Die perfekte Täuschung

Die in den Korruptionsfall im Seco involvierten Personen täuschten auch externe Prüfer und vielleicht sogar die eigene Firma. Mit ihren Tricks erreichten sie Gewinnmargen von bis zu 73 Prozent.

Beim Seco-Fall geht es um überteuerte IT-Hardware und nie erbrachte Dienstleistungen. (Archivbild)

Beim Seco-Fall geht es um überteuerte IT-Hardware und nie erbrachte Dienstleistungen. (Archivbild) Bild: Keystone

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Über lange Zeit lief das Geschäft für den ehemaligen Direktor X* und den ehemaligen Chef Y der Fritz & Macziol (Schweiz) AG wie geschmiert. Dank den abgesprochenen IT-Geschäften mit ihrem Freund im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) fuhren sie Gewinne und Boni ein, von denen andere nur träumen können. Der TA berichtete in mehreren Artikeln, dass sie dem Seco offenbar Hardware überteuert verkauften und nie erbrachte Dienstleistungen in Rechnung stellen konnten.

Die hohen Margen fielen der Revisionsstelle auf, die die Jahresrechnung der F & M prüfte. Per E-Mail erkundigte sich ein Mitarbeiter der KPMG im Januar 2010, ob die Gewinnmargen im Umfang von knapp 3 Millionen Franken aus drei Rechnungen realisiert worden seien. Die Höhe der Margen – 60 bis 73 Prozent – dürfte den Revisor stutzig gemacht haben. Doch die Antwort von Y, dass im Zusammenhang mit den drei Geschäften keine Kosten mehr zu erwarten seien, genügte wohl, um den Revisor zufriedenzustellen.

Dasselbe Spiel wiederholte sich im nächsten Jahr. «Da sich die Margen gegenüber dem Vorjahr sehr stark verändert haben, wären wir dankbar, wenn wir eine kurze Erläuterung dazu erhalten könnten», schrieb der Revisor. Darauf wandte sich Chef Y an Direktor X: «Könntest du bitte auch was dazu sagen. Es geht darum, dass wir im letzten Jahr 50 Prozent Marge über alles generiert haben. Dank Seco.» Sodann bestätigte X dem Revisor «die Richtigkeit der tollen Handelswarenmarge».

Bei IBM einen schlechten Ruf

Die jährlichen Revisionen waren nicht die einzigen Kontrollen. So prüfte die Herstellerfirma IBM mittels sogenannter Audits, ob bestimmte Geschäfte von F & M korrekt abgewickelt wurden. F & M ist ein lizenzierter «Business Partner» von IBM. Dies, obwohl Direktor X bei der IBM einen schlechten Ruf hatte. Dem Chef des deutschen Mutterhauses berichtete er im Sommer 2008, sein Name sei «IBM intern (CH + international) zum Thema Audit immer wieder negativ im Gespräch. Das Ganze scheint sich nicht zu beruhigen, sondern im Gegenteil zu eskalieren.»

Trotz der Skepsis überstand F & M die IBM-Audits meist unbeschadet – jedoch nicht ganz ohne eigenes Zutun. Ein E-Mail eines weiteren F & M-Mitarbeiters lässt darauf schliessen, dass Unterlagen bei Bedarf nachträglich verändert wurden. Der Mitarbeiter hatte die Dossiers der sogenannten Special Bid Offers (SBO) von IBM – Angebote mit Rabatt – der letzten Jahre geordnet. SBOs eignen sich für Schummeleien, etwa indem der abgemachte Rabatt nicht an den Endkunden weitergegeben wird.

Der Mitarbeiter teilte seinen Chefs mit, er habe dafür gesorgt, dass die Dossiers komplett seien, jedoch «ohne unsere Dokumente den SBO-Gegebenheiten anzupassen!!! Dies müsste in einem Audit-Fall nachgeholt werden». In einem weiteren E-Mail sicherte sich der Mitarbeiter vorsorglich ab. Bei «IBM-Audit-Problemen» weise er die Verantwortung für die Preisgestaltung von sich, schrieb er. Das solle so in seiner Mitarbeiterakte festgehalten werden.

Unruhe in der Firma

Auch das Seco ordnete 2010 die Überprüfung eines Millionenprojekts an. Der Auftrag kam von Dominique Babey, dem inzwischen zurückgetretenen Vorgesetzten des in Untersuchungshaft sitzenden Ressortleiters. Das Audit einer externen Firma löste bei F & M Unruhe aus. Die Prüfer wollten sich profilieren und hätten «grosskotzig behauptet», für das Seco bessere Preise herauszuholen, schrieb Y im Herbst 2010 an X. Offenbar liess darauf die Kooperation zu wünschen übrig. Der Auditor griff X in einem E-Mail direkt an: «So unverbindlich und intransparent habe ich mir das nicht vorgestellt.»

