Schweiz
Ein Boulevardjournalist will der Kirche zu guten Schlagzeilen verhelfen
Von Michael Meier. Aktualisiert am 07.06.2010
Für Simon Spengler ist die Kirche ein «Hort des Liberalismus». (Nicola Pitaro)
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Simon Spengler war einst Novize und Mönch im strengen Zisterzienserkloster Hauterive FR. Seit April ist er der erste geschäftsführende Sekretär der Kommission für Medien und Kommunikation innerhalb der Schweizer Bischofskonferenz. Daraus auf eine Theologenbiografie ohne Brüche zu schliessen, wäre falsch. Bis April nämlich gehörte der Vater von drei Kindern zur Bundeshaus-Redaktion des «Blicks», zuvor schrieb er für den «SonntagsBlick». «Ich stehe dazu, ich war zehn Jahre Ringier-Boulevardjournalist», sagt der gebürtige Deutsche.
Der 47-Jährige, der heute auf nationaler Ebene die Bischofskonferenz in Sachen Medienpolitik berät, die Stellungnahmen und Studien ihrer verschiedenen Fachkommissionen der Öffentlichkeit vermittelt und die Medienarbeit der kirchlichen Stellen und Pfarrblätter beurteilt, hatte in der Zeit vor dem Seitenwechsel sehr kritisch über die Kirche und ihre Fürsten berichtet.
So lüftete er etwa im «Blick» den Lohn von Bischof Kurt Koch: angeblich 180'000 Franken pro Jahr. Oder er qualifizierte die Wiedereinführung der lateinischen Messe durch Papst Benedikt XVI. als «Triumph für die katholischen Fundis». Das Blatt hat ihn aber auch gerne als Vatikan-Experten ausgegeben und als einzigen Schweizer Journalisten mit Papst Johann Paul II. von Rom zu seinem Schweiz-Besuch nach Bern fliegen lassen.
Kritik am neuen Chef
Über seinen heutigen Chef Norbert Brunner, den Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz, urteilte Spengler vor 15 Jahren nicht eben schmeichelhaft. Als Brunner Bischof von Sitten wurde, war Spengler beim aufmüpfigen «Berner Pfarrblatt» tätig. In einem Artikel zweifelte er daran, «dass Brunner der Wunschkandidat der Walliser Seelsorger» sei. Es werde ihm Praxisferne und Bürokratentum vorgeworfen. Bereits in der ersten Medienmitteilung habe der Neubischof wenig Einfühlungsvermögen gezeigt, indem er über die mangelhafte Akzeptanz der katholischen Sexualmoral klagte.
Eine Bekehrung vom Saulus zum Paulus mag Spengler für sich nicht gelten lassen. Er habe eine «neue berufliche Herausforderung gesucht». Und auch als kritischer Katholik müsse er sich in der Schweizer Bischofskonferenz nicht stark zurücknehmen. Dort seien mehrere Bischöfe für die Abschaffung des Pflichtzölibats. Umgekehrt kann Spengler deren Verbotsoption bei der Suizidbeihilfe gut nachvollziehen, und die Fristenregelung akzeptiert er nur mit Vorbehalten.
Und allen Ernstes behauptet der Hobby-Imker, im Vergleich mit dem Boulevardjournalismus, der ein «wahnsinnig enges autoritäres Korsett darstellt», empfinde er die katholische Kirche als «Hort des Liberalismus». Spengler ärgert sich über Theologen und Seelsorger, die die Kirche als durch und durch autoritär kritisieren. «Die sollten mal in der Fabrik arbeiten, da ist es doch viel enger und autoritärer als in der Kirche.»
Spenglers Seitenwechsel zieht auch keinen Perspektivenwechsel nach sich. Wie damals als Boulevardjournalist ist sein Ziel, auch von Leuten mit geringer Bildung verstanden zu werden. Er gehe nicht von der Situation und nicht von seiner Person aus – sondern vom Leser respektive Empfänger, sagt Spengler. Auch im neuen Job bleibe er der Publikumsorientierung treu und frage sich, wie er die kirchliche Medienarbeit besser organisieren könne, um mehr Leute zu erreichen.
Eine Chance verpasst
So hat er für die Medienkonferenz von letzter Woche zum Thema Missbrauch in der Kirche konkrete Vorschläge gemacht, wie die Bischöfe das Thema so präsentieren können, «dass es verständlich und glaubwürdig ist. Und dass klar wird, dass wir etwas gelernt haben – dass wir nicht nur Vergangenheitsbewältigung betreiben, sondern auch einen Schritt nach vorne wagen.»
Spengler regte an, beim derart emotionalen Missbrauchsthema die Emotionen mit einem bischöflichen Gebet samt Schuldbekenntnis in der Einsiedler Gnadenkapelle anzusprechen. Die Bischöfe folgten dem Rat ihres neuen Medienspezialisten.
Als erste Aktion nach seinem Amtsantritt musste Spengler im Mai, mitten in der Missbrauchsdebatte, die umstrittene kirchliche Imagekampagne «Mehr good news» leiten. Mit 5000 Plakaten in den Schweizer Pfarreien wollten die Bischöfe eine positive nationale Präsenz markieren. «Leider haben aber viele Kirchenleute die Kampagne selber madig gemacht und so eine Chance verpasst.» Doch die katholische Kirche brachte es einmal mehr zu grosser Medienpräsenz, zu einer Negativ-Präsenz. Was für Spengler allerdings nicht die Regel ist. Die Kirche sei dank vieler engagierter Leute an der Basis auch positiv in den Schlagzeilen.
Fan der lateinischen Messe
Der Theologe Spengler verfolgt mit seiner Arbeit auch eine private Motivation, wie er sagt: «Ich wünsche mir, dass die Kirche in dieser Gesellschaft eine Stimme bleibt. Denn ohne Kirche wäre diese Gesellschaft ärmer.»
Er selber ist sei den Tagen als junger Zisterziensermönch ein grosser Fan der lateinischen Messe: «Ich kann doch meine lateinischen Psalmen singen, ohne mich mit den traditionalistischen Pius-Bischöfen und ihrem Antijudaismus identifizieren zu müssen.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.06.2010, 23:29 Uhr
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