«Herr Mörgeli, diese Uiguren sind harmlos!»
Von Thomas Knellwolf und Alain Zucker. Aktualisiert am 22.01.2010 166 Kommentare
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Mrs. Gilson, Sie wollen Ihren zwei Klienten, die in Guantánamo sitzen, die Einreise in die Schweiz ermöglichen. Warum soll die Schweiz die Gebrüder aufnehmen?
Gilson: Die beiden wollen in ein demokratisches Land. Der Kanton Jura hat sie eingeladen zu kommen. Jetzt bin ich hier, um die Schweizer Behörden davon zu überzeugen, dass dies wichtig ist. Die Schweiz hat eine grosse humanitäre Tradition. Das Land schützt Flüchtlinge aus der ganzen Welt, darunter bereits heute 80 Uiguren.
100 Länder haben die beiden Brüder abgelehnt. Wer sind sie?
Gilson: Bahtiyar und Arkin Mahnut werden seit über sieben Jahren unschuldig in Guantánamo festgehalten. Ihre Heimat ist seit 1959 von China besetzt, ihr Volk wird brutal unterdrückt. Jeder Widerstand gilt als Terrorismus. Viele Junge verlassen ihre Heimat. Bahtyiar, der jüngere der beiden, wollte 2001 in Kasachstan sein Glück versuchen. Weil damals die Staaten der ehemaligen Sowjetunion mit China einen Rückschaffungsabkommen geschlossen hatten, ging er nach Afghanistan. Dort kam er in ein von Uiguren bewohntes Dorf – und nicht in ein Terrorcamp, wie die Chinesen und Amerikaner behaupteten.
Und sein Bruder?
Gilson: Arkin verliess seine Frau und seine beiden Kinder, um seinen Bruder zu suchen. Ehe er ihn fand, wurde er kurz nach 9/11 von Kopfgeldjägern festgenommen und gegen ein Lösegeld an US-Truppen verkauft. In Guantánamo sahen sie sich wieder.
Mörgeli: Das ist eine rührende Geschichte, doch sie wirkt nicht sehr glaubhaft. Der ältere Bruder, der heute 45-jährige Arkin, ist gemäss eigenen Angaben im September 2001 ins «Trainingslager» in Afghanistan gelangt, weil er dort seinen Bruder suchen wollte. Das hat auch die NZZ festgehalten. Tatsache ist, dass die beiden in einem afghanischen Widerstandslager zu Kämpfern ausgebildet wurden – und zwar in der Region der Festung Tora Bora. Dies geschah, als sich nicht nur Taliban dort verschanzten, sondern auch auch Al-Qaida und vermutlich Osama bin Laden.
Gilson: Das stimmt überhaupt nicht. Ein US-Gericht hat die Uiguren längst von den Vorwürfen entlastet, die Sie hier aufwärmen. Aber wenn Sie den falschen Anschuldigungen der chinesischen Propaganda lieber glauben, ist das Ihre Sache. Arkin, der Ältere, der aufbrach, um seinen Bruder zu suchen, war zum Beispiel nie in diesem vermeintlichen «Terrorcamp».
Herr Mörgeli, glauben Sie der Propaganda von Chinas Kommunisten?
Mörgeli: Natürlich nicht. Vielleicht sind diese Uiguren keine eigentlichen Terroristen, aber sie bereiteten den gewaltsamen Kampf gegen China vor. Für sie ist es ein «Freiheitskampf», für die Volksrepublik ist es Terrorismus. Und für die Schweiz stellt sich das Problem, dass die chinesische Regierung bei ihrer Aufnahme in die Schweiz äusserst aufgebracht wäre. Bei aller Skepsis gegenüber der chinesischen Propaganda dürfen wir den gewalttätigen Kampf dieser Uiguren nicht überhöhen. Sind die Brüder einmal hier, wird ihr Wille zum Kampf gegen China nicht plötzlich verschwinden.
Gilson: Das ist doch eine Ausrede. Wer hat Angst vor diesen armen Männern, die gekidnappt wurden? Die beiden Brüder wurden nicht einmal auf einem Schlachtfeld festgenommen, sondern nachdem die US-Truppen Flugblätter abgeworfen hatten. «Hilf den Anti-Taliban-Streitkräften, Afghanistan von Mördern und Terroristen zu säubern. Du kannst Millionen von Dollar erhalten», stand drauf. Die Uiguren wurden für rund 5000 US-Dollar verkauft. Die besten Beweise für die Ungefährlichkeit der Uiguren sind die Männer, die mit Bahtiyar in demselben afghanischen Dorf waren und seit 2006 friedlich in Albanien leben. Andere arbeiten auf den Bermudas als Golfplatzwart.
