Erdogan-Anhänger aus der Schweiz diffamieren Gegner mit Fake-News

Seit dem Putsch ist das Klima unter Schweizer Türken vergiftet. Operiert wird mit allen möglichen Mitteln.

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Das Foto zeigt drei Stapel mit gespitzten Holzpflöcken. «Ich habe sie speziell für Fetö präpariert und für die Verräter, die ihr beistehen. Was denkt ihr, Freunde?», fragt der Facebook-Nutzer, der es aufschaltet. «Ich habe sie einzig für jene in der Schweiz bestellt», präzisiert er und stellt einen Smiley dazu.

Es sind heisse Sommertage Mitte Juli 2016, und auch im Internet werden sie hitziger und hitziger. In der Türkei ist gerade der Militärputsch gescheitert. Fast 300 Toten werden beigesetzt, mehr als 2000 Verletzte verarztet. Die Zeit für Gerechtigkeit, für Rache ist gekommen. Präsident Recep Tayyip Erdogan schlägt zurück. Schweizer Türken machen eifrig mit. Sie diffamieren, denunzieren, sie drohen. Mit Gefängnis, dem Galgen, mit Vergewaltigungen. Mit zugespitzten Holzpflöcken und mit Smileys.

Den Hauptverantwortlichen für den Umsturzversuch haben sie alle schnell ausgemacht. Der islamistische Prediger Fethullah Gülen und die angebliche «Fethullahistische Terrororganisation», kurz Fetö. Gülen lebt im Exil in Pennsylvania, aber er ist allüberall, auch in Solothurn, Schwamendingen, St. Gallen. In die Schweiz – so wird die türkische Botschaft in Bern schon bald nach Ankara rapportieren – hätten sich aus der Türkei geflohene und gewaltbereite Fetö-Aktivisten abgesetzt. Sie verfügten hier schon länger über «Finanzierungskonstrukte» und «geheime Konten bei Schweizer Banken». Belege dafür? Fehlanzeige, auch Monate später.

Erdogans Schweizer Statthalter

In der Türkei werden Tausende Richter, Beamte und Militärangehörige entlassen und zum Teil willkürlich verhaftet, Kurden, Oppositionelle und Journalisten ebenso. In der Schweiz fängt alles verbal an, doch die handfesten Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Der Aufstand in der Türkei ist kaum niedergeschlagen, da demonstrieren Erdogan-Anhänger vor dem türkischen Generalkonsulat in Zürich. «Ihr Terroristen von Fethullah Gülen, euer Ende ist gekommen!», skandiert Schlachthofbetreiber Murat Sahin ins Mikrofon. «Es gibt jetzt kein Loch mehr, in dem ihr euch verstecken könnt.» Murat Sahin ist Geschäftsführer der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) mit Sitz in Spreitenbach. Sein Bruder Suat Sahin, Chef des World Turkish Business Council, schreibt auf Facebook: «Wir werden gemeinsam die Höhlen der Gülen-Bewegung und Putschsympathisanten stürmen.»

Erdogan wirft den Gülen-Anhängern mit teils nicht unplausiblen Argumenten vor, «Parallelstrukturen» errichtet zu haben. Auf die Auslandsorganisationen seiner Partei AKP und seines Staatsapparats trifft derselbe Vorwurf ebenso zu. In der Schweiz kontrollieren sie zahlreiche Moscheen und verfügen über die Organisationen der Sahin-Brüder. Das Bruderpaar pflegt direkte Kontakte ins engste Umfeld des Autokraten.

Nach dem Putschversuch sind die Ausland-Türken zur Stelle. Eine UETD-Mitarbeiterin, die in der Nähe von Zürich lebt, ruft auf Facebook sofort dazu auf, die «Parallelen» zu denunzieren. «Europa, hör nicht auf!», fordert sie. «Kotze die Terroristen in dir heraus! Informiere über alle Accounts, die verräterische Posts veröffentlichen!» Die «Bastarde» erwarte in der Türkei «ein netter Empfang» und «eine Spezialbehandlung». Angehängt hat die Zürcher Türkin einen Aufruf der türkischen Sicherheitsdirektion, verdächtigte Profile und Websites zu melden.

