«Die Tragödie ist unermesslich»
Interview: Matthias Chapman, Reto Hunziker. Aktualisiert am 13.08.2010
Hans-Peter Lenz leitet in der Schweizerischen Katastrophenhilfe (SKH), die dem Deza/EDA angeordnet ist, die Abteilung Asien und Amerika. Anfangs Jahr war er mit der Hilfe für Haiti beschäftigt und reiste im Januar und April zweimal nach Übersee. In der derzeitigen Pakistan-Hilfe will er für eine Bilanz der Mission in zwei bis drei Wochen ins Katastrophengebiet reisen. Einen der schlimmsten Momente bei seiner Arbeit erlebte er bei einem früheren Einsatz in Pakistan. Damals wurde einer seiner Mitarbeiter von einem Helikopterrotor tödlich getroffen.
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Spenden sprunghaft angestiegen
Die Flutkatastrophe in Pakistan mobilisiert zunehmend die Spenderinnen und Spender in der Schweiz. Bei der Glückskette gingen innerhalb von nur einem Tag Zusagen in Höhe von 400'000 Franken ein. Damit seien die Spenden für die Flutopfer in Asien auf 1,2 Millionen Franken angestiegen, sagte Glückskette-Sprecherin Priska Spörri am Freitag der Nachrichtenagentur SDA. Die Menschen würden sich langsam bewusst, dass die Katastrophe riesig sei. «Es zeigt sich einmal mehr, dass die Schweizerinnen und Schweizer sich mit Menschen in Not solidarisch zeigen.» Am kommenden Mittwoch will die Glückskette dann einen nationalen Sammeltag für die Flutