Schweiz

Gipser, Dolmetscherin, Bauer

Von Claudia Blumer. Aktualisiert am 10.11.2011 61 Kommentare

Die gehandelten Favoriten für das FDP-Präsidium haben keinen Universitätsabschluss. Bröckelt beim Freisinn der Elitedünkel? Ist die Zeit der grossen «Juristenpartei» vorbei? Die Antworten der Kandidaten.

1/4 Als Favoriten für das FDP-Präsidium werden unter anderem die Nationalräte Philipp Müller (links) und Ruedi Noser genannt. Müller ist gelernter Gipser und Stuckateur, Noser hat eine Mechanikerlehre absolviert. Heute sind beide erfolgreiche Unternehmer.
Bild: Keystone

   

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Die FDP sucht per Frühling 2012 einen neuen Präsidenten. Die ideale Gelegenheit, frischen Wind in die Partei zu bringen, nachdem sie auf einem Tiefststand von 15,1 Prozent Wähleranteil angelangt ist. Noch dieses Jahr setzt die Partei eine Findungskommission ein, die einen Nachfolger für Fulvio Pelli suchen soll. Namen von möglichen Anwärtern auf das Amt kursieren aber heute schon. Genannt werden in erster Linie die Nationalräte Philipp Müller (AG), Ruedi Noser (ZH) und Christian Wasserfallen (BE). Eine Wunschkandidatin wäre für viele die neu gewählte Ständerätin Karin Keller-Sutter (SG).

Auffällig dabei ist: Keiner der Genannten hat einen Universitäts- oder ETH-Abschluss. Das ist aussergewöhnlich für die FDP Schweiz, bei der Bildung und Herkunft für ambitionierte Parteimitglieder lange Zeit die halbe Miete waren. Nicht umsonst gilt die FDP als «Juristenpartei». Von den Parteipräsidenten der vergangenen 30 Jahre hatten 5 von 7 einen Jus-Abschluss, einer war Ökonom. Bundesräte mit Volksschulkarriere – wie Adolf Ogi und Willi Ritschard – gab es bei SVP und SP, aber nicht beim Freisinn.

«Es muss kein dipl. Ing. Chem. sein»

Ist es Zufall, dass die neuen Parteiaushängeschilder keine Akademiker im klassischen Sinn sind? Oder ist es ein Signal für den Wandel der Partei? Es habe sich etwas geändert in den letzten Jahren, sagen die von DerBund.ch/Newsnet zu diesem Thema Befragten. «Ich hätte nicht Dossierführer werden können in wichtigen Themen wie Mehrwertsteuer, «too big to fail» und Doppelbesteuerungsabkommen, wenn die FDP heute nicht jedem eine Chance geben würde», sagt der Aargauer Nationalrat Philipp Müller. Der 59-jährige gelernte Gipser und Stuckateur ist Inhaber einer Generalbauunternehmung.

Tatsächlich hat Müller in der FDP mehr als nur Mitspracherecht. Er steht nicht nur in fast jeder Debatte über Migration in der vordersten Reihe, sondern hat der FDP seine restriktive Ausländerpolitik regelrecht aufgezwungen. Müller engagierte sich auch erfolgreich dafür, dass die Partei den EU-Beitritt als Ziel aus den Statuten streicht. Müller ist überzeugt: Um die FDP und ihre Politik authentisch rüberzubringen, brauche es an der Parteispitze eine entsprechende Person. «Es muss nicht unbedingt ein dipl. Ing. Chem. oder sonst ein Akademiker sein. Es muss jemand sein, der die Politik der FDP, die sich von den Grossbanken emanzipiert hat und eine KMU-Partei geworden ist, authentisch darstellen kann.»

«Elitäres Getue»

Der 30-jährige Berner Nationalrat Christian Wasserfallen wäre auch altersmässig eine Ausnahmeerscheinung an der FDP-Spitze. Der Maschineningenieur mit FH-Abschluss nennt sich einen «begeisterten Verfechter» der dualen Bildung. Die FDP müsse seiner Ansicht nach beides repräsentieren, Berufsfachleute und Akademiker. «Dass wir eine hohe Dichte an Juristen haben, ist ein Vorteil. Das kommt uns zugute bei der Gesetzesarbeit im Parlament.» Trotzdem, sagt Wasserfallen, seien in den vergangenen Jahren bei der FDP wohl einige Leute zu kurz gekommen, weil sie bezüglich Bildung und Herkunft nicht den richtigen Rucksack hatten. «Das gilt nicht für die Sektionen in den Kantonen und Gemeinden, dort hatte die FDP schon immer eine bodenständige Komponente.»