Mörgeli: Jene Länder, die Uiguren aufgenommen haben, sind von den USA reich belohnt worden. Beim Südseestaat Palau spricht man von 200 Millionen US-Dollar. Nach Albanien und Bermuda ist gewiss auch Geld geflossen.
Gilson: Wenn die USA und die Schweiz wollen, dass sich die beiden in der Schweiz erfolgreich integrieren, dann sollen das beide Staaten in einem Abkommen regeln, auch das Finanzielle. Die Brüder wollen arbeiten. Einer war früher Schuhmacher, der andere Kleiderhändler.
Mörgeli: Ich zweifle daran, dass dies möglich ist. Zumindest Arkin steht unter psychiatrischer Behandlung und dürfte kaum arbeitsfähig sein.
Gilson: Eine Schweizer Delegation war auf Guantánamo und kam zum Schluss, dass beide sehr gut geeignet seien, um aufgenommen zu werden. Was stimmt: Arkin leidet seit den Bombardierungen in Afghanistan an Verfolgungsangst, Alpträumen und Stress. Psychiater sagen, dass sich das alles bessern kann, wenn er erst aus der Gefangenschaft entlassen wird.
Mörgeli: Bekannt ist, dass er sich aggressiv und gewalttätig gegenüber anderen Gefangenen und gegen Aufseher verhält und sich an Häftlingsrevolten beteiligt hat.
Gilson: Was würden Sie tun, wenn Sie unschuldig, ohne rechtsstaatliches Verfahren acht Jahre lang eingesperrt würden? Ich kann nicht behaupten, dass die beiden perfekte Gefangene waren – das war auch US-Präsidentschaftskandidat John McCain in Vietnam nicht. Mich überrascht, wie friedlich und ruhig die Uiguren sind.
Weshalb soll ausgerechnet die Schweiz das amerikanische Problem Guantánamo lösen?
Gilson: Es ist ein Weltproblem, Guantánamo zu schliessen. Das Lager ist schlecht für den gesamten Westen. Es wird von radikalen und militanten Islamisten benutzt, um Hass zu fördern.
Der Pazifikstaat Palau hat Uiguren aufgenommen, aber nicht Ihren.
Gilson: Arkin wollte selber nicht nach Palau, das nur von der Fischerei lebt. Er ist überzeugt, dass die USA mehr bewirken können. Ich will nichts Schlechtes über Palau sagen. Aber seien wir ehrlich: Palau ist nicht die Schweiz. Der kleine Staat hat eine wunderbare Integrationsofferte gemacht. Doch das Angebot war zeitlich beschränkt. Sieben Uiguren wollten nicht dorthin.
Mörgeli: Palau mit seinen 20'000 Einwohner ist nicht der Nabel der Welt. Doch in San Francisco wäre auch mehr los als im Jura. Warum lösen die Amerikaner ihre Probleme nicht selber? Die Uiguren wären in den USA unter dem Schutz des Friedensnobelpreisträgers Obama. Besser können sie es gar nicht haben. Ich kann nicht verstehen, dass die Amerikaner die Uiguren nicht aufnehmen – es sei denn, sie wollen keine Probleme mit den Chinesen. Damit sind wir wohl beim Kern des Problems.
Gilson: San Francisco wäre tatsächlich eine ideale Destination. Ich finde auch, Guantánamo-Gefangene haben das Recht, in die USA gebracht zu werden. Aber die US-Politik lässt dies nicht zu. Die USA sind kleingeistig geworden.
Mörgeli: Auch im demokratisch regierten, toleranten Amerika sind die Brüder also nicht erwünscht. Es ist Zeit, dass die Schweizer Politik erwacht. Sollte der Bundesrat eine Aufnahme gutheissen, wächst die Terrorgefahrfür die Schweiz. Ich bin überzeugt, dass weiterhin etwas vorbereitet wird – wenn nicht islamistisch, dann antichinesisch. Wir bekommen Probleme mit der Volksrepublik.
Gilson: Wenn das arme kleine Albanien den Zorn Chinas aushalten kann, kann dies sicher auch die Schweiz. Aber das muss Ihre Regierung entscheiden. Ich denke, sie kann sehr wohl Terroristen von diesen bemitleidenswerten Flüchtlingen unterscheiden.