Der Auditor kam zum Schluss, dass tatsächlich Potenzial zu Einsparungen bestehe. Im selben Jahr verweigerte die zuständige Kommission den Kredit für die Ausarbeitung des neuen Projekts. Die Kommission betrachte die jährlichen Betriebskosten als zu hoch, steht im Jahresbericht der Seco-Abteilung Arbeitsmarkt und Arbeitslosenversicherung. Dennoch blieb die F & M der grösste Auftragnehmer der Abteilung und erhielt zuletzt im Oktober 2013 Aufträge von 7,7 Millionen Franken.

Es floss viel Bargeld ab

Doch nicht nur das Seco, auch die F & M selber wurde möglicherweise von den Beteiligten geschädigt. Dem «Tages-Anzeiger» liegen weitere Unterlagen vor, die darauf schliessen lassen, dass grössere Summen – oft als Bargeld – auf nebulöse Weise aus der Firma abgeflossen sind.

Es gibt drei Spuren: Erstens existieren mehrere Rechnungen einer Autogarage für Luxuskarossen, die die F & M 2012 bezahlt hat. Eine beläuft sich auf 108'000 Franken und ist mit «Sponsoring Ferrari Challenge» bezeichnet. Die Ferrari Challenge ist eine Rennserie für Amateure, an der Firmenchef Y teilnimmt. Eine weitere Rechnung über 130'000 Franken trägt die Beschreibung «Diverse Aktivitäten, Events, Werbung an Motorsportaktivitäten etc.». Gemäss Kontonummer der Buchhaltung wurde zumindest diese Rechnung in bar beglichen.

Wie viel bekomme ich morgen?

Die zweite Spur ist etwas komplizierter. Zusammen mit dem damaligen Finanzchef – er ist heute immer noch im Kader der F & M – reaktivierte Y 2012 seine Firma Artifex AG. Ein befreundeter Geschäftsmann wurde eingesetzt, um mit der Artifex, die inzwischen in Liquidation steht, ein Holzhandelsgeschäft aufzubauen. Noch bevor es ins Laufen kam, stellte der befreundete Geschäftsmann der F & M zwei Rechnungen für «Beratungsleistungen» im Umfang von je 220'000 Franken.

Mit diesen Rechnungen im Gepäck wandte sich der Finanzchef im Sommer 2012 an den Bankberater der F & M. Der Geschäftsmann habe seit Anfang des Jahres kontinuierlich Beratungsleistungen für die F & M erbracht, schrieb er. Doch weil er leider noch kein Gewerbe angemeldet habe, seien seine Rechnungen bislang nicht akzeptiert worden. Nun wolle man diese aber begleichen. Und zwar in bar. Und um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, fügte der Finanzchef noch an: «Wir wollen auch nicht dafür verantwortlich sein, dass ihn seine Freundin wegen mangelnden Shoppings verlässt.» Das E-Mail schliesst mit der Bitte, drei Tage später, morgens um 8 Uhr, 266'500 Franken Bargeld zur Verfügung zu stellen.

Am Tag vor der Transaktion erkundigte sich Y beim Finanzchef: «Wie viel bekomme ich morgen?» Die Antwort erfolgte postwendend: «Wie besprochen … Geben wir dem K (Name des Geschäftsmannes) nur einen Teil in bar, damit er nicht länger warten muss.» Am Tag nach der Transaktion liess sich der Finanzchef von der Bank Informationen über die Eröffnung eines Schrankfachs geben.

Rechnungen vom Treuhänder

Die dritte Spur führt zu einem Innerschweizer Treuhänder. Indizien deuten darauf hin, dass er je nach Bedarf beliebige Rechnungen an die F & M stellte. Darauf deutet die folgende E-Mail von Y an den Treuhänder im Herbst 2010 hin: «Brauche die Rechnung dringend wie folgt: 140 Std. à 200.00. Konzeption und Redesign Toolkit mit graphischer Oberfläche. Rest (werde ich dir noch liefern) im 2011.» Kurz darauf korrigierte er sich: «Sorry, die Rechnung muss CHF 35'000.00 betragen, d. h. dies entspricht 175 Std. à 200.00. Danke.»

Die Fritz & Macziol (Schweiz) AG nahm gestern nach einer Anfrage keine Stellung zu den im Artikel dargestellten Vorkommnissen. Auch IBM und KPMG wollten keine konkreten Fragen beantworten. Die Bundesanwaltschaft ermittelt aktuell gegen den Seco-Ressortleiter sowie gegen X und Y. Der Ressortleiter und einer der beiden Firmenvertreter sitzen in Untersuchungshaft.


* Die Namen der involvierten Personen sind der Redaktion bekannt. Für sie gilt die Unschuldsvermutung.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.02.2014, 08:57 Uhr)

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