Schweiz

«Ich lasse mich von der Arbeit auffressen»

Von Bernhard Kislig. Aktualisiert am 28.02.2011 1 Kommentar

Als Handball-Nati-Goalie erlebte Daniel Eckmann einen «grausamen» Trainer. Als SRG-Vizedirektor fusionierte er verschiedene Medien. Nun packt er mit Alt-Bundesrätin Ruth Metzler eine neue Aufgabe an.

«Ab 2011 schreibt die SRG wieder schwarze Zahlen»: Mit dem Zusammenführen verschiedener Medien könne die SRG die Qualität im Journalismus erhöhen, ist Eckmann überzeugt.

«Ab 2011 schreibt die SRG wieder schwarze Zahlen»: Mit dem Zusammenführen verschiedener Medien könne die SRG die Qualität im Journalismus erhöhen, ist Eckmann überzeugt.
Bild: Beat Mathys

Zur Person

Trotz verhangenem Tag lassen sich die Sonnenuntergänge erahnen, von denen Daniel Eckmann schwärmt. Das Eckbüro im 14.Stock des modernen SRG-Gebäudes im Ostring bietet eine atemberaubende Aussicht – keine Mauern, welche die Sicht behindern, sondern Glas von der Decke bis zum Boden. Diese Woche arbeitet der 61-jährige Jurist zum letzten Mal hier. Dann gibt er seinen Posten als stellvertretender Generaldirektor der SRG ab. «Abschied ist immer auch mit Wehmut verbunden», räumt er ein, fügt aber sogleich an: «Zu viel Wehmut bremst.»

Eckmanns Vorwärtsdrang bleibt also ungebrochen. Es folgt auch schon die nächste Aufgabe: Mit Alt-Bundesrätin Ruth Metzler und dem Kommunikationsexperten Hans Klaus eröffnet er eine Firma für Kommunikations- und Strategieberatung.
Bevor Eckmann zur SRG stiess, war er unter anderem Pressechef der Stadt Bern und Kommunikationschef sowie Berater von Bundesrat Kaspar Villiger, als dieser zuerst das Militär- und später das Finanzdepartement leitete.
Bekannt wurde Eckmann in den 70er-Jahren im Sport: Als Handballgoalie trug er dazu bei, dass die Schweiz auch gegen die versammelte Weltspitze gewann.

Fallschirmspringen, Boxen und Joggen sind die Sportarten, die er heute betreibt. Geboxt werde miteinander und nicht gegeneinander, betont er. Trotzdem «tschädere» es schon ab und zu mal. 2007 verunfallte Eckmann bei einer Fallschirmlandung schwer, weil er nicht richtig auf eine Windböe reagierte: «Ich knallte wie ein Pendel auf den Boden.» Er zog sich einen siebenfachen Beckenbruch zu. Die Ärzte setzten ein Dutzend Schrauben und Platten ein. Wenn er heute Flughafenkontrollen passiert, «jagt es bei den Metalldetektoren fast die Sicherungen raus».

Eckmann ist geschieden, hat drei sportliche Söhne und wohnt mit seiner Lebenspartnerin in Bern.

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Herr Eckmann, Sie waren Kommunikationschef und Berater von Finanzminister Kaspar Villiger. Was war die wichtigste Lehre aus dieser Zusammenarbeit?
Daniel Eckmann: Es war ein Privileg, mit Kaspar Villiger zusammenzuarbeiten, da er starke Persönlichkeiten um sich haben will und nicht einfach Jasager. Und weil er Vertrauen schenkt. Er lässt einen nicht im Regen stehen, wenn mal etwas schiefläuft, und ist integer wie kaum eine andere Person. Davon habe ich viel gelernt.

Betrachtet man die anhaltenden Defizite der SRG, so scheint es, als hätten Sie punkto Finanzdisziplin mehr von Villiger lernen können. Er führte die Schuldenbremse ein, die heute den Bundeshaushalt stabilisiert.
Auch die SRG hat ihren Haushalt in den Griff bekommen. Vergleicht man die Bundesfinanzen mit dem Eisenbahnnetz der SBB, so wäre die SRG eine Märklin-Eisenbahn. Was also der Bund mit der Schuldenbremse im Grossen umgesetzt hat, vollzog die SRG im Kleinen.

