Gebildet,technokratisch und sehr vernünftig
Von Ruedi Baumann und Erwin Haas. Aktualisiert am 16.04.2011 1 Kommentar
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Wer sind die sechs GLP-Kantonsräte aus Luzern und die zehn Neuen aus Zürich? Das Parteisekretariat stellt eine ausgeklügelte Excel-Tabelle und eine durchgestylte Website zur Verfügung. Das zeigt: Da sind Technokraten, Wissenschaftler und Unternehmer am Werk.
Die prägende Figur für die GLP ist in Luzern Gründungspräsident Walter Palmers. Er steht zwar nicht gern im Rampenlicht, und auf eine Ochsentour im Wahlkampf und viel Parlamentsarbeit hatte er im Alter von 64 Jahren keine Lust. Seit er sich vor zehn Jahren als Verwaltungsratspräsident und Teilhaber der Surseer Unterwäscheproduzentin Calida zurückgezogen hat, widmet er sich neben der Vermögensverwaltung mit Leidenschaft seinen Hobbys: Jagd, Hundezucht, Golf und Skitouren. Die Kandidaturen für den Kantonsrat überliess er Jüngeren.
Eher bei der FDP zu Hause
Zehn Jahre lang hatte Palmers im Vorstand von Economiesuisse gesessen, die damals noch Vorort hiess, und sich in Handelskammern engagiert. Wirtschaftspolitisch fühlte er sich (ausser in der AKW-Frage) bei der FDP zu Hause, doch die ökologischen Anliegen kamen ihm beim Freisinn zu kurz. «Für die Ökologie war die Abspaltung der Grünliberalen von den Grünen das Beste, was passieren konnte», sagt Palmers. «Denn die Grünen haben keine Ahnung von der Wirtschaft und woher das Geld kommt, und mit ihrer linken Politik ist es ihnen nicht gelungen, die ökologische Idee breiter zu verankern.»
Palmers, der fast schon auf philosophischer Ebene politisiert, geht es um globale Themen wie Überbevölkerung der Erde, Geburtenkontrolle, Wachstumsbegrenzung. Als Mitglied der Umweltvereinigung Ecopop unterstützt er die geplante Initiative, die Zuwanderung in die Schweiz auf jährlich 0,2 Prozent der Bevölkerung zu beschränken. Seine Aufgabe in der Luzerner GLP sah Palmers vor allem darin, die Parteistruktur aufzubauen und zu konsolidieren. 2010 liess er sich zum Vizepräsidenten zurückstufen, doch hinter den Kulissen übt er als Elder Statesman immer noch massgeblichen Einfluss aus.
Pro-Natura-Chef ist kein Linker
In Zürich sind die Aushängeschilder viel bekannter – Bäumle, Diener und Fraktionschef Thomas Maier. Doch die Grünschnäbel sind der Öffentlichkeit etwa so geläufig wie die Schulpfleger aus Sternenberg. Einer sticht hervor: Andreas Hasler (47, Illnau), Geschäftsführer von Pro Natura, studierter Biologe und Raumplaner. «Was, der ist kein Grüner?», fragten alle nach seiner Wahl. Doch Hasler, der kämpferische Umweltschützer, sagt: «Ich bin kein Linker.» Politisiert wurde er in der Anti-AKW-Bewegung, heute sagt er: «Wir dürfen nicht immer nach dem Staat rufen, sondern müssen auch selber zu unserem Glück beitragen.»
Hasler ist wie sein Schulkollege Martin Bäumle ein typischer Grünliberaler: vor kleinen Umweltsünden nicht gefeit, doch gegen das schlechte Gewissen helfen Technik und Ökonomie. Bäumle fährt einen grossen Töff, er legt sich aber eine Kilometerbeschränkung auf. Hasler fährt Auto, aber ein Eco-Modell. Er taucht gerne in tropischen Gewässern, aber nur alle paar Jahre einmal – und dann klimakompensiert. Er hat eine Ölheizung, diese zu entsorgen und gegen eine Holzschnitzelheizung einzutauschen, sei ökonomisch noch nicht sinnvoll. Doch sein Haus ist energetisch saniert.
Die Wissenschaftler-Fraktion
Eine typische neue Zürcher Grünliberale ist auch Barbara Schaffner (42) aus Otelfingen. Doktorin in Medizinphysik, Zweitstudium in Energiewissenschaften, heute Projektleiterin einer Firma für Solarkraftwerke. Beim Hausbau packte sie die Lust, von Medizin auf Umwelt umzusatteln. Ihr Haus hat eine Erdsondenwärmepumpe, auf dem Dach plant sie eine Fotovoltaikanlage, das Auto tauscht sie gegen eine Mobility-Mitgliedschaft ein.
«Politisch hat es für mich früher keine Partei gegeben», sagt Schaffner. Grüne und SP sind ihr zu links und staatsgläubig, die FDP kümmert sich zu wenig um die Umwelt, bei der CVP störte sie das «C» und bei der EVP das «E». Von den Grünliberalen hat sie in der Zeitung gelesen, zusammen mit ihrem Mann gehörte sie 2006 zu den Gründungsmitgliedern der GLP Dielsdorf. Mit Schaffner hat die Zürcher GLP-Fraktion ein halbes Dutzend Naturwissenschaftler.
Ein weiterer typischer Zürcher GLPler ist Sekundarlehrer Christoph Ziegler (46), der Elgger Gemeindepräsident. Sein Vater war EVP-Kantonsrat. Doch Ziegler junior suchte eine Partei, die sich im Umweltbereich engagiert, aber in der Schulpolitik konservativer ist als die Grünen. Auch finanzpolitisch ist Ziegler rigider als die Linken: «Bevor man Umweltpolitik machen kann, müssen die Finanzen in Ordnung sein.» Ziegler lebt «ganz normal», wie er sagt: Wärmepumpe im Haus, vernünftig Auto fahren und klimakompensiert in die Ferien fliegen.
«Unverbrauchte» Luzerner
Im Gegensatz zu den Zürchern ist für die Luzerner alles noch etwas neuer. Eine prägende Kraft ist neben Palmers der Präsident und neue Kantonsrat Urs Brücker (52). Der diplomierte Maschineningenieur aus Meggen arbeitet beim Wissensvermittler Innovationstransfer Zentralschweiz, der Politik, Industrie und Hochschulen vernetzt. Er ist Coach in Projekten für erneuerbare Energien, Klima und Landwirtschaft. Den Bauern etwa möchte er mit Fischzuchten eine neue Marktnische öffnen. Die grösste Biogasanlage der Schweiz in Inwil LU, die 2004 den Nachhaltigkeitspreis Pegasus gewann, hat Brücker massgeblich mitentwickelt – im Landwirtschaftskanton Luzern eine wichtige Energiequelle. Denn mit der jährlichen Gülle einer einzigen Kuh lässt sich 3000 Kilometer Auto fahren.
Dass die grünliberale Politik in Luzern keinen nachhaltigen Erfolg haben könnte, befürchtet keiner der sechs Gewählten in Luzern. Der Wirtschaftsstudent David Staubli (26) aus Emmenbrücke glaubt an «learning by doing». Die Zahnärztin Michèle Graber (45) aus Udligenswil, die Fallschirm springt, will einfach anpacken. Der Kaufmann und Hochbauvorarbeiter Samuel Odermatt (26) aus Sursee glaubt, dass das Volk «unverbrauchte Kräfte» wünscht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.04.2011, 10:27 Uhr
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