In einem Facebook-Eintrag will ein staatlicher türkischer Imam aus Ostermundigen «die Putschisten am Galgen sehen». Ein anderer Türke postet Kartenausschnitte, Telefonnummern und Adressen vom Bildungseinrichtungen in Zürich. «Diese Schulen sind die Höhlen Gülens in der Schweiz», schreibt er dazu. «Sie müssen sofort geschlossen werden. Wer ein Kind hat, das dorthin geht, soll die Kinder rausnehmen. Von heute an gibt es nichts Verrückteres, als Kinder ihnen anzuvertrauen.» Ein anderer Facebook-Nutzer meldet ein Winterthurer Restaurant. Die Redaktionsadresse der Zeitung «Zaman» im Zürcher Kreis 4 wird gepostet mit dem Aufruf, das Gülen-Blatt zu boykottieren.

Drohungen aus der Botschaft

Von der Schweiz fühlen sich die Erdogan-Anhänger unverstanden. Eine aufgeheizte Woche nach Putschniederschlagung lädt die Botschaft in Bern die Presse ein. Vizebotschafter Volkan Karagöz droht den Gülenisten auch in der Schweiz mit Verfolgung. «Sie infiltrieren den Staat seit den 80er-Jahren», behauptet er. Nun erwarte sie in der Türkei ein faires Verfahren. Von der Hatz gegen Landsleute, auch in der Schweiz, will er sich partout nicht distanzieren.

Die Reaktion fällt nicht wie erhofft aus. Der Fokus der Presse liegt auf den Drohungen des höchsten Gesandten Erdogans im Land. Für einzelne Anhänger des Präsidenten ist das wiederum ein Beweis, dass die «Parallelen» auch Macht über die Schweizer Medien ausüben. Die Ansicht wird schon bald offiziell. Die Botschaft in Bern meldet nach Ankara, «dass die Fetö (. . .) mittels Geld Einfluss auf die Schweizer Presse nimmt und (. . .) gegen die Türkei gerichtete Propaganda betreibt».

Die Diffamierungen haben schnell Folgen. Ein türkischstämmiger Baselbieter Wirt bekommt eine Verfügung eines Istanbuler Gerichts zugestellt. Sein Vergehen: Er hat einen harmlosen Spruch über die Familie des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim getweetet. Yildirim hatte noch 2015 mit den Sahin-Brüdern in Aarburg Kebab gegessen.

Bereits zwei Tage nach dem Putsch tauchten Männer bei einem Treffen eines gülenistischen «Lesezirkels» bei Zürich auf. Sie wollten Teilnehmer zur Rede stellen, wurden aber abgewimmelt. Auf Facebook drohte einer von ihnen: «Ich bin gespannt auf die Liste.» Und: «Wir stellen auch unsere eigene Liste her.» Bald zirkulieren Listen mit angeblichen Fetö-Anhängern aus der Schweiz. Besonders eifrig ist die genannte Zürcher UETD-Mitarbeiterin. Sie postet auf Facebook die Namen von Schulen, Vereinen, Möbelgeschäften und Schmuckläden.

Die türkischsprachige Schweizer Zeitung «Post» veröffentlicht vermeintliche Enthüllungen über «Schweizer Fetö-Strukturen». Das Blatt, das im Land Tausende Türken erreicht, gibt sich überzeugt, dass KMU und Bildungseinrichtungen der Unterstützung von Terroristen dienen. Belege? Wiederum Fehlanzeige. Aber die «Post» verbreitet auch die These, dass der US-Geheimdienst CIA hinter dem Gülen-Netzwerk steckt. Dabei schenkt sie einem Buch über das «Spinnennetz des Fethullah Gülen» des rechtsextremen Kopp-Verlags Glauben.

Für die Diffamierten macht es wenig Unterschied, ob sie durch reale Bezüge mit Terroristen in Verbindung gebracht werden oder mit Verschwörungstheorien. Die Konsequenzen sind handfest: Verschiedene Betroffene, die alle anonym bleiben wollen, berichten, wie sie beschimpft und bedroht worden sind, in Moscheen, in türkischen Läden oder auf offener Strasse in der Schweiz. Beschimpfer und Beschimpfte, Drohende und Bedrohte kennen sich oft sehr gut. Aus Freundschaften werden Feindschaften, die Gräben gehen durch Familien. Deshalb und aus Furcht verzichten viele Opfer auf Strafanzeigen. Trotzdem häufen sich die Meldungen bei den Polizeien in der Schweiz sowie bei der Kobik, der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität.

