Schweiz

«Die ablehnenden Blicke tun weh»

Von Fabienne Riklin. Aktualisiert am 20.01.2010 8 Kommentare

Randständige sind meist männlich, Schweizer und psychisch krank, zeigt eine neue Studie. Silvano Würgler ist einer von ihnen. Wie lebt der 55-Jährige, der ohne Bier nicht mehr sein kann?

1/5 Das t-alk ist eine soziale Einrichtung der Stadt für schwerst alkoholabhängige Frauen und Männer, die nicht in der Lage sind, auch für kurze Zeit auf Alkohol zu verzichten.

   
«Bier hellt meine Stimmung auf»: Silvano Würgler ist Alkoholiker.

«Bier hellt meine Stimmung auf»: Silvano Würgler ist Alkoholiker.

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«Meine depressiven Abstürze haben mir das Leben ‹versiecht›.» Silvano Würgler sagt es trocken. Hochs und Tiefs hätten sein Leben geprägt. Immer wieder fing sich der gelernte Maschinenzeichner auf. Doch 2003 fand der heute 55-Jährige den Anschluss nicht mehr. Er verlor Job, Freundin, Wohnung. Würgler lebt seither als Randständiger in der Stadt Zürich. Er ist Alkoholiker.

Als «Biertrinker und Kiffer» bezeichnet Würgler sich selbst. «Bier hellt meine Stimmung auf», sagt er und zündet sich eine weitere Zigarette an. Seine Nägel und sein säuberlich geschnittener Bart sind gelblich vom Rauch. Trotzdem wirkt er im dunkelblauen Pullover und den Jeans gepflegt.

Fünf bis zehn Dosen Bier pro Tag

Jeden Tag kommt er ins t-alk, eine soziale Einrichtung der Stadt für schwerst alkoholabhängige Frauen und Männer, die nicht in der Lage sind, auch nur für kurze Zeit auf Alkohol zu verzichten. Ohne seine fünf bis zehn Halbliterdosen Bier fühlt auch Würgler sich nicht wohl. Er werde durch das Bier lebendiger, könne besser kommunizieren und verfalle weniger in depressive Stimmungen. Er beschreibt sich als «Gesellschaftstrinker». Zu Hause in seinem Studio, etwas ausserhalb der Stadt, trinke er nie.

Im t-alk hilft er kochen oder am Buffet. Sechs Franken verdient er so pro Stunde. «Dank dieser Integrationszulage kriege ich bis zu 300 Franken zusätzlich pro Monat zusammen», erzählt der 55-Jährige. 960 Franken pro Monat erhält er von der Sozialhilfe. «In der Schweiz muss niemand auf der Strasse leben, ausser er verpulvert sein Geld für Drogen und hält sich nicht an die Regeln», ist Würgler überzeugt.

«Mein Elend trage ich nicht an die Öffentlichkeit»

Der Alkoholiker lebt zurückgezogen. Er kenne die offene Alkoholszene in der Stadt, «doch mein Elend trage ich nicht nach draussen», erzählt er. Früher ging Würgler auch in die Parks, heute trinke er nur noch selten in der Öffentlichkeit. «Die ablehnenden Blicke der Passanten tun weh». Er sei geistig präsent genug um zu spüren, was Leuten mit Beruf, Leben und Familie über solche wie ihn denken.

Zu wissen, nie mehr in der Arbeitswelt Fuss fassen zu können, sei schwierig gewesen, sagt Würgler, «lange habe ich mich als Versagertyp gefühlt». Doch heute Lebe er von Tag zu Tag und freue sich auf die Gespräche mit Kollegen im t-alk. «Hier drinnen findest du alle Sorten von Menschen». Doch wirkliche Freundschaften zu schliessen sei nicht leicht. «Die Sucht lässt viele klauen», sagt Würgler. Und viele Randständige würden nach dem Motto leben: «aus den Augen, aus dem Sinn».

Abends ist er am liebsten zuhause

Würgler bezeichnet sich als Einzelgänger. Einer bestimmten Clique ist er nicht angeschlossen. «Ich gehe am Abend gerne nach Hause, Musik hören», erzählt er; und dabei leuchten seine Augen hinter der Brille auf.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.01.2010, 15:41 Uhr

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8 Kommentare

Daniel Zurbriggen

20.01.2010, 17:23 Uhr
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Hallo Silvano danke für Deinen Mut, fühlt sich zwar besch... an ( wenn es so läuft) aber es ist so grundehrlich, schnörkellos, das ich geneigt bin zu sagen und zu wünschen das auch Menschen in der sog. normalen Welt den Mut hätten zu Ihren Schwächen zu stehen, um somit auch diese Glieder der Kette zu stärken, und endlich lebbare Qualitaten zu entwickeln, du hast mir Mut gemacht darauf zu hoffen.. Antworten


Daniel Hugentobler

20.01.2010, 18:43 Uhr
Melden

Der übermässige Alkoholkonsum verstärkt bzw. verursachen die Depressionen langfristig. Das ist im übrigen auch speziell bei Drogenkonsumenten welche z.B. Kokain zu sich nehmen oder Kiffen. Ein Teufelskreis. Ein sofortiger Alkoholentzug in einer Klinik wäre zu empfehlen. Ev. könnte es über einen Zeitraum von 10 Jahren oder länger wieder besser werden. Danach das Umfeld und Gewohnheiten ändern. Antworten



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