Ein Aufsteiger mit Fallschirm
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 08.02.2011 81 Kommentare
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«Amstutz bleibt Amstutz», sagt er, der von sich selber gerne in der dritten Person spricht, als liesse sich sein Name schon als Marke anpreisen und als wüssten die Bürgerinnen und Bürger sogleich, wofür diese Marke steht. Als flauschige Variante bietet er «ich bin und bleibe der Ädu» an, gelegentlich ins Botanische weitergetrieben: «Aus der Buche Amstutz wird keine Weide.»
Den letzten Satz wiederholt Adrian Amstutz in diesen Wochen besonders gern. Denn der unzimperliche Unternehmer im Baugewerbe aus Sigriswil über dem Thunersee möchte am Sonntag oder dann im zweiten Wahlgang für die SVP und für Bern in den Ständerat einziehen. Dort wird zwar kein Streichelzoo betrieben, wie gelegentlich behauptet wird. Doch man geht gesitteter miteinander um als im Nationalrat.
Das merkt man auch daran, dass der Kanton Bern meistens ruhige Typen zu Ständeräten wählt, die gemessen reden, staatsnah denken und wenig auffallen. Adrian Amstutz tut nichts von alledem und möchte das auch als Ständerat so halten. Bis heute hängt ihm der Satz an, mit dem er vor neun Jahren die Berner Finanzen sanieren wollte. Um den zu dicht gewachsenen Verwaltungswald zu lichten, sagte er, genüge die Nagelfeile nicht: Da sei die Motorsäge nötig. «Mir gefällt es, dass man mich damit identifiziert», sagt er heute. Man merkts.
Breitspurige Rhetorik
Der gut erhaltene 57-jährige Grossvater (3 Kinder, 5 Enkel) hat intakte Wahlchancen, aber auch zwei bekannte Konkurrentinnen. Da ist die freisinnige Christa Markwalder und Ursula Wyss, Fraktionschefin der SP Schweiz. Es wäre die erste Niederlage für den permanenten Aufsteiger, der es vom Maurer zum Unternehmer zum Grossrat zum mit Bestresultat wiedergewählten Nationalrat und SVP-Vizepräsidenten bis zum zeitweiligen Bundesratskandidaten gebracht hat. Der mit breitspuriger Rhetorik den Lastwagenverband Astag vertritt und auch sonst zu vielem etwas Lautes meint. Der sich gerne als Bergsteiger fotografieren lässt und als Fallschirmgrenadier gelernt hat, immer weich zu landen.
Dass er von relativ weit unten gekommen ist, kein Studierter ist und erst mit 39 Jahren in die Politik ging: Das klinge wie ein Nachteil, sagt er, «doch ich habe daraus einen Vorteil gemacht». Er habe die Bodenhaftung behalten, spüre, was die Wählerschaft wolle, und überhaupt: «Ich sage, was ich denke und stehe zu dem, was ich vertrete.»
So klingt er, der Wahlkämpfer mit dem superklaren Vokabular, das er mit automatischem Charme versieht, und dem trügerisch weichen Oberländer Berndeutsch verbreitet. Dass der ganze Kanton mit seinen Plakaten vollgehängt ist: Das habe er seiner Helferschar zu verdanken. «Ich habe 20'000 Franken in meinen Wahlkampf investiert.» Der Rest komme von Spenden.
Blochers Berner
Was Adrian Amstutz als Politiker und Schwerverkehrslobbyist vertritt oder über seine zackigen Kolumnen verbreitet, lässt sich auf zwei Achsen auftragen: vertikal und horizontal. Amstutz zieht das Unten dem Oben und das Innen dem Aussen vor. Also Sigriswil statt Brüssel, Deregulierung statt Paragrafen, gute Schweizer statt kriminelle Ausländer, weniger statt mehr Einbürgerungen, weniger Steuern, weniger Gebühren und wenig Umweltschutz.
Obwohl er die Ausschaffungsinitiative im Abstimmungskampf nicht ganz so extrem auslegte wie Christoph Blocher, beschrieb er eine Schweiz, die sich anfühlte wie die New Yorker Bronx – mit frei herumlaufenden Mördern, Vergewaltigern und Drogendealern. Tief bleibt sein Misstrauen auch gegenüber der EU. Wer in die EU wolle, behauptete Blocher kürzlich, sei kein richtiger Schweizer. Das sieht auch Amstutz so, Blochers Berner: «Wer der EU beitreten will, löst die Schweizer Demokratie auf.»
Strategisch milder
Zwar äussert sich der Kandidat zu vielem, beschränkt sich als Nationalrat aber auf die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. «Ich will mich dort einbringen, wo ich mich am kompetentesten fühle», sagt er. Und fällt dabei mit einer Zielstrebigkeit auf, die bündig mit seinen beruflichen Interessen korreliert. Der Mann lobbyiere konsequent gegen Einschränkungen für die Bauindustrie, sagt der Zürcher Grüne Bastien Girod: «Mit ihm zu verhandeln, hat wenig Sinn, weil er von seinen Ansichten nie abweicht.» Amstutz halte die ganze Schweiz für Sigriswil, sagt der Waadtländer Sozialdemokrat Roger Nordmann, der den Berner als «populistisch, kleinkariert und oft gehässig» erlebt.