Ein Geschäftsmann, der als Schweizer Fetö-Chef diffamiert wird, setzt sich juristisch zur Wehr. Ihm gleich tut es ein Schmuckhändler, der von Jugendlichen heimgesucht und bedroht worden ist. Und auch eine junge Frau wehrt sich. Sie hat auf Facebook den Basketballer Enes Kanter geliked, der in der NBA spielt und als Gülen-Anhänger gilt. Darauf bekommt die 20-Jährige Hassposts. Ein Türke aus Solothurn bezeichnet sie als «Fethullah-Schlampe», als «Bastard», als «geficktes Kind». Er werde, so schreibt der Mann weiter, ihre Brüder ficken, ihre Eltern töten.

Im Interview mit «20 Minuten» behauptet der Verfasser kurz darauf, er bedrohe niemanden, aber er gebe Namen an die türkischen Behörden weiter. «Wenn sie in die Türkei kommen, werden sie verhaftet, und das hilft sehr viel. Einer weniger heisst weniger Geld für die Bewegung. Das ist eine Sekte, schlimmer als al-Qaida.»

Hunderte Namen aus der Schweiz gelangen nach Ankara, durch direkte Denunzierung, aber auch nachrichtendienstlich. Nach dem Putschversuch ­intensivierte die Türkei in der Schweiz ihre Geheimdiensttätigkeit, was der schweizerischen Spionageabwehr schnell auffiel. Besonders tat sich ein Agent hervor, der von der Botschaft in Bern heraus operierte.

Die «Schweizer Fetö-Brut»

Die Angst geht um unter den 120'000 Menschen mit Türkei-Bezug in der Schweiz. Doch Erdogan-Unterstützer finden, wer nichts verbrochen habe, müsse nichts befürchten. Einer der glühendsten Anhänger des Präsidenten ist der Kurde Mehmet Cek. Er fiel bei einer Preisverleihung für den in der Heimat verfolgten Journalisten Can Dündar in der Universität Zürich im vergangene Dezember auf. Als Zwischenrufer vom Balkon bezeichnete er Dündar als Verräter. Während der Militärdiktatur, als linker Aktivist, sass Cek mehrere Jahre im Kerker, ehe er vor zwei Jahrzehnten in die Schweiz kam. Der Mann aus dem Luzernischen warnt: «Fetö, der IS und die PKK werden auch in der Schweiz Terror machen.» Seine Logik: «Ein Architekt baut Häuser, eine Terrororganisation macht Terror.» Für die «Gülen-Terroristen» sei die Schweiz nach den USA das wichtigste Land. Dasselbe behaupten mehrere AKP-nahe Türken aus der Schweiz, während Gesinnungsgenossen anderswo im Westen hervorheben, wie bedeutend ihr Land für Fetö sei. Mit der angeblichen Gefährlichkeit wächst auch die Wichtigkeit der türkischen Exilchefs. Schichtarbeiter und Journalist Mehmet Cek oder die Sahin-Brüder nehmen plötzlich eine Schlüsselrolle ein in der Verteidigung des Vaterlands im angeblich feindseligen Europa.

Im September dürfen Cek und Suat Sahin für einen TV-Auftritt in die Türkei reisen. Am Schweizer Zoll werden sie gemäss eigenen Angaben, wie öfters, eingehend kontrolliert. Die beiden treten bei ATV auf. Der Sender gehört wie die Zeitung «Sabah» zu einer Mediengruppe, die eine Zeit lang von einem Schwiegersohn Erdogans kontrolliert wurde. Für die Zollkontrollen macht ATV-Moderator Fuat Ugur die «unbarmherzige» Fetö verantwortlich, für welche die Schweizer Regierung «den Esel» spiele. In seiner Sendung mit den Gästen aus der Schweiz wird eine fehlerhafte Namensliste mit dem Titel «Schweizer Fetö-Brut» veröffentlicht. Zwei Dutzend Männer werden als angebliche Terrorunterstützer geoutet. In vielen türkischen Haushalten läuft Fernsehen rund um die Uhr, und das Misstrauen wächst. Sind alte Bekannte Terrorunterstützer geworden? Haben sie mich so getäuscht? Wem kann ich noch trauen? Diffamierte reisen seither nicht mehr in die Türkei, sie meiden auch die vom türkischen Staat unterstützten Moscheen – was wiederum als Beweis gewertet wird, dass die Vorwürfe gegen sie stimmen.