Auch eine Schuldenbremse?
Nein, aber auch wir haben die Ausgaben gebändigt, werden keine Defizite mehr dulden und haben Sparpakete und Effizienzsteigerungen durchgesetzt sowie die Pensionskasse saniert.

Trotzdem wird für das Jahr 2010 erneut ein Defizit von 75 Millionen Franken erwartet.
Dieses Defizit fällt nun deutlich tiefer aus, was nicht nur eine Folge des Aufschwungs in der Werbung ist, sondern auch der Sparprogramme. Und ab 2011 schreibt die SRG wieder schwarze Zahlen. Kaspar Villiger war also auch in dieser Hinsicht ein guter Lehrmeister.

Das klingt überzeugend. So gesehen hat aber der Bundesrat richtig gehandelt, als er die SRG 2010 mit ihrem Wunsch nach höheren Empfangsgebühren abblitzen liess. Hat die SRG in den vergangenen Jahren auf Vorrat gejammert?
Sicher nicht. Die SRG hat seit dem Jahr 2000 keine zusätzlichen Realeinnahmen aus Gebührenerhöhungen mehr erhalten, während die Kosten vor allem fürs Fernsehen weltweit steigen. Deshalb hatte unser Wunsch Hand und Fuss. Die Finanzen mit Einsparungen zu sanieren, ist das eine. Mit viel kleineren Budgets mit einer übermächtigen internationalen Konkurrenz Schritt zu halten, ist das andere.

Vielleicht wäre es sogar möglich, die Gebühren weiter zu senken. Dies fordert jedenfalls die Petition «Gebührenmonster».
Diese Petition schürt Empörung und blendet die Folgen aus. Wer der Gebühr an den Kragen geht, geht auch der Volksmusik, dem Schweizer Film oder den grossen Sportübertragungen an den Kragen. Im internationalen Vergleich produziert die SRG sehr günstig: Der ARD stehen zum Beispiel jährlich 9 Milliarden Franken zur Verfügung, der SRG 1,6 Milliarden.

Die ARD hat ein viel grösseres Einzugsgebiet.
Das ist ein Vorteil, weil es mehr Gebührenzahler gibt und viele Kosten fix sind. Die SRG sendet aber in vier Landessprachen. Das ist weltweit einzigartig und für den Zusammenhalt in unserem Land wichtig. Und in Deutsch, Französisch und Italienisch werden wir von ausländischer Konkurrenz bedrängt, die mit der ganz grossen Kelle anrührt. Allein die Viersprachigkeit verschlingt 42 Prozent unserer Gebührengelder. Dieser Auftrag ist aber wichtig, weil die Schweiz die Minderheiten stets einbezieht und gleichwertig behandelt. Wir können doch nicht das Tessiner Fernsehen austrocknen, nur weil es dort weniger Einwohner gibt. Profiteure wären die RAI und die Berlusconi-Medien, Verlierer die Tessiner Bevölkerung, die ein Teil der Schweiz ist.

Sie waren nicht nur als Handballer, sondern auch als Kommunikationsexperte wie auch als Manager erfolgreich. Sind sie ehrgeizig?
Ehrgeiz ist ein Wort, das schlechter tönt, als es ist. Ich gebe mir Mühe, bei dem, was ich tue, zu den Besten zu gehören. Ich bin nicht schnell zufrieden, sondern versuche stets, einen Zacken zuzulegen, damit das Resultat noch besser wird. Ich bin jemand, der sich von der Arbeit auffressen lässt. Ich suche aber nicht das Rampenlicht. Bei Kaspar Villiger habe ich sehr vieles und bei der SRG fast alles im Hintergrund getan.

Wäre es nicht auch reizvoll gewesen, den Posten von Armin Walpen als Generaldirektor zu übernehmen?
Es war ein Thema, aber der Beschluss, nach meinem Unfall vor drei Jahren nochmals etwas Neues anzufangen, war stärker. Damit konnte ich nicht bis 65 warten.

