Schweiz

Ex-Chefredaktor der «Weltwoche» berät den Bundesanwalt

Von Verena Vonarburg. Aktualisiert am 14.05.2010 15 Kommentare

Jürg Wildberger war Chef der «Weltwoche», als diese brisante Recherchen zum Fall Holenweger publizierte. Nun hat er einen heiklen Seitenwechsel vollzogen.

Vom Angreifer zum Verteidiger: Steckt der ehemalige Chefredaktor Jürg Wildberger in einem Interessenkonflikt?

Vom Angreifer zum Verteidiger: Steckt der ehemalige Chefredaktor Jürg Wildberger in einem Interessenkonflikt?
Bild: Keystone

Die Bundesanwaltschaft kämpft mit einem beträchtlichen Glaubwürdigkeitsproblem: Sowohl der Fall des Bankers Oskar Holenweger – ausgelöst durch falsche Behauptungen des kolumbianischen Drogenbarons Ramos – wie auch das Verfahren gegen die Hells Angels sind daran, in sich zusammenzufallen.

Um zu versuchen, trotzdem halbwegs das Gesicht zu wahren, hat die Bundesanwaltschaft mit Blick auf die kürzlich abgehaltene Medienkonferenz Zuflucht bei einer externen Kommunikationsberaterfirma gesucht. Und zwar bei der teuersten auf dem Platz Bern. Der Minimalansatz von Hirzel-Neef-Schmid-Konsulenten beträgt gemäss Branchenkennern 500 Franken pro Stunde. Wegen dieser exorbitanten Ansätze trägt das PR-Büro da und dort in der Bundesverwaltung den Übernamen «Büro Wahnsinn».

«Züge eines Justizskandals»

Interessant ist auch, wer sich bei den Konsulenten um das Mandat der Bundesanwaltschaft kümmert: Es ist der ehemalige Medienmann Jürg Wildberger, wie zwei voneinander unabhängige Quellen dem «Tages-Anzeiger» erklärt haben. Wildberger bestätigt seine Arbeit, mehr nicht: «Fragen Sie die Bundesanwaltschaft, sie spricht über unser Engagement. Ich bin nicht mandatiert, etwas zu sagen. Ich äussere mich nicht, das ist die Abmachung.» Es gebe viele Mandate, bei denen die Berater auch an vorderster Front Medienarbeit machen, so Wildberger. Hier sei dies aber nicht der Fall. Man habe nur «im Vorfeld die Strategie miteinander diskutiert».

Zur heiklen Situation, als ehemaliger «Weltwoche»-Chefredaktor dieses Mandat zu betreuen, sagt Wildberger «nichts». Unter seiner Verantwortung als «Weltwoche»-Chef hatte das Blatt schwerste Vorwürfe publiziert – namentlich an den damaligen Bundesanwalt Valentin Roschacher. Die «Weltwoche» schrieb im Juni 2006 von einer «Affäre, die alle Züge eines Justizskandals trägt».

Ein Interessenkonflikt?

Von der Konfrontation zur Konsultation: Theoretisch wäre es möglich, dass der seinerzeitige Chefredaktor und jetzige Bundesanwaltsberater über vertraulichste Informationen betreffend der Quellen des «Weltwoche»-Journalisten verfügt und nun in einem Interessenkonflikt steckt. Müssen sich Journalisten künftig also gut überlegen, ob sie ihren Chef einweihen – weil nicht auszuschliessen ist, dass dieser später die Seite wechselt? Dem Vernehmen nach war Wildberger im konkreten Fall über Details der Recherche nicht im Bild.

Die Bundesanwaltschaft gibt derweil keine Auskunft über das Mandat an Hirzel, Neef, Schmid. Sprecherin Jeannette Balmer schreibt bloss: «Die Bundesanwaltschaft liess sich im Hinblick auf die Kommunikation im Zusammenhang mit den anstehenden Projekten, insbesondere was das Projekt BA 2011 und grosse Verfahren betrifft, von einem Kommunikationsberatungsunternehmen beraten.» Den Namen der Agentur hat die «SonntagsZeitung» publik gemacht, ohne den Betreuer Wildberger zu erwähnen.

Mörgeli verlangt Auskunft

Keine Antwort gibts von der Bundesanwaltschaft auch zu den Fragen, wie viel der PR-Auftrag die Öffentlichkeit kostet, ob er noch andauert, was die Beratung genau umfasst und ob die Ausführungen vor den Medien von Wildberger mitverfasst wurden.

SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli will aber per Interpellation eine Antwort verlangen. Insbesondere will er auch wissen, ob und wenn ja, wann und mit welchem Recht die Beraterfirma Einsicht gehabt hat in die Anklageschrift. «Ist der hochbezahlte Bundesanwalt unfähig, ohne PR-Firma eine kleine Medienkonferenz zu leiten? Oder braucht er die Fassadenreinigung, weil er so viel Schmutz verbergen muss?», fragt Mörgeli. Er verurteilt grundsätzlich die Tendenz, dass sich der Bund je länger, desto mehr von externen Beratern Kommunikationsstrategien zurechtlegen lässt.

Sigg spricht von «Speckgürtel»

Diesbezüglich pflichtet ihm eine gewichtige Stimme bei. Der ehemalige Bundesratssprecher Oswald Sigg spricht von einem «Speckgürtel an Beratungsagenturen ums Bundeshaus». Unter den Beratern finden sich auch ehemalige Informationschefs von Bundesräten mit entsprechendem Wissen und Netzwerk. Sigg hält die wachsende und kostspielige Vorliebe des Bundes für PR-Beratung für «hochgradig fragwürdig» – nicht zuletzt angesichts der Sparpolitik des Bundes. «Man traut den Externen manchmal mehr als den eigenen Informationsbeauftragten», so Sigg, «obwohl die Qualität der Beratung das viele Geld meistens gar nicht wert ist.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2010, 07:16 Uhr

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15 Kommentare

Reto Huber

17.05.2010, 06:23 Uhr
Melden 2 Empfehlung 0

Entscheidungen fällen heisst Verantwortung übernehmen. Wer dass selber nicht kann muss diese Fähigkeit eben (teuer) einkaufen. Niemand will anecken, alle wollen ihr Pöstli behalten, obwohl man nicht in der Lage ist seine Aufgaben selbstständg auszuführen. Zu Unfähigkeit oder Überforderung kommt Überheblichkeit und fehlender Charakter welche zusammen ein Zurücktreten zuverlässig verhinderm. Antworten


Anton Keller

14.05.2010, 07:51 Uhr
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Die internen Kommunikationsabteilungen verwalten lieber die Kommunikation als etwas zu bewirken. Deren Mitarbetenden sind oft ehemalige Medienschaffende, die sich durch geschönigte Berichte und Wegschauen für die Aufgabe beim Staat qualifiziert haben. Immerhin gilt das für Wildberger nicht. Antworten



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