«Glühbirnen rausschrauben und Sparlampen einschrauben genügt nicht»
Interview: Hubert Mooser. Aktualisiert am 26.09.2011
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Frau Teuscher, die BKW hat das Atomkraftwerk Mühleberg wieder angefahren. Das muss doch für Sie eine herbe Entäuschung sein?
Mit dieser Möglichkeit mussten wir stets rechnen. Ich halte es jedoch für unverantwortbar, dass man ein AKW wie Mühleberg wieder ans Netz bringt. Selbst die Aufsichtsbehörde beurteilt die Nachrüstungen im Hochwasserschutz als knapp genügend. Die eigentliche Frage ist doch: Wenn es in diesem Reaktor zu einen Unfall mit mehr oder weniger grosser atomarer Verseuchung kommt, wer wäre konkret verantwortlich dafür?
Und – wer wäre konkret verantwortlich dafür?
Ich nehme an, dass diese Verantwortung eben niemand übernehmen würde, weder Ensi noch Bundesrat noch BKW noch Berner Regierung.
Sie wollen doch bloss Angst machen, weil Sie gegen AKW sind. Tatsache ist doch: Die Atomaufsichtsbehörde Ensi gab grünes Licht für die Wiederinbetriebnahme von Mühleberg.
Das ist keine Angstmacherei: Einmal mehr wird der Sicherheitszustand durch das Ensi beschönigt. Für mich ist sonnenklar: Das AKW Mühleberg muss definitiv abgeschaltet werden im Interesse der Sicherheit der Bevölkerung in der Region Bern. Dafür gibt es viele Gründe: das Alter des AKW, die Risse im Kernmantel, das Hochwasserrisiko und die Erdbebengefährdung.
Sie wollen aber auch kein neues AKW in Mühleberg
Was sollen wir mit einer Technologie, die derartig giftigen Müll produziert, mit dem man nichts anzufangen weiss? Allein das ist schon ein Grund, damit aufzuhören. Ausserdem würde heute kein Investor Geld in den Bau eines Atomkraftwerkes stecken, wenn der Staat nicht ein Restrisiko tragen würde.
Kommende Woche beugt sich der Ständerat über die Frage des Atomausstiegs. Wird er dem Nationalrat folgen?
Das hoffe ich sehr. Es wird davon abhängen, wie sich die CVP-Vertreter verhalten werden. Während der Sitzungen der ständerätlichen Energiekommission wollten gewisse CVP-Vertreter die Türe einen Spalt weit offenlassen für die Atomtechnologie. Sie haben eine Flut von zusätzlichen Anfragen beim Energiedepartement eingereicht. Das ist ein altbewährtes Mittel, um unliebsame Geschäfte auf die lange Bank zu schieben. Weil man irgendwo immer noch ein Detail findet, wegen dem man den Atomausstieg nicht beschliessen kann.
Die Ständeräte wollen kein Technologieverbot. Sind die Grünen technologiefeindlich?
Wer gegen ein Technologieverbot ist, muss für neue Energieträger wie Sonne, Wind, Biomasse oder Geothermie einstehen. Das sind die Technologien der Zukunft. Es gehört zur Verzögerungstaktik der Atomlobby, nun zu behaupten, der Beschluss des Nationalrats zum Atomausstieg käme einem Technologieverbot gleich.
Davon ist nirgends die Rede.
Die Atomtechnologie wird aber per Gesetz in die Mottenkiste verpackt, das kommt doch einem Technologieverbot nahe.
Wir haben im Nationalrat nicht ein Technologieverbot beschlossen, sondern den Atomausstieg. Die AKW-Befürworter wollen sich mit der Disskussion um ein Technologieverbot bloss ein Hintertürchen offenlassen. Ohne einen klaren Ausstiegsentscheid geht der Atomausstieg aber nicht vonstatten. Und die Stromkonzerne können dann sagen: Ohne Atomstrom geht es nicht.
Wie dieser Ausstieg funktionieren soll, existiert bisher nur in der Theorie. Was macht Sie überhaupt so sicher, dass die Atomenergie mit erneuerbaren ersetzt werden kann?
Die Energieeffizienz und die erneuerbaren Energien, mit denen wir den Ausstieg schaffen können, gibt es heue schon. Glühbirnen rausschrauben und Sparlampen einschrauben genügt aber nicht. Wir brauchen eine Energieeffizienzoffensive, beispielsweise sollen nur noch energieeffiziente Geräte in den Verkauf kommen. Wir müssen uns aber auch grundsätzliche Fragen stellen. Der Atom-Ausstieg kann unsere Gesellschaft mobilisieren, ein gemeinsames Ziel zu erreichen und gemeinsam nach neuen Lösungen suchen.
Das tönt aber ein bisschen nach rotgrünem Kitsch.
Überhaupt nicht: Es gibt sehr gute Ideen, wie der Ausstieg zu einem grossen sozialen Event werden könnte. Der Berner Professor Theodor Abelin, der die Folgen der Atomkastastrophe von Tschnernobyl sehr gut kennt, machte kürzlich einen sehr interessanten Vorschlag zum Einstieg in erneuerbare Energieträger. Seine Idee ist die Bildung von Energiegenossenschaften wie früher etwa die landwirtschaftlichen Genossenschaften oder die Raiffeisenbanken. Die Energiegenossenschaften wären gemäss Abelin lokal organisiert, aber sie würden durch regionale und gesamtschweizerische Verbände technisch und wirtschaftlich unterstützt werden.
Und wer soll da mitmachen?
Praktisch alle Eigentümer von Land und Liegenschaften können heute eine Anlage zur dezentralen Produktion von erneuerbarer Energie betreiben. Wenn die Leute auf lokaler Ebene gemeinsam handeln, läuft der Wandel koordiniert und schneller. Und so wird es für die Beteiligten auch finanziell interessanter. Bauern können sich zu Energiegenossenschaften zusammenschliessen und so gemeinsam die optimalen Standorte für ihre Solaranlagen oder ihre Windräder bestimmen. Aber es können auch Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer sein, die sich zusammenschliessen, um etwa die Möglichkeit einer gemeinsamen neuen Heizung zu prüfen oder eine grosse Fotovoltaikanlage auf mehreren Dächern zu verwirklichen . Es gibt viele Möglichkeiten. Die Grünen werden dazu auch konkret Vorschläge machen.
Stört es Sie nicht, dass CVP und BDP Ihnen plötzlich das Thema Atomausstieg streitig machen?
Nein, denn nur so werden unsere grünen Kernanliegen mehrheitsfähig. Aber ich gebe gerne zu: Es ist für mich neu, wenn heute bei Wahlpodien die Mehrheit für den Atomausstieg votiert und nur noch die FDP und die SVP an der Option Atomenergie festhalten wollen. Vor einem Jahr waren die Mehrheitsverhältnisse noch umgekehrt. Als nächstes müssen wir Grüne nun die Parteien auch davon überzeugen, dass wir einen Plan zur Stilllegung der bestehenden AKW beschliessen müssen. Unser grünes Ziel ist, das letzte AKW 2029 vom Netz zu nehmen. Mit den nötigen politischen Entscheiden ist dies auch machbar.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.09.2011, 17:35 Uhr
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