Der Unfall ist also der Grund für eine Neuorientierung?
Die Ungewissheit nach dem Unfall löste Zukunftsfragen aus. Schliesslich fasste ich den Lebensplan, nochmals etwas Neues zu beginnen, eine Tätigkeit, die mir mehr Freiraum lässt.

Sie sind 61 Jahre alt. Vorzeitiger Ruhestand war nie ein Thema?
Ruhen und stehen – das geht nicht bei mir. Es war immer klar, dass ich weiter arbeite. Aber ich werde mich nicht mehr im engen Korsett eines grossen Unternehmens bewegen.

Sie gründen gemeinsam mit Alt-Bundesrätin Ruth Metzler und dem Kommunikationsexperten Hans Klaus ein Unternehmen für Kommunikations- und Strategieberatung.
Ich freue mich sehr darauf. Wir kennen uns schon lange und gut. Diese Zusammensetzung ist eine ideale Basis für das, was wir tun wollen. Nämlich Führungspersönlichkeiten in schwierigen Phasen zu beraten. Wir kennen die Einsamkeit vor wichtigen Entscheiden und bringen verschiedene Biografien, Erfahrungen und Netzwerke mit. Zusammen ergibt das einen Motor mit grossem Hubraum.

Wird Ihr Tagesansatz über oder unter 3000 Franken liegen?
Darüber habe ich mir bis jetzt noch keine Gedanken gemacht.

Zu Ihrem Unfall: Sie verunglückten bei einem Fallschirmsprung schwer. Trotzdem springen Sie heute wieder aus dem Flugzeug. Was fasziniert Sie daran?
Fürs Fallschirmspringen gibt es keine Worte – das ist völlige Freiheit in allen drei Dimensionen.

War es nicht schwierig, nach dem Unfall wieder zu springen?
Die Erholung nach dem Unfall teilte sich in drei Phasen. Zuerst lag ich im Spital und wusste nicht, ob es wieder gut kommt. Dann war ich zuerst auf den Rollstuhl und dann auf Krücken angewiesen. Später begann ich in kleinen Schritten den Weg zurück, bis ich beim Joggen begann, den nächsten Fallschirmsprung in Gedanken durchzuspielen. So wusste ich am Ende haargenau, was auf mich zukommt.

Konnten Sie Erinnerung und Angst problemlos überwinden?
Ich träumte sicher tausendmal vom Unfall und bin das einfach nicht losgeworden. Mit dem ersten Sprung nach dem Unfall war das Trauma augenblicklich weg. So wie wenn man im Computer «alles markieren» und «Delete» drückt. Nach der Landung stieg ich sogleich wieder ins Flugzeug für den nächsten Sprung. Darauf folgten seither mehr als 200 weitere Sprünge.

Sie haben sich auch gesundheitlich gut erholt.
Ich habe mir nach dem Unfall kleine Ziele gesetzt und konsequent darauf hingearbeitet. Morgens um fünf Uhr begann ich mit den Übungen. Das hat sich gelohnt: Ich war schon viel früher – noch im Rollstuhl – wieder an der Arbeit, als es die Ärzte vorgesehen hatten.

Sie schaffen es, den inneren Schweinehund zu überwinden.
Wie vieles anderes habe ich auch das im Handball gelernt. Pero Janjic, damals Trainer der Nationalmannschaft, war unerbittlich, ja grausam. Da gingen wir wirklich an die Grenze. So etwas schafft nur, wer sich hohe Ziele setzt. Damals musste ich den «Shit-Point» überwinden und zudem für das Handball auf viel Privates verzichten.

Profitieren Kinder von einer strengen Erziehung?
Nein. Ich habe meine drei Söhne nie zu etwas gezwungen. Die Freude an einer Sache muss von innen heraus kommen und kann nicht erzwungen werden.

Haben Sie Ihre Kindheit ähnlich erlebt?
Ja. Ich stamme aus einer wohl situierten Arztfamilie. Aus mir hätte ohne Spitzensport sehr gut ein verwöhnter Gof werden können.

