Schweiz

Diese Debattierer hören zu, bevor sie reden

Von Jean-Martin Büttner, Bern. Aktualisiert am 04.04.2011 1 Kommentar

Gegen 70 Jugendliche fochten mit Argumenten und Überzeugungskraft um den Sieg im nationalen Debattierfinal. Das Niveau war teilweise beachtlich – und die Gespräche interessanter als in der Fernseh-«Arena».

Argumentation, Rhethorik, Tempo: Die Jungen überzeugten, am meisten David Maurer (ganz rechts), der den nationalen Debattierfinal gewann.

Argumentation, Rhethorik, Tempo: Die Jungen überzeugten, am meisten David Maurer (ganz rechts), der den nationalen Debattierfinal gewann.
Bild: Pfander (EQ Images)

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Worauf es beim Debattieren ankommt

Debattieren lässt sich leicht lernen, muss aber sehr geübt werden. Eindrücke von Fachleuten.

Wer schon Parlamentsdebatten mitverfolgt hat, kommt schnell zum Schluss, dass sich die Schweizerinnen und Schweizer mit solchen Gesprächen schwertun. Dabei liesse sich dies einfach korrigieren, sagt Christian Graf. Der Lehrer leitet das Projekt «Jugend debattiert» und hat auch das zweite landesweite Turnier in Bern organisiert. In den letzten Jahren hat er etwas Bemerkenswertes herausgefunden und behauptet: Nach acht bis höchstens zwölf Lektionen hätten die Schüler schon gut verstanden, worauf es beim Debattieren ankomme.

Der Fachmann nennt vier Kriterien, nach denen auch die Juroren den Auftritt der zwei Alterskategorien und drei Landessprachen beurteilen: Sachkenntnis, Ausdrucksfähigkeit, Gesprächsvermögen und – sozusagen als übergeordnete Kategorie – die Überzeugungskraft. Das Schöne dabei, sagt Graf: «Diese Kriterien messen auch klassische Bildungsziele. Man muss etwas wissen, man muss von sich überzeugt sein, muss aber auch mit anderen umgehen können.»Letzteres garantiert auch, dass sich nicht automatisch der Lauteste durchsetzt und am Ende der gewinnt, der alle Konkurrenten in den Boden redet. Das unterscheidet die Jugenddebatten von herkömmlichen politischen Auftritten und dem rhetorischen Schaulaufen der «Arena».Seit die Stiftung Dialog lokale und nationale Turniere organisiert, habe sich das Niveau konstant gesteigert. Das hört man auch von Juroren aus mehreren Landesteilen. «Die Debatten überzeugen uns mit jedem Jahr mehr», sagt etwa der welsche Lehrer Rémi Vuichard, «und zwar bei allen Kriterien, auf die wir bei der Bewertung achten.» Christian Graf hat auch schon erlebt, dass die Debatten im Unterricht sich laufend verbessern, wenn Lehrpersonen die Methode regelmässig und in unterschiedlichen Fächern einbauen.Graf möchte das Angebot für die Volksschule erweitern, damit möglichst viele Jugendliche lernen, differenziert zu debattieren. Es seien auch schon Gemeindepräsidenten gekommen mit der Bitte, das rhetorische Niveau der Gemeindeversammlung anzuheben. Vor allem für die Schweiz sei die Kunst des Diskutierens wichtig. «In unserer direkten Demokratie findet über die Hälfte aller weltweiten Abstimmungen statt», sagt Graf: «Da sollte es uns etwas wert sein, dass jede neue Generation früh lernt, kontroverse Sachfragen miteinander auszutragen.» (jmb.)

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Draussen glüht der Frühling, drinnen erhitzt sich die Debatte. Im Berner Campus Muristalden stehen junge Leute in hellen Räumen und verhandeln Kontroverses. Die Themen klingen nüchtern, die Debatte nimmt rasch Fahrt auf. Soll man das Internet staatlich überwachen? Muss die Schweiz die Managerlöhne begrenzen? Dürfen Schüler ihren Abschluss nicht mehr im Ausland feiern?

Die rund 70 Finalistinnen und Finalisten, die sich erst in ihren eigenen Kantonen qualifizieren mussten, haben drei Wochen Zeit bekommen, die drei Themen zu recherchieren. Eine halbe Stunde vor der Debatte erfahren sie, ob sie für oder gegen das Thema argumentieren müssen. «Das ist ein Vorteil, weil man so auch die Argumente der Gegner bestens kennt», sagt einer von ihnen, der es bis in den Final schafft, «aber nur, wenn man von der zugeteilten Position überzeugt ist.» Dass er selber die Managerlöhne lieber begrenzen möchte, merkt man ihm dann trotzdem nicht an.

