«Ein Krimineller auf der Flucht»

Die US-Behörden würden die Akte Polanski noch lange nicht schliessen, sagt Martin Naville, Chef der schweizerisch-amerikanischen Handelskammer. Dennoch respektierten die Amerikaner den Entscheid der Schweiz.

«Die Schweiz hat den Fall abgeklärt und liefert Polanski wegen Verfahrensmängeln nicht aus»: Roman Polanski am 24. April in seinem Chalet in Gstaad.

«Die Schweiz hat den Fall abgeklärt und liefert Polanski wegen Verfahrensmängeln nicht aus»: Roman Polanski am 24. April in seinem Chalet in Gstaad. Bild: Keystone

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Die Schweiz liefert Roman Polanski nicht an die USA aus. Wie wird diese Entscheidung dort aufgenommen?
Vielleicht mit Grummeln, mit mehr aber nicht. Es ist zwar sicher keine erfreuliche Sache für die USA, aber im Verfahren hatte es klare Mängel. In Washington hat man Verständnis dafür, dass die Schweiz den Rechtsweg einhalten musste und dem Auslieferungsbegehren nicht entsprechen konnte.

Beim Superior Court in Los Angeles heisst es auf Anfrage, der Fall sei noch hängig. Was bedeutet das?
Laut amerikanischem Recht ist Polanski ein Krimineller auf der Flucht. Er wurde ja nicht verurteilt. Die Strafverfolger möchten ihn gerne vor ein Gericht stellen, weil er von Gesetzes wegen vor ein Gericht gehört. Viele Leute, ich inklusive, hätten es gut gefunden, wenn ein Gericht den Fall hätte sauber beurteilen können.

Warum legen die US-Strafverfolger den Fall nicht ad acta?
Die Diskussion um Polanski war sehr medienorientiert. Seine Anwälte haben unter anderem Verfahrensfehler thematisiert und behauptet, die US-Justiz habe Dreck am Stecken. Das hat natürlich die Strafverfolger provoziert. Ich glaube aber nicht, dass es einen Casus belli geben wird. Die Schweiz hat den Fall abgeklärt und liefert Polanski wegen Verfahrensmängeln nicht aus. Die US-Strafverfolger halten den Fall offen und werden ihn unter Umständen mit einem anderen Land neu aufrollen.

Roman Polanski hat eine Minderjährige vergewaltigt. Wie nimmt die US-Öffentlichkeit den Entscheid wahr?
Ein berühmter Regisseur, der sich an Kindern vergreift, ist natürlich medienträchtig – aber auch absolut niederträchtig und verwerflich. Es wird Kommentare geben. Aber ich glaube wie gesagt nicht, dass wichtige Entscheidungsträger mit dem Finger auf die Schweiz zeigen werden.

Roman Polanski wurde überraschend verhaftet und genauso überraschend freigelassen. Haben die Entscheidungen etwas mit dem Staatsvertrag um die UBS zu tun?
Wäre der Vertrag bei seiner Verhaftung noch nicht unterzeichnet gewesen, man könnte etwas hineinlesen. Tatsächlich wurde der Vertrag am 19. August unterschrieben und es brauchte – aus damaliger Perspektive – keine Ratifikation. Im September gab es für das EJPD daher keine Motivation, Polanski aus irgend einem Grund zu verhaften, ausser um auf das spezifische Gesuch der USA einzutreten. Es war kein Kniefall vor den USA. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2010, 17:22 Uhr

«In Washington hat man Verständnis»: Martin Naville (Bild: Keystone )

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