Öffentlich bekannt wurden Sie zuerst als Handballgoalie. Sie spielten in einer Zeit für den BSV Bern und die Nationalmannschaft, als die Schweiz im Handball auch gegen internationale Topmannschaften gewann.
Der Mannschaftssport hat mich geprägt. Da ist jeder in seiner Rolle wichtig und Teil eines Teams, das immer nur als Ganzes gewinnt oder verliert.

Interessieren Sie sich noch für Handball?
Klar, aber nur noch als Zuschauer.

Als interessierter Zuschauer muss es doch frustrierend sein, denn vom Schweizer Handball hört man heute nicht mehr allzu viel.
Der Schweizer Handball ist international gesehen leider stehen geblieben wie eine Uhr.

Warum?
Es bräuchte moderne Sporthallen, also nicht Turnhallen mit einer Sprossenwand, in denen auch noch ein wenig Handball gespielt wird. Es ist schade, dass diese Infrastruktur fehlt. Denn Handball würde auf eindrückliche Weise bieten, was attraktiven Sport ausmacht: Emotionen. So zum Beispiel an der Weltmeisterschaft vor wenigen Wochen, als Frankreich in einer prall gefüllten Halle vor 10'000 Zuschauern in einem dramatischen Finale knapp gewann. Auch YB hat dank dem neuen Stadion wieder ein ganz grosses Publikum.

Sie waren in einer Zeit Vizedirektor der SRG-Generaldirektion, als sich die Medienwelt stark verändert hat.
Vor wenigen Jahrzehnten hing zu Hause im Gang noch ein schwarzes Telefon, und am Mittag mussten die Kinder schweigen, wenn der Vater die Radionachrichten hören wollte. Heute muss niemand mehr nach Hause, um Neuigkeiten zu erfahren. Die Leute schauen zum Beispiel das Skirennen live auf ihrem Handy, wenn sie im Tram unterwegs sind.

Dieses Zusammenführen verschiedener Medien – die Konvergenz – ist eines der Projekte, die Sie bei der SRG geführt haben. Was ist der Vorteil davon?
Früher gab es für das Radio Tonbänder und für das Fernsehen Filmbänder. Heute speichern wir alles auf die gleiche Weise auf einem Server digital ab. Bisher völlig verschiedene Berufe werden gleich. Das erlaubt, viele Systeme zusammenzulegen und Doppelspurigkeiten zu vermeiden. Viele gleiche Schritte müssen wir nicht mehr siebenmal parallel machen, sondern nur noch einmal.

Leidet darunter nicht die journalistische Qualität?
Nein, im Gegenteil. Radio bleibt immer Radio, und Fernsehen bleibt Fernsehen. Die dank der Konvergenz freigespielten Mittel setzt die SRG dort ein, wo es am wichtigsten ist: im Programm, zum Beispiel bei der journalistischen Recherche. Die Vorteile der Konvergenz erleben wir auch bei Grossoperationen wie beim Gotthard-Durchstich oder bei den olympischen Skirennen in Vancouver.

Wo stehen Sie politisch?
Ich bin militant unabhängig. Wenn mir ein Halsband angelegt wird, so beisse ich die Leine durch. Ich war nie in einer Partei. Grundsätzlich habe ich eine liberale Einstellung. Das ist aber nicht parteipolitisch zu verstehen. Sondern in dem Sinn, dass ich viel zulasse, um mir eine eigene Meinung zu bilden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.02.2011, 11:34 Uhr

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1 Kommentar

Thomas Mettler

28.02.2011, 19:19 Uhr
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genauso wie er Handball gespielt hat - ruhig, besonnen, hellwach, reflexschnell, aber ohne jegliche Star-Allüren - für mich jugendlichen (damals etwa 15-18 / heute 52) Torhüter ein absolutes u. (ruhig) leuchtendes Vorbild - Macht sehr sehr viel Spass, auch heute solche Klarheit u. Team-Geist zu hören u. zu lesen - Chapeau Daniel Eckmann!
(PS: Solche MENSCHEN bräuchte es in der Politik heute!)
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