Schweiz

Für 550 Franken berichten Journalisten wohlwollend über Polit-Kandidaten

Von Chantal Hebeisen. Aktualisiert am 05.09.2012 23 Kommentare

Drei lokale Blätter im Aargau bieten Grossratskandidaten die Veröffentlichung ihrer Porträts für 550 Franken an. Der Präsident der Juso hat Beschwerde eingereicht – und auch Peter Studer nahm Stellung.

Kritisiert die Koppelung von journalistischen Artikeln und Inseraten: Der ehemalige Präsident des Schweizerischen Presserates, Peter Studer.

Kritisiert die Koppelung von journalistischen Artikeln und Inseraten: Der ehemalige Präsident des Schweizerischen Presserates, Peter Studer.
Bild: Keystone

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Reichte beim Presserat eine Beschwerde gegen den Verlag Effingerhof AG ein: Der Aargauer Juso-Präsident Florian Vock. (Bild: PD)

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Im Aargau ist ein Fall publik geworden, bei dem sich Grossratskandidaten einen Platz in der Zeitung erkaufen können. Und zwar nicht über ein reguläres Inserat, sondern in Form eines Interviews. Dies berichtet die «Aargauer Zeitung» heute. Das Angebot der drei lokalen Wochenzeitungen «General-Anzeiger», «Rundschau Nord» und «Rundschau Süd», die alle zum Verlag Effingerhof AG in Brugg gehören: ein Kandidatenporträt auf den Sonderseiten zu den Grossratswahlen, die im redaktionellen Teil erscheinen werden.

Die Inserateabteilung der drei Zeitungen verschickte Ende August das entsprechende Angebot, wonach die Kandidaten im Gegenzug entweder Inserate in der Höhe von 550 Franken buchen oder den Betrag an die Zeitung überweisen. Gemäss Recherchen der «Aargauer Zeitung» hat auch Jungsozialisten-Präsident und Grossratskandidat Florian Vock ein solches Schreiben erhalten. Er ist nicht einverstanden mit dem Geschäftsgebaren der Effingerhof AG: «Hier werden grundlegende journalistische Prinzipien verletzt, weil die Inserateabteilung in den redaktionellen Teil eingreift», sagt er gegenüber der «Aargauer Zeitung».

«So ein Deal ist total daneben»

Deshalb hat der Jungpolitiker nun eine Beschwerde beim Presserat eingereicht. Laut Vocks Aussagen können die Kandidaten der Zeitung im Vorfeld angeben, auf welche Fragen sie in ihrem Porträt Antwort geben wollen. Er sieht deshalb die Punkte 10 und 11 der Erklärung von Pflichten und Rechten von Journalisten verletzt, welche die Berufsleute verpflichtet, keinerlei Bedingungen vonseiten der Inserenten zu akzeptieren. Zudem würden Kandidaten benachteiligt, wenn sie die 550 Franken nicht aufbringen können, so Vock.

Der Fall scheint nicht nur Vock zu beschäftigen, auch der ehemalige Präsident des Schweizer Presserates, Peter Studer, findet dazu klare Worte: «So ein Deal ist total daneben», kritisiert er den Verlag Effingerhof AG gegenüber der «Aargauer Zeitung». «Entweder macht ein Grossratskandidat ein Inserat oder die Lokalzeitung berichtet nach journalistischen Kriterien über die Kandidierenden», so Studer.

Die Nationalratskandidaten kamen günstiger davon

Offenbar hat der Verlag diese Praxis schon früher betrieben: Bei den Nationalratswahlen im vergangenen Jahr boten die Zeitungen wohlwollende Kandidatenporträts für 350 Franken in bar oder gegen Anzeigen in Höhe von 600 Franken an. Zum aktuellen Fall wollten sich gegenüber der «Aargauer Zeitung» weder der Geschäftsführer des Verlagshauses noch die Chefredaktoren der Zeitungen äussern. Zu den Nationalratskandidaten-Porträts äusserte sich aber die Chefredaktorin der «Rundschau Nord» und der «Rundschau Süd», Friederike Saiger: «Die Leser sind keine Dummköpfe. Die können sich ihre Meinung trotzdem bilden», sagte sie im vergangenen Jahr gegenüber der «Aargauer Zeitung». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.09.2012, 11:11 Uhr

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23 Kommentare

Mike Müller

05.09.2012, 11:23 Uhr
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Sind die Zeitungen nicht dazu da, die Bevölkerung aufzuklären? Unabhängig davon, würde mich als mündiger Bürger die Verstrickung zwischen Politik, Wirtschaft und Medien interessieren. Bei gewissen Artikeln habe ich schlicht das Gefühl, bewusst desinformiert zu werden. Antworten


Robin Sieber

05.09.2012, 11:52 Uhr
Melden 65 Empfehlung 0

Wenn man jetzt noch dazuzählt, dass alle Inseratekunden und der politische Korrektismus auch alle Artikel beeinflussen, erklärt sich plötzlich warum Zeitungslesen heute nicht mehr objektiv informiert.
Zudem muss die Frage erlaubt sein: Was zahlt die Economiesuisse, wenn wieder eine ihrer "Pressemitteilungen" einfach reinkopiert wird?
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