Anders als die FDP kannte die SVP nie einen Elitedünkel. Sie hat deshalb Politiker in ihren Reihen, gerade im Unternehmerflügel, die vom politischen Profil her auch in die FDP passen würden, die dem traditionellen Freisinn aber zu hemdsärmelig und bodenständig waren. Einer davon ist der Aargauer Transportunternehmer und Nationalrat Ulrich Giezendanner. Er politisierte erst in der FDP, wandte sich aber in den Achtzigerjahren wegen inhaltlicher Differenzen der Autopartei zu. Später, als er wieder zur FDP wechseln wollte, zeigte ihm diese die kalte Schulter. Nicht der damalige Parteipräsident Franz Steinegger, wie Giezendanner betont. Steinegger habe sich aktiv um Giezendanners Mitgliedschaft bemüht. Andere Parteiaushängeschilder hätten ihn aber abgelehnt. Giezendanner ging zur SVP, wo er heute «überaus glücklich» ist. «Elitäres Getue» nennt er das Gebaren der schweizerischen FDP. «Das hat mir abgelöscht.» Eine Umkehr Richtung Volkspartei würde dem Land guttun, glaubt er.

Vom Realschüler zum Grossunternehmer

Bei der FDP Schweiz ist heute Leistung wichtiger als Herkunft, sagt der Zürcher Nationalrat Ruedi Noser. Selber verkörpert er das Leistungsprinzip beispielhaft: Nach dem Besuch der Realschule lernte Noser Mechaniker, machte später ein Fachhochschuldiplom als Elektroingenieur und ist heute Inhaber eines Softwaregrossunternehmens mit rund 500 Mitarbeitern. «Im Kanton Glarus, wo ich herkomme, war die FDP schon immer eine Volkspartei», sagt er und verweist auf Solothurn, wo der Finanzdirektor Christian Wanner (FDP), der auch Präsident der Finanzdirektorenkonferenz ist, eine Landwirtschaftslehre absolviert hat. Den Zürcher Freisinn habe er als offen erlebt, allerdings könne er sich nur über die Zeit nach 1997 äussern, da er vorher nicht politisiert habe. Bei der FDP Schweiz habe er den Bildungs- und Herkunftsdünkel nie zu spüren bekommen. «Vielleicht auch, weil ich diesbezüglich nicht sensibel bin. Mich interessiert das nicht.»

«Es gab eine Zeit, da hat die FDP viele Leute vor den Kopf gestossen», sagt Stefan Nünlist, Parteimitglied und SBB-Kommunikationschef. Nünlist organisiert im Frühling eine Art FDP-Landsgemeinde zur Zukunft der Partei. Es geht dort um Definitionen des Begriffs Liberalismus, weniger um Personalpolitik. Dennoch hält Nünlist diesen Punkt für wichtig. «Die FDP sollte nicht mehr mehrheitlich als Juristenpartei wahrgenommen werden, die Repräsentation anderer Berufsbilder ist wichtig. Der Beruf beeinflusst das Denken.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.11.2011, 13:24 Uhr

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61 Kommentare

Norbert Kaufmann

10.11.2011, 13:34 Uhr
Melden 61 Empfehlung 0

Ein Akademischer Titel hat noch nie etwas über Kompetenz und Qualifikation ausgesagt. Es hat in der Politik Nichtstudierte, die sind den Studierten sogar überlegen. So ist es ! Es gibt genügend schlechte Beispiele ! Antworten


Juerg Suter

10.11.2011, 13:31 Uhr
Melden 46 Empfehlung 0

Die Karrieren der FDP Herren zeigt, dass mit Leistung, Interesse und Wille Veränderungen möglich sind. Ist doch toll!? Antworten



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