Schweiz

Ensi hat Gefahr von Explosionen in AKW unterschätzt

Von Simon Thönen. Aktualisiert am 10.04.2012 38 Kommentare

Der AKW-Sicherheitscheck war lückenhaft: Ein Fachgremium fordert nun Zusatzabklärungen.

Das Fachgremium fordert weitere Abklärungen zur Hochwassergefahr: So auch beim AKW Mühleberg.

Das Fachgremium fordert weitere Abklärungen zur Hochwassergefahr: So auch beim AKW Mühleberg.
Bild: Keystone

Empfehlung der Fachkommission

Als eine der ersten Massnahmen nach Fukushima ordnete die Atomaufsicht Ensi an, dass die Gefahr von Extremhochwassern für AKW überprüft werden müsse. Das AKW Mühleberg bestand diesen Nachweis letzten Sommer nur knapp: Es musste vorzeitig abgeschaltet und nachgerüstet werden. AKWGegner kritisierten das Ensi vehement, weil es akzeptierte, dass der Reaktor notfalls von Feuerwehrleuten mit mobilen Pumpen gekühlt werden muss.

Doch auch die Berechnungsgrundlagen für Extremhochwasser in Mühleberg wurden von Geologen und dem Klimahistoriker Christian Pfister infrage gestellt. Das Ensi verlange nicht einmal die Berücksichtigung von Hochwassern, die sich in der Geschichte nachweislich ereignet hatten, kritisierte Pfister damals (TA vom 19. 7. 2011). Die Eidgenössische Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) stellt sich nun in vorsichtigen Worten auf die Seite dieser Kritiker. Zwar seien die Hochwasserannahmen aus dem Jahr 2008, die das Ensi für vier der fünf AKW zuliess, «nach wie vor eine aktuelle Basis». Aber darüber hinaus «können insbesondere Untersuchungen zu historischen Hochwasserhäufigkeiten und maximalen Hochwasserständen neue Erkenntnisse liefern und sollen periodisch berücksichtigt werden».

Rasche Neuprüfung gefordert

Das Ensi wolle die Hochwasserannahmen ohnehin neu überprüfen, sagt Sprecher Sebastian Hueber. «Sobald die Hochwassergefahr neu bestimmt ist, müssen die KKW-Betreiber den Sicherheitsnachweis wiederholen.» Jürg Joss sieht die Kritik der AKW-Gegner auch in diesem Punkt bestätigt. Der Hochwassernachweis müsse aber rasch mit realistischen Annahmen wiederholt werden, fordert er: «Ich befürchte, dass das Ensi diese Abklärungen auf die lange Bank schieben wird.»

Offensichtlich bezweifelt die KNS, dass das Ensi dazu in der Lage ist. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Nuklearfachleute künftig rar werden könnten. Es brauche Massnahmen, um die Fähigkeit zu unabhängigen Urteilen in der Krise beim Ensi dauerhaft sicherzustellen, empfiehlt die KNS.

Weiter bezweifelt die KNS, ob die Notgeneratoren und -pumpen, die für alle AKW in einem zentralen Lager in Reitnau AG stehen, in einer Katastrophe rechtzeitig vor Ort sein können. Ein Problem sei zudem die Laufzeit der Batterien, die in den AKW Stromausfälle überbrücken sollen. Bezüglich der Sicherheitsannahmen empfiehlt die KNS neben der Überprüfung der Explosions- und Hochwassergefahr auch einen raschen Abschluss der Untersuchungen zur Erdbebengefahr, die seit Jahren laufen. (st)

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Die Fernsehbilder der explodierenden Reaktoren in Fukushima sind das Symbol für die japanische AKW-Katastrophe schlechthin. Dennoch hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) diese Gefahr bei der Sicherheitsüberprüfung der Schweizer AKW unterschätzt. Zu diesem Schluss kommt die Eidgenössische Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) in ihrem offiziellen Bericht zu den «Folgemassnahmen in der Schweiz» nach Fukushima.

