Schweiz

Die Wüste lebt auf

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 25.07.2011

In der Industriezone von Lausanne-West entsteht eine neue Stadt. Acht Gemeinden arbeiten mit Lausanne zusammen, um Brachen zu Wohnungen, Grasflecken zu Plätzen zu machen. Sie haben keine andere Wahl mehr. Und haben das auch eingesehen.

1/4 Symbolcharakter: Der elegante Bogen über der Agip-Tankstelle in Bussigny.
Bild: Raffael Waldner

   

Verbaute Schweiz

(Bild: TA-Grafik str)

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Man sieht sie nicht kommen, nicht hier, nicht so: die Zone von Lausanne-West. Im Norden, wenn man von Yverdon herkommt, breitet sich die Landschaft beinahe ungestört aus, Bäume und Wiesen grünen um die Wette. Vom See her betrachtet, sehen die Dörfer hübsch aus, korrekt das Ufer entlang aufgereiht, Waadtländer Idylle zwischen Himmel und Wasser. Selbst Lausanne gibt keine Hinweise darauf, was einen im Westen der Stadt erwartet.

Stillgelegte Fabriken nämlich, verlotterte Industriebrachen, Aluminiumbauten, halb leere Parkplätze, Tankstellen, Waschsalons, Reifen- und Abfalllager, Karosseriespenglereien, Sportplätze, Hochleitungsmasten, Baumaschinen, Depots, Silos, Einkaufszentren, Stacheldrahtverhaue und Brücken, darunter Rinnsale und müdes Gras. Viele Schuppen stehen leer, an der Industriekrise sind hier besonders viele Firmen gescheitert und deren Patrons abgezogen.

Wie hingeworfene Klötze

Niemand merkt hier, wann die eine Gemeinde aufhört und die andere beginnt. Hier stehen keine Dörfer mehr in der Landschaft, sondern eine wuchernde Überbauung. Wohnblocks stehen da wie hingeworfene Klötze. Autobahn und Geleise fräsen durch die Gegend, dicke Kantonsstrassen zerschneiden das Land, es hat kaum Trottoirs und Velowege, die Busstationen sind rar. Autos stauen sich, die Luft vibriert von den Benzindämpfen, der Lärm der Züge und Lastwagen zerschellt an den Lärmschutzwänden.

Willkommen in Lausanne-West, wo 75 000 Menschen wohnen und zu leben versuchen. Kein Bezirk der Schweiz hat sich bevölkerungsmässig so schnell entwickelt wie dieser, um den Faktor 22 in 150 Jahren, keine Gegend im Kanton weist so viele Arbeitsplätze auf. Und es geht immer weiter. In den nächsten zehn Jahren sollen gegen 30 000 Einwohner und Arbeitsplätze dazukommen. Wer hierher fährt, um in den Zentren einzukaufen, fährt möglichst schnell wieder weg. Wer hier gut wohnt, lebt im schönen Saint-Sulpice am See oder in anderen intakt gebliebenen Dorfzentren. Viele wohnen nicht so gut, weil sie keine Alternative haben.

Nichts zu träumen hier

«Das Einzige, was die Waadtländer über diese Gegend hören», sagt Benoît Biéler, «sind die täglichen Stau- und Unfallmeldungen an der grossen Kreuzung von Crissier.» Der 31-jährige Geograf fährt mit dem Auto die Gegend ab, die aussieht wie eine amerikanische Vorstadt inmitten schweizerischer Klaustrophobie. Biéler arbeitet beim SDOL, dem Planungsbüro mit der sperrigen Abkürzung, sie steht für Schéma Directeur de l’Ouest Lausannois, der Arbeitsort ist genauso technokratisch wie der Name. Vor den Bürofenstern liegen Schiene, Strasse, Tramdepot und die Eishalle von Malley. Hier war der Schlagzeuger Bill Berry am 1. März 1995 auf der Bühne kollabiert, die Lausanner Ärzte konstatierten einen Hirnschlag. Der Musiker verliess wenig später die Band. R.E.M. heisst sie, benannt nach dem Traumschlaf. Hier gibt es nichts zu träumen.

«Faut pas rêver», sagt auch Ariane Widmer, die Architektin, die das Planungsbüro leitet (siehe Interview rechts). Mit ihrem fünfköpfigen Team teilt sie sich 420 Stellenprozente und hat ein Jahresbudget von anderthalb Millionen zur Verfügung. Widmer arbeitet seit 2003 im Auftrag der Waadtländer Regierung und mithilfe der beteiligten Gemeinden am Richtplan mit, auf den jetzt die Bauphase folgt. «Eine riesige Herausforderung, weil alles neu gedacht werden muss», sagt Biéler, der junge Geograf; gerade deshalb ist auch er dabei, gerade deshalb interessieren sich Architekten und Urbanisten so sehr für diese Gegend. Und deshalb erhielt das Projekt auch den diesjährigen Wakkerpreis.