Keine «Arena» im Kleinformat

Wer eine Miniaturversion der «Arena» befürchtet hatte, bei der jeder darauf wartet, seine drei Sätze in die Kamera hineinzudeklamieren, liegt falsch. Hier hören die Debattanten einander zu, bevor sie reden. Seit 2006 haben bereits über 25'000 Schweizer Jugendliche gelernt, über politische Sachfragen zu debattieren. Mit jedem Jahr werden es mehr, und sie werden auch immer besser. Immer mehr Schulen gründen Debattierclubs, wo die Kunst verfeinert wird.

Nur vereinzelt klingt das Hochdeutsch in den beiden Vorrunden noch hölzern, werden Beschwörungen als Argumente ausgegeben oder bleibt eine These sachlich zu wenig gut abgestützt. Spätestens in den sechs Finalläufen, die in zwei Alterskategorien und drei Landessprachen abgehalten werden, überzeugen fast alle. Die knapp halbstündigen Debatten sind genau reglementiert und werden von der Jury nach klaren Kriterien benotet. Zuerst erklärt jeder seine Position, dann wird debattiert, und beim Schlusswort müssen alle sagen, warum sie trotz der Gegenargumente an ihrer Einschätzung festhalten. Das heisst: Sie müssen die Erkenntnisse aus der Debatte selbst in ihre Position einbauen.

Einzig der Humor fehlt

Die besten Finalisten beiderlei Geschlechts machen vor, was ein Debattierer braucht, um zu überzeugen. Die einen bringen schon in ihrem ersten Votum starke sachliche Argumente, verweisen auf Recht und Erfahrung, warnen vor den Folgen. Beim Widerstreit mit den Konkurrenten nehmen sie eines von deren Argumenten an, um es umgehend zu entkräften. Das bringt die Gegenseite in die Defensive. Je länger die Debatten dauern, desto weniger hört man Leerformeln wie «Ich bin nach wie vor der Überzeugung», «Wie ich bereits gesagt habe» und anderes, das man von den Politikern kennt. Das Einzige, was den Debatten schmerzlich fehlt, ist der Humor; dafür scheint die Anstrengung zu gross zu sein.

Aufschlussreich ist der kulturelle Unterschied: Beim ersten landesweiten Wettbewerb waren die welschen Kandidatinnen und Kandidaten drückend überlegen gewesen, wie sich Teilnehmer erinnern. «Die Welschen traten rhetorisch stärker auf, während die Hochsprache für die Deutschschweizer anfänglich Probleme schaffte», sagt Projektleiter Christian Graf. Bei späteren Wettbewerben hätten die Deutschschweizer stark aufgeholt.Der diesjährige Final zeigt, wie jede Kultur aus ihren Stärken das Beste macht. Die Tessinerinnen und Tessiner reden unglaublich schnell und lebhaft. Die Welschen brillieren rhetorisch und gestisch, wobei auffällt, dass alle Finalisten der älteren Kategorie aus Genf stammen – dem Advokaten- und Debattierkanton. Die Deutschschweizer schliesslich tragen die gründlichsten Argumente vor, zitieren freihändig Studien, Umfragen und andere Beweismittel.

Steinegger wirkte mürrisch

Am Ende gewinnt in der Alterskategorie der 13- bis 16-Jährigen die Bernerin Andrea Schlatter; bei den 17- bis 20-Jährigen setzt sich der Basler David Maurer durch. Schlatter bekommt auch den Publikumspreis, der bei den Älteren an Benjamin Steinegger geht, den Sohn des ehemaligen FDP-Präsidenten Franz Steinegger. Steinegger hatte mit Abstand die besten Argumente, wirkte aber abweisend und etwas mürrisch, ausserdem klang seine Stimme monoton. Auch das kann eine Debatte entscheiden: Wie man etwas sagt. Und nicht nur, was. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2011, 20:01 Uhr

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1 Kommentar

Enrico Fröhlich

04.04.2011, 11:35 Uhr
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Mein Kompliment für die Organisatoren. Weiter so! Die Debattenschulung fördert und stärkt unsere direkte Demokratie. Antworten



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