Viel Lob kommt dafür vom Zürcher Freisinnigen Filippo Leutenegger: Amstutz konzentriere sich auf Geschäfte, bei denen er kompetent sei, könne es aber gut mit den Leuten, auch mit den politischen Gegnern. Leutenegger ist zudem aufgefallen, dass Amstutz, der ja oft die Verwaltung kritisiert, mit vielen Spitzenbeamten per Du verkehrt.
Angriff auf Sommaruga
Diese Doppelstrategie von angriffigen Auftritten und gmögigem Umgang setzt der ehrgeizige Berner so ein, dass er sich in der Öffentlichkeit kantig gibt und im Gespräch aufgeräumt. Dabei fällt auf, dass er zwar Buche bleiben und keine Weide werden will, er seine Angriffe auf politische Gegner aber spürbar abgemildert hat.
Zum letzten Mal heftig wurde er bei seinem vorletzten Auftritt in der «Arena» und mit seinem Angriff auf Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es ging um die Ausschaffungsinitiative, wobei Amstutz entgegenkam, dass die Neugewählte sich dünnlippig und dünnhäutig gab, ausserdem falsche Angaben machte und ihren Gegner zur landesweit nachhallenden Bemerkung verleitete, «dir verzellet ein Seich am angere, Frou Bundesrätin». Er habe sich vorher und auch nachher mit Frau Sommaruga gut verstanden, kommentiert Amstutz die Kollision heute. Als er bei seinem nächsten «Arena»-Auftritt auf Markwalder und Wyss traf, seine Konkurrentinnen im Wahlkampf, hielt er sich mit Ausfälligkeiten spürbar zurück. Denselben Eindruck hinterliess er unlängst bei einer Wahlveranstaltung in Spiez, wo er zugleich seine Stärke ausspielte. Während sich Christa Markwalder in der Funktionärssprache verhedderte und Ursula Wyss zwar Humor zeigte, aber auch zum Belehren neigte, blieb Amstutz beim Konkreten. Er brach seine Politik aufs Anschauliche herunter, holte sich am meisten Applaus und gewann die Debatte.
Wehe, ihm passt etwas nicht
Dass der Wahlkämpfer sich zurückhält, fällt auch anderen auf. «Amstutz gibt sich sehr viel zahmer als auch schon», sagt BDP-Präsident Hans Grunder über seinen ehemaligen Parteikollegen; auch zu ihm verhalte er sich ausnehmend freundlich. Dahinter steht natürlich kein Wandel, sondern Strategie. Um in einer Majorzwahl zu gewinnen, muss Amstutz viel mehr Leute erreichen als seine Fans, zumal sich die BDP für Markwalder ausgesprochen hat. Inhaltliche Kompromisse macht er dabei keine, was der Politologe Michael Hermann taktisch richtig findet. «Alles andere würde man ihm nicht abnehmen, und es würde seiner Glaubwürdigkeit schaden.»
Am meisten in die Quere kommt dem Kandidaten das eigene Temperament. Der Erfolgsverwöhnte neigt zum Aufbrausen, wenn ihm etwas nicht passt. Dann wird der Smarte hart, der Nette finster, der Forsche barsch und der Deutliche ausgesprochen aggressiv. Das hat man eindrücklich erlebt, als man ihn einmal mit Kritik aus seiner Gemeinde konfrontierte, er habe als Politiker und Unternehmer zu viel Einfluss. Das ist über zwei Jahre her. Dennoch brauchte es mehrere Anläufe, um ihn jetzt zu einem Gespräch zu bewegen.
Warum auf einmal so empfindlich, Herr Ständeratskandidat? Dass man ihn verunglimpfe, sagt er, damit könne er umgehen. «Dass aber meine Enkel in der Folge angegangen wurden, ist inakzeptabel; die Familie ist mir heilig.» Später schickt er einem «die etwas andere Einschätzung des angeblich bösen Am-stutz» nach. Innige Worte von Tinu Heiniger nämlich, dem Berner Liedermacher, der lange in Sigriswil lebte und auf seiner Homepage bekennt: «Einer mit Spöiz und Witz, einer, der etwas wagt, eine Meinung hat und meine, eine andere, gelten lässt.» Da sind wir aber beruhigt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.02.2011, 20:56 Uhr
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81 Kommentare
Hört man sich in Sigriswil etwas herum, dann fragen sich viele, wer so jemanden wählen will. Einen Lohndrücker (ASTAG) mehr brauchts wirklich nicht in Bern! Im Ständerat werden Geschäfte auch auf Französisch geführt, diese werden nicht übersetzt. Ein Politiker, der eine Sprache nicht versteht (wie weit ist übrigens Toni Brunners Franzikurs schon gediehen?) will sich als Brückenbauer anpreisen? Antworten
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