Schweiz

Gibt es einen «französischen Filz»?

Von Richard Diethelm, Lausanne. Aktualisiert am 15.01.2010 17 Kommentare

Die Schweizer Hochschulen sind stark internationalisiert. An den Unis in der Romandie aber geben die Schweizer Professoren den Ton an.

An den Westschweizer Universitäten wird die von der SVP angezettelte Polemik, es gebe an der Universität Zürich einen «deutschen Filz», aufmerksam verfolgt. Vergleichbare Vorwürfe, wonach in der Romandie zu viele Franzosen an den Universitäten oder an der ETH Lausanne lehrten, kennt man hier aber nicht. «So etwas gibt es bei uns nicht», sagt der Vizerektor der Universität Genf, Yves Flückiger. Der Franzose Dominique Bourg, Professor im Institut für Umweltwissenschaften der Universität Lausanne, bestätigt diesen Befund: «Ich habe nie eine kritische Bemerkung dieser Art gehört.»

Im Lehrkörper der vier Westschweizer Universitäten sind Franzosen zwar gut vertreten. Aber sie haben unter den ausländischen Professoren nirgends eine so starke Stellung wie die Deutschen an der Uni und der ETH Zürich. Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BfS) waren 2008 in Genf 60 der 149 ausländischen Professoren Bürger des grossen Nachbarlandes, an der Uni Lausanne 37 von 106 und in Neuenburg 7 von 24. An der zweisprachigen Universität Freiburg und an der ETH Lausanne unterrichteten und forschten sogar mehr Deutsche als Franzosen im Professorenrang. Laut BfS waren 2008 an der Uni Zürich dagegen 166 der 246 ausländischen Professoren deutscher Nationalität, an der ETH Zürich 117 von 241.

Unterschiede in akademischer Tradition

Obschon an den welschen Universitäten weniger Ausländer unterrichten als in der Deutschschweiz und im Tessin, wird ihr Lehrkörper immer internationaler. Weshalb schöpfen welsche Hochschulen weniger aus dem Reservoir Frankreichs? Insider erklären dies mit Unterschieden in der akademischen Tradition und mit der starken Stellung der Angelsachsen im globalisierten Wettbewerb um Professorinnen und Professoren mit internationaler Ausstrahlung.

Schweizer Hochschulen halten das in Berlin entwickelte Humboldt-System hoch. Danach sollen Professoren in der Lehre und der Forschung tätig sein. In Frankreich verlaufen dagegen die meisten akademischen Karrieren getrennt nach Forschung oder Lehre. Zudem war es in der akademischen Karriere à la française laut Flückiger bis Mitte der 90er-Jahre unüblich, einige Jahre an einer ausländischen Hochschule zu verbringen. «Seither hat sich das aber geändert», sagt der Genfer Professor.

Viele Angelsachsen berufen

«Die Franzosen sind weniger interessiert an einer Professorenstelle in der Schweiz als die Deutschen», stellt der Rektor der Uni Lausanne, Dominique Arlettaz, fest. Er führt dies darauf zurück, dass die Hochschulen im Nachbarland «bis vor wenigen Jahren ausschliesslich Franzosen» beriefen. In Deutschland sei es dagegen für einheimische Nachwuchskräfte schwierig, eine Professur zu erhalten. «Für Deutsche ist die Verlockung gross, an eine Schweizer Hochschule mit internationalem Ruf und guten finanziellen Bedingungen zu gehen», sagt Arlettaz.

Bei Avenir Suisse hat der Ökonom Daniel Müller-Jentsch die Immigration hochqualifizierter Arbeitskräfte untersucht und die Ergebnisse im Buch «Die Neue Zuwanderung» publiziert. Zum Wettbewerb unter den Hochschulen bei der Berufung von Professoren sagt Müller-Jentsch: «In keinem Bereich ist die Globalisierung weiter fortgeschritten.» Der beste welsche Spieler im Poker um grosse Namen und Talente ist der Präsident der ETH Lausanne, Patrick Aebischer. «Er glaubt an das amerikanische System und hat viele Angelsachsen berufen», sagt Xavier Comtesse, der die Zweigstelle von Avenir Suisse in der Westschweiz leitet. Allerdings gab Aebischer kürzlich ein ermutigendes Signal an die frankofone Professorengilde. Der bisherige Kabinettschef des französischen Forschungsministers wird Anfang April neuer Vizepräsident der ETH Lausanne.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2010, 07:00 Uhr

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17 Kommentare

Michael Rauber

15.01.2010, 10:38 Uhr
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Ich habe nichts gegen ausländische Dozenten, wenn sie denn auch besser wären! Allerdings ist das massiv grössere Problem, dass viele Professoren keine Ahnung von der Lehre haben und nicht dozieren können!!! Trotzdem werden sie Professoren in der geschützten Werkstatt genannt Uni oder ETH. Sonst würde ihnen gar keiner mehr zuhören. Antworten


Peter Granges

15.01.2010, 10:09 Uhr
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Ist nicht nur an Unis so, auch in anderen Einrichtungen wie den Spitälern, Restaurants oder Hotels! Das Argument wegen der Grösse des Landes oder den angeblichen besseren Qualitäten ist reiner Blödsinn und wird hier mit dem Bsp. der Westschweiz schön zu Fall gebracht. Es sind nämlich blosse Ausreden derjenigen die nur noch Deutsche einstellen, einzig und all weil sie schlicht billiger sind! Antworten



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