Im Zentrum der Baureform steht die Industriezone von Malley, ein postindustrielles Quartier zwischen Lausanne und Renens. Hier wird erst ein neuer Bahnhof gebaut, dann die neue Stadt. Früher sei man umgekehrt vorgegangen, sagt François Marthaler, grüner Politiker und Verkehrsdirektor des Kantons. Mit dem Resultat, dass es zwanzig Jahre gedauert habe, bis eine Métro-Linie den Campus der ETH mit der Stadt verband. Die Herausforderung von Malley, sagt der Urbanist Pierre Feddersen: bestehende Gebäude, frei stehende Flächen und Neubauten so harmonisch wie möglich zu kombinieren. «Urbanismus heisst: einige wenige, aber strategisch entscheidende Ziele zu bestimmen und erst dann zu bauen.»Von diesen Zielen wurden in der Gegend erst einige Bauten oder Umbauten realisiert, einige sind schon älter, haben einen starken Symbolcharakter. Etwa der umgebaute Dorfplatz von Renens, begrünt und neu bedacht. Oder der elegante Bogen über der Agip-Tankstelle in Bussigny, 1953 erbaut an der lauten, oft gestauten Rue de Renens. Hier wird ab 2020 ein schnelles Tram verkehren, das von Lausanne aus den Westen der Stadt erschliessen soll. «Arc-en-Ciel» nennt sich die Gegend hoffnungsvoll, «Regenbogen». Die Industrieruinen sollen umgebaut oder abgerissen werden, die Gegend hofft auf neue Unternehmen, da die ganze Gegend am Genfersee wirtschaftlich stark anzieht. «Die Wirtschaft hat früh verstanden», sagt Verkehrsminister Marthaler, «dass sich hier eine gute Unterlage für Unternehmen anbietet.»

Die Wut der Gemeinden

Zuerst aber mussten die Vertreter der acht betroffenen Gemeinden überzeugt werden. Das ging länger als gedacht; «wir haben zwei Jahre gebraucht», sagt Pierre Feddersen.

Die Gemeinden hatten drei schwierige Erkenntnisse zu gewärtigen. Erstens, wie Feddersen es formuliert: «Dass sie sich lange Zeit noch für Dörfer gehalten hatten, obwohl sie längst eine Stadt bildeten.» Zweitens, ergänzt Verkehrsminister Marthaler: «Die Gemeinden mussten realisieren, was die Waadtländer Regierung vor elf Jahren erkannt hatte: So konnte es einfach nicht mehr weitergehen.» Die Luftreinhalteverordnung sei nicht eingehalten worden, die Lärmschutzwerte dauernd überschritten, das Umweltschutzgesetz blosse Makulatur. «Jeder Bürger, der deswegen vor Gericht gegangen wäre, hätte recht bekommen.» Die Waadtländer Regierung verfügte deshalb im Jahr 2000 ein Baumoratorium für die Gegend. Das sorgte in den acht Vorstadtgemeinden für grosse Empörung, machte die einheitliche Planung aber erst möglich.

Verdichten, nicht verklumpen

Drittens vor allem, und gerade das bereitete den lokalen Politikern am meisten Mühe: Sie mussten lernen, über die eigene Gemeindegrenze hinauszudenken. Zu lange hatte jedes Dorf Weideland zu teurem Bauland umgezont und in die Landschaft hineinbauen lassen, ohne sich mit den Nachbarn abzusprechen, ohne über den Autoverkehr hinauszudenken, ohne sich über die sinkende Lebensqualität zu sorgen. Mit den Folgen, die sich hier erstrecken, in dieser verkeilten Gegend, die das Schlimmste hat von beiden: die Abgelegenheit von Dörfern und das Chaos zu schnell wachsender Städte. Zu lange haben Städtebauer das Wohnen von der Arbeit getrennt. Das war ein Fehler, wie sich herausstellte, denn es führte zu Schlafquartieren und entleerten Zentren. In Lausanne-West strebt man eine konsequente Durchmischung an. Das fällt umso leichter, als die Gegend, von einer Lokomotivfabrik abgesehen, kaum mehr Schwerindustrie aufweist, sondern sich auf den tertiären Sektor konzentriert. Das bedeutet vornehmlich Büroarbeit, die keinen Lärm produziert. Damit wird die Durchmischung stark erleichtert.

