Ex-Chef der früheren Aufsichtskommission, nimmt Stellung.

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Herr Wildi, ist das AKW Mühleberg nach 2013 noch am Netz?
So wie ich die Lage einschätze, nein. Ich nehme an, dieser Gerichtsentscheid bedeutet mit grosser Wahrscheinlichkeit das Ende für Mühleberg.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Einige Faktoren sprechen gegen einen Weiterbetrieb. Da wäre zuerst einmal der immer wieder erwähnte Kernmantelriss. Bis jetzt besteht keine Methode für eine Reparatur. Sprich, der Kernmantel muss ersetzt werden.

Warum nicht ersetzen? In Fukushima wurde das auch gemacht.
Theoretisch ist das schon möglich. Das wird aber kostspielig und zeitaufwendig. Zuerst muss ein solcher Kernmantel produziert – den gibt es nicht ab Stange – und dann um den bestehenden Reaktor eingebaut werden. Ich schätze diese Arbeiten auf drei bis vier Jahre Dauer ein. Bei den Kosten muss man mit einer halben Milliarde Franken rechnen.

Moniert wurde vom Gericht auch das Risiko durch einen Bruch des Wohlenseestaudamms sowie die fehlende Alternative zur Kühlung mit Aare-Wasser.
Vor allem was die Gefahr eines Staumauerdefekts im Falle eines grossen Erdbebens anbelangt, gibt es grosse Unsicherheiten. Offenbar fällt selbst Seismologen und Ingenieuren die Berechnung von Schadenfällen bei der komplexen Anlage in Mühleberg schwer.

Wo sehen Sie nun die grösste Hürde für die Mühleberg-Betreiberin BKW?
Es wird ganz klar auf eine Gegenüberstellung von Kosten und Gewinnchancen hinauslaufen. In Leuthards Ausstiegsplan ist das Mühleberg-Aus für 2022 vorgesehen. Das Werk würde also nach einer Erneuerung noch rund sechs Jahre Strom liefern. Bis zu einer allfälligen Behebung der Mängel wird sich aber das Umfeld erneut verändert haben. Sprich, neue Unsicherheiten für einen Weiterbetrieb kommen hinzu.

Was meinen Sie mit Umfeld?
Es wird voraussichtlich weitere Totalschäden bei Atomkraftwerken geben, das sagt selbst die IAEA. Und in der Folge wird sich die Debatte zuspitzen.

Finden Sie diese Aussage nicht etwas gewagt?
Nein. Es gibt weltweit immer mehr alte Werke – im Schnitt die ältesten stehen übrigens in Holland, gefolgt von der Schweiz. Die Probleme werden zunehmen.

Wie kann ein Gericht über Sicherheitsfragen in einem hochspezialisierten Technologiebereich entscheiden?
Ich gehe davon aus, dass man externe Experten angehört hat. Möglicherweise Spezialisten aus dem Ausland. In Deutschland zum Beispiel würde man Werke mit solchen Kernmantelrissen nicht weiterbetreiben. Das führte im letzten Frühling eine Expertin vor der zuständigen Nationalratskommission aus.

Was bedeutet der Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts für die AKW-Aufsicht Ensi?
Natürlich ist das eine Ohrfeige für das Ensi. Die AKW-Aufsicht hätte eigentlich die Aufgabe des Anwalts der Schweizer Bevölkerung. Stattdessen hat man sich immer auf die Seite der Werke geschlagen. Das Ensi hat diesbezüglich das Spiel der HSK (der Vorgängerbehörde Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen, Anm. der Redaktion) mit einer gewissen Trägheit einfach weitergespielt.

Welche Konsequenzen hat der Gerichtsentscheid für das Ensi?
Die bisherige Praxis des Ensi wird infrage gestellt. Der Ensi-Rat (das interne Aufsichtsorgan des Ensi, Anm. der Redaktion) wird an Bedeutung gewinnen.

Und das Uvek?
Man muss sich fragen, ob die Ausgliederung der Atomaufsicht aus der Bundesverwaltung richtig war. Man wollte eine unabhängige Behörde schaffen, die aus meiner Sicht aber nie richtig unabhängig wurde. Stattdessen ist eine weitere Partei im Spiel. Nach der Ausgliederung wäre es sicher notwendig gewesen, dem Departement die nötigen Kompetenzen – zum Beispiel gestützt durch eine interne Kommission – für die wichtigen Entscheidungen zu geben.

AKW-Gegner nehmen bereits Beznau ins Visier. Droht dem Werk das gleiche Schicksal?
Gut möglich. Die Alterungsphänomene sind im Grossen und Ganzen die gleichen. Wenn auch Beznau nicht von den Problemen, welche der Reaktor-Typ Mark 1 in Mühleberg oder Fukushima hatte, betroffen ist.

Sollten sich die BKW tatsächlich für ein vorzeitiges Ende von Mühleberg entscheiden. Stellt das ein Problem für den Rückbau dar, weil man noch nicht damit rechnete?
Ich würde das Gegenteil behaupten. Jetzt haben wir noch Leute, welche die Anlage von Mühleberg in- und auswendig kennen. Das könnte sich noch als Vorteil erweisen, auch bezüglich Rückbaukosten. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.03.2012, 12:34 Uhr

BKW nimmt Stellung

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Walter Wildi

Walter Wildi (62) ist Professor für Geologie an der Universität Genf. Seit 1997 war er Mitglied, von 2002 bis 2007 Präsident der Kommission für die Sicherheit der Kernanlagen (KSA). Die KSA war das zweite Sicherheitsgremium neben der damaligen Atomaufsicht HSK.

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