Mörgeli: Albanien verfügt nicht über eine globalisierte Wirtschaft wie die Schweiz. Und auch nicht über ähnlich umfangreiche Wirtschaftsbeziehungen zu China. Wir werden unsere Regierung verantwortlich machen für die drohenden Wirtschaftssanktionen, wenn sie die Aufnahme bewilligt. Jeden verlorenen Arbeitsplatz müssten wir dem Bundesrat anlasten.
Weshalb, Herr Mörgeli, haben ausgerechnet Sie Angst vor den chinesischen Kommunisten?
Mörgeli: Ich habe keine Angst, aber wir verhandeln ein Freizügigkeitsabkommen mit China. Und die Schweiz ist ein weltoffenes Land. Wir haben immer wieder die Menschenrechte angemahnt. Doch die Uiguren sind das Schlechteste, was wir uns auswählen könnten. Wenn sich die Schweiz mit den uigurischen Seperatisten solidarisiert, müssen die Schweizer Arbeitnehmer die Suppe auslöffeln.
Gilson: Die Schweiz hat viele Tibeter aufgenommen, ohne dass es grössere ökonomische Sanktionen gegeben hätte. Tibet ist für das chinesische Regime der noch grössere Satan als die Uiguren. Selbst der Dalai Lama gilt als Terrorist. Die Schweiz als starkes Land mit einer starken Menschenrechtstradition muss die Balance im Verhältnis zu China halten können.
Herr Mörgeli, sollen die Uiguren nach China ausgeliefert werden?
Mörgeli: Nein, dort wären sie tatsächlich von der Todesstrafe bedroht. Die Vereinigten Staaten, die grösste Macht der Welt, haben sich ein Problem eingebrockt. Und die USA haben die Kraft, dieses Problem zu lösen und die Sicherheit der Uiguren zu garantieren.
Gilson: Da sind wir uns für einmal einig. Ich arbeite hart daran, dass es möglich wird. Als freiwillige Anwältin habe ich bislang fünf Jahre Arbeit und einige Tausend Dollar aus meiner Tasche eingesetzt, um Guantánamo alle drei Monate zu besuchen. Herr Mörgeli, diese Uiguren sind die einfachen, die harmlosen Fälle.
Mörgeli: Ich haben nichts dagegen, dass Sie, Frau Gilson, als Anwältin für die Uiguren und als Teil einer PR-Kampagne agieren. Das ist ihre Aufgabe. Aber bitte nicht auf Kosten der Schweiz. Ich fürchte, dass die Mahnut-Brüder nach wie vor überzeugt sind vom fundamentalistischen Islam, von der Scharia, vom heiligen Krieg. Und weniger von unserer Demokratie und den Menschenrechten.
Gilson: Wo haben Sie das gehört? Welche Beweise haben Sie? Chinesische?
Mörgeli: Sie hatten Kalaschnikows ...
Gilson: Ein Gewehr! In Afghanistan gab es mehr Waffen als Menschen. Das waren keine militärischen Trainings. Sie, Herr Mörgeli, verbreiten Anschuldigungen ohne den geringsten Beweis. Die Uiguren praktizieren einen sehr moderaten sunnitischen Islam. Meine Männer sind normale Männer.
Mörgeli: Wir müssen damit rechnen, dass diese für den Krieg ausgebildeten Leute ihren Kampf von hier aus weiterführen. Und das wollen wir nicht.
Gilson: Mir scheint, dass ich Herrn Mörgeli heute nicht überzeugen kann, dass sich die beiden in der Schweiz gut benehmen würden. Er kann weiterhin Angst schüren. Alle guten Beispiele bisher freigelassener Uiguren scheinen an ihm abzuprallen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.01.2010, 04:00 Uhr
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166 Kommentare
Es wuerde sich alleine schon dafuer lohnen, diese beiden Uiguren aufzunehmen, um den Chinesen endlich klar zu machen, dass die Welt nicht nach ihrer Pfeiffe tanzt und dass die Schweiz der Unterjochung der Tibeter und der Uiguren durch die Han-Chinesen ablehnend gegenueber steht. Die Schweiz sollte sich endlich wieder ein Rueckgrat zulegen. Ein Volk, das klein beigibt, gibt am Ende sich selbst auf. Antworten
nicht das ich eine freundin von hr. mörgeli wäre, aber für mich stellen sich doch auch fragen. wenn diese menschen denn s o unschuldig sind wie uns nun glaubhaft gemacht wird - weshalb sassen sie dann so lange dort in haft und weshalb konnten sie nicht vorher von dieser superanwältin befreit werden und weshalb können sie nicht in den usa bleiben? Antworten
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