Teilweise sind die Konsequenzen der Denunzierungen grotesk. Die Falschmeldung, dass Mövenpick-Hotels zum Gülenisten-Imperium gehören, gelangt bis ins türkische Aussenministerium. Dort wird sie für bare Münze genommen. Das Ministerium interveniert, als der Fussballclub Fenerbahce vor einem Match gegen GC im Mövenpick in Regensdorf einchecken will. Der Verein storniert die Buchung. Tatsächlich gehört das Hotel einer spanischen Familienholding ohne Bezug zur Türkei, wie ein Anwalt der Gruppe der «SonntagsZeitung» sagt.

Doch TV-Moderator Fuat Ugur hat die Fake-News längst verbreitet. Es ist nicht die einzige falsche Geschichte über die angebliche gülenistische Macht in der Schweiz, die in vielen türkischen Medien kursiert. Die Website «Haber 10» publiziert unscharfe Bilder von einer Hochzeit des angeblichen Terroristenunterstützers und falschen Mövenpick-Besitzers in Oberentfelden bei Aarau. Die verdeckt gemachten Aufnahmen zeigen einen älteren Gast. Darüber prangt der Titel: «Wer ist das mysteriöse Führungsmitglied von Fetö Schweiz?» Der Unbekannte sei mit Bodyguards gekommen («was für die Schweiz sehr ungewöhnlich ist») und herzlich begrüsst worden. Gemäss Kommentaren im Netz handelt es sich bei dem «mysteriösen» Herrn aber um einen harmlosen Kleingewerbler aus dem Mittelland. Seine angeblichen Leibwächter seien jüngere Verwandte, die Krafttraining machten.

Die Justiz übernimmt

Nach acht Monaten Hatz gibt es nur Verlierer. Sogar Vizebotschafter Volkan Karagöz, der gegen Gülenisten hetzte, wurde selbst als Gülenist denunziert. Er musste abtauchen und hat in Bern einen Asylantrag gestellt. Gülen-nahe Schulen schliessen. Grund: Schülermangel. Gegen Diffamierer, Spitzel und Denunzianten wird an verschiedenen Orten in der Schweiz wegen Drohungen, Ehrverletzungsdelikten und anderer Straftaten ermittelt, auch gegen Mehmet Cek und Suat Sahin. Bereits verurteilt worden ist ein Türke aus Solothurn, der die junge Bernerin enorm bedroht und beleidigt hat, welche den NBA-Basketballer likte. Die Berner Staatsanwaltschaft verurteilte ihn wegen Drohung und Beschimpfung zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 30 Franken und einer Busse von 600 Franken.

Das Klima bleibt vergiftet. Diese Woche hat der «Blick» die Erdogan-Anhänger mit einer prominenten und provokativen Empfehlung erzürnt, das Verfassungsreferendum in der Türkei abzulehnen. Die Retourkutsche liess nicht lange warten. Die Zeitung «Sabah» vermeldete, «Blick»-Chefredaktor Christian Dorer pflege eine enge Beziehung zu einem Fetö-Repräsentanten. Als Beleg dienen Bilder von einem Podium in Aarau. Dorer moderierte, ein unbescholtener, in der Schweiz aufgewachsener Gülen-Anhänger diskutierte mit. Mehrere AKP-nahe Medien thematisierten die «dreckige, dunkle Beziehung» zwischen dem Blatt und der Terrororganisation. Hinter der angeblichen Enthüllung steckt Mehmet Cek. Im Gespräch sagt er: «Die Gülenisten kaufen alles mit Geld.» Und: «Wenn sie Dorers Konten kontrollieren, finden sie etwas.» Belege? Fehlanzeige.

Verschwiegen wird in den zahlreichen Berichten über die «Blick»-Fetö-Connection, dass das Podium 2012 stattgefunden hatte und dass auch drei Schweizer Nationalräte aufgetreten waren. Es drehte sich um die Frage: «Gibt es einen Konsens über Werte, die Gewalt verhindern und zu Frieden führen?»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2017, 23:07 Uhr

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