Neu bauen oder umbauen bedeutet aber auch, konzentriert zu bauen: Nur so lassen sich Parkanlagen aussparen, nur so lässt sich die ungestörte Landschaft als Erholungsgebiet bewahren. Auch hier schlug den Planern allerdings Widerstand entgegen. Das meistgefürchtete Wort in der Gegend, sagt Verkehrsminister Marthaler, bleibe der Begriff der Verdichtung. «Damit bringen Sie jede Sitzung, jede öffentliche Veranstaltung in Aufruhr.» Der Politiker sieht in solchen Reaktionen ein grosses Missverständnis. Die am meisten verdichtete Region von Lausanne, sagt er, sei das schöne, alte Quartier unter dem Bahnhof, eine der beliebtesten Wohnorte der Stadt. «Verdichten heisst also nicht verklumpen», sekundiert ihn Feddersen, der Urbanist. «Sondern es geht darum, Wohnen, Arbeiten und Leben architektonisch so zu strukturieren, dass lebendige Städte entstehen mit Parkanlagen und freier Landschaft.»

Die Boule-Spieler in der Mitte

Genau das soll in Malley entstehen, wo sich auf dem Industriegelände täglich Boule-Spieler treffen. Marthaler: «Diese Spieler wollen wir nicht vertreiben, im Gegenteil; wir wollen um sie herum die neue Stadt bauen.» Er versteht das gemeinsame Spiel als Metapher für das urbanistische Ziel des grossen Umbaus: In dieser Zone nicht nur Wohnen und Arbeiten zu ermöglichen, sondern ihr neue, eigene Zentren zu geben, Orte der Begegnung, Treffpunkte für die lokale Bevölkerung.

Und diese Bevölkerung und mit ihr die politischen Vertreterinnen und Vertreter haben ihre eigenen Vorstellungen davon, was es heisst, hier zu leben. Pierre Feddersen warnt davor, sich mit dem Blick von oben zu begnügen, als sei die Gegend nicht mehr als ein urbanistisches Experiment. «Die Menschen hier hängen sehr an ihren Dörfern», sagt er. Und dem, was diese Dörfer so alles bieten an sozialen, kulturellen und politischen Aktivitäten.

Neben dem Hässlichen gebe es auch viel versteckte Schönheit zu sehen, sagt Ariane Widmer, Leiterin des Richtplans: sehr schöne Quartiere am Rand von Lausanne-West, in Bussigny, Crissier, Ecublens. Und natürlich entlang des Seeufers, an der Goldküste des Lac Léman.

Menschen aus 120 Ländern

Wie es sich in diesen Dörfern anfühlt, weiss eine Frau besonders gut, weil sie seit 35 Jahren hier lebt und sich politisch stark für ihre Gemeinde Renens engagiert: die Ärztin Marianne Huguenin, «die rote Marianne» genannt, weil sie für die Partei der Arbeit politisiert. Trotz ihrer Haltung wurde sie vor fünf Jahren problemlos zur Stadtpräsidentin ihrer 18 000 Bürgerinnen und Bürger gewählt. Huguenin sagt, sie liebe diese Stadt über alles; das alte Dorfzentrum über den Geleisen und die Fabriken und Reihenhäuser darunter. Hier leben Menschen aus 120 Ländern, und obwohl die Arbeitslosenquote die höchste des Kanton ist, gibt es wenig Spannungen.

Auch Renens, das im Zentrum von Lausanne-West steht, wird vom Richtplan profitieren. Der Bahnhof der Stadt wird komplett renoviert werden. Auch das habe bei den umliegenden Gemeinden viel zu reden gegeben, erinnern sich die Beteiligten. Erst als die lokalen Politiker realisierten, dass sie dafür einen Park oder ein gutes Busnetz oder etwas anderes bekommen würden, setzte sich die Einsicht durch, dass das Mitmachen sich lohnen würde.

Dabei bleiben sich alle Gemeinden in einem einig: Sie mögen immer mehr zu einer Stadt zusammenwachsen, aber eine Gemeindefusion schliessen sie kategorisch aus. Das Kleine darf nicht im Grossen verschwinden. Darin ähneln sich alle Bewohnerinnen und Bewohner von Lausanne-West, egal, woher sie gekommen sind: Sie denken durch und durch wie Schweizer.

http://www.ouest-lausannois.ch/ (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2011, 10:52 Uhr

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