Die Fachkommission KNS, in der sowohl pronukleare wie AKW-kritische Experten vertreten sind, berät den Bundesrat in Fragen der AKW-Sicherheit. Die KNS kann Empfehlungen abgeben, die jedoch für das Ensi nicht verbindlich sind. Ihre Aussagen haben dennoch Gewicht. Denn die KNS ist das einzige offizielle Fachgremium, das Zweitmeinungen zu den Sicherheitsbeurteilungen der Atomaufsicht Ensi abgeben kann.

In allen AKW zu wenig sicher

Generell findet die KNS zwar lobende Worte für das Ensi, weil es «schnell und zielgerichtet auf die Ereignisse von Fukushima reagiert hat». Im Einzelnen listet die KNS in ihrem jüngst publizierten Bericht aber ein halbes Dutzend offene Sicherheitsfragen auf (siehe rechts). So in der zentralen Frage, wie Explosionen in AKW wie in Fukushima zu verhindern sind. Dort entstand in einer chemischen Reaktion zwischen Wasser und dem Metallmantel von überhitzten Brennstäben Wasserstoff, der in der Folge explodierte.

In den ersten Monaten nach Fukushima verneinte das Ensi das Problem und verwies auf die Filter, über die in Schweizer AKW Dampf und allfälliger Wasserstoff in die Umgebung abgelassen werden können. Seither hat es die Überprüfung diverser offener Fragen rund um diese Systeme angeordnet, die nach dem Unfall im amerikanischen Harrisburg eingebaut worden waren.

Für die KNS ist dies nicht genug. Dem Thema müsse mehr Beachtung geschenkt werden, fordert sie. Es sei zu verhindern, dass im Containment der Reaktoren ein «zündfähiges Gemisch entsteht». Und falls es doch zur Explosion komme, «muss die Druckspitze beherrschbar bleiben». Dies sei aber mit den Systemen, die in den fünf Schweizer AKW installiert sind, nicht garantiert: «Nach Ansicht der KNS können diese Ziele mit den vorgesehenen Vorkehrungen nicht hinreichend sicher erreicht werden.»

Das Fachgremium fordert deshalb: «Die Beherrschung einer voll entwickelten, schnellen Wasserstoffproduktion in den schweizerischen Kernkraftwerken ist zu überprüfen.» So sei unter anderem sicherzustellen, dass der Druckablass über Filter einerseits «fehlersicher fernbedient» werden kann, anderseits müsse die Reaktormannschaft ihn notfalls manuell vor Ort bedienen können. Und zwar auch «unter radiologisch erschwerten Bedingungen» – also dann, wenn die Strahlenbelastung für die Mannschaft hoch ist.

Ensi: Abklärungen laufen

Jürg Joss von Fokus Anti-Atom sieht durch diese und weitere Empfehlungen der KNS «unsere Kritikpunkte an der laschen Vorgehensweise des Ensi bestätigt». Unverständlich sei jedoch, dass die KNS auf die Forderung verzichte, dass die AKW «zumindest vorläufig abgeschaltet werden, bis diese Sicherheitsmängel behoben sind».

Das generelle Lob der KNS für das Ensi «bestätigt unsere Vorgehensweise», betont dagegen Ensi-Sprecher Sebastian Hueber. Zum Thema Wasserstoff verweist er auf bereits gemachte und noch laufende Abklärungen: «Wir werden in diesem Zusammenhang auch die Überlegungen der KNS analysieren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2012, 06:58 Uhr

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38 Kommentare

Tim Egger

10.04.2012, 09:32 Uhr
Melden 74 Empfehlung 0

Das ist doch eine Klüngelei. Jeder beim ENSI ist atomfreundlich. Die können gar nicht objektiv sein. Antworten


Otto Oddenbroch

10.04.2012, 10:09 Uhr
Melden 53 Empfehlung 0

Ein weiteres Kapitel im Buch des "Was das ENSI bis jetzt nicht berücksichtigt hat, die gute Arbeit des ENSI aber unterstreicht und garantiert nicht gefährlich ist für die Bevölkerung"
Haben die ENSI-Pressesprecher eigentlich nur einen einzigen Spickzettel wenn sie vor die Öffentlichkeit treten.
Peinlich peinlich peinlich
Antworten



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