Schweiz

«Genf ist eine beliebte Diebstahldestination»

Interview: Mirko Plüss. Aktualisiert am 27.03.2012

In der Schweiz werden immer mehr Diebstähle verzeichnet. Kriminologe Martin Killias über Diebstahltrends und was das Rauchverbot damit zu tun hat.


«Völlig neue Gelegenheitsstrukturen für Diebe»: Der Schweizer Kriminologe Martin Killias. (Bild: PD)

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Herr Killias, was fällt Ihnen an der neuen Kriminalstatistik auf?
Wir sehen bei Raub, Diebstahl und Taschendiebstahl eine starke Zuwachsrate. Dies erstaunt wohl am meisten. Speziell daran ist, dass diese drei Deliktformen alle im öffentlichen Raum stattfinden.

Was sind mögliche Ursachen für diese Zunahme?
Hier spielen verschiedene konjunkturelle Entwicklungen eine Rolle. Bei Einbrüchen ist dies beispielsweise der momentan hohe Goldpreis. Goldkettchen und anderer Schmuck haben plötzlich einen viel höheren Wiederverkaufswert. Auch die geografische Lage eines Gebiets hat einen Einfluss. So hat die Zunahme an Diebstählen in der Region Genf sicher mit ihrer Grenznähe zu tun. Genf ist eine beliebte Diebstahldestination für Täter aus den grenznahen französischen Regionen.

Auffällig ist, dass die klassischen Diebstahlformen wieder zunehmen. Was ist die Erklärung hierfür?
Auch hierfür sind konjunkturelle Phänomene verantwortlich. Erklärungsansätze gibt es viele, man kann zum Beispiel das Nichtrauchergesetz nennen, das zur Folge hatte, dass sich vor einem Lokal grosse Gruppen von Menschen ansammeln. Trickdiebe haben in solchen Gruppen oder in einem Gedränge oft leichtes Spiel. Ein weiteres Problem ist, dass die Gäste ihre Jacken und Portemonnaies im Lokal unbeaufsichtigt liegen lassen.

Auch neuere Diebstahlformen, wie das Bankkarten-Skimming, scheinen dramatisch anzusteigen. Betrüger manipulieren Bancomaten und stehlen PIN-Codes und Kartendaten.
Solche Delikte haben im Moment enorme Konjunktur. Hier ist mit den neuen technischen Möglichkeiten auch eine völlig neue Gelegenheitsstruktur für Diebe entstanden. Dies lockte auch viele an, die vorher nicht in illegale Tätigkeiten verwickelt waren.

Wird diese Form des Diebstahls also auch weiter zunehmen?
Davon bin ich überzeugt. Doch sobald die technischen Gegenmassnahmen genug ausgeklügelt sind, wird das Phänomen wieder verschwinden.

Eine weitere Kernaussage des Berichts: Straftaten Minderjähriger gehen erneut stark zurück.
Hier sind zwei Trends zu beobachten. Zum einen sind die jüngeren Jahrgänge tatsächlich weniger stark in der Statistik vertreten als auch schon. Des Weiteren ist ein Kriminalitätsrückgang bei Minderjährigen aus dem Balkan zu sehen. Dafür steigen die Zahlen bei den 18- bis 25-Jährigen mit diesem Migrationshintergrund an. Es wird sich wohl in vielen Fällen um die gleichen Täter handeln, die vor einigen Jahren in der Minderjährigenstatistik auftauchten. Aber es sind auch qualitative Unterschiede auszumachen. So begehen die Jugendlichen aus dem Balkanraum, welche in der Schweiz geblieben sind, prozentual zu früher weniger Delikte.

Was könnte der Grund dafür sein?
Wir sprechen in der Fachsprache von einem Kohorteneffekt. Jugendliche aus dem Balkan sind heute in geringerer Zahl in der Schweiz vertreten. Durch ihre kleinere Zahl werden sie automatisch auch besser integriert.

Wie ordnen Sie die publizierten Kriminalitätszahlen im internationalen Vergleich ein?
Vergleiche sind oft problematisch, da jedes Land seine eigenen Erfassungsmodalitäten hat. Befragungen stützen aber die These, dass sich die Schweiz punkto Kriminalität mittlerweile im europäischen Mittelfeld befindet. Auch die Polizeistatistiken ergeben ein ähnliches Bild. Früher lagen die Zahlen um einiges tiefer. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.03.2012, 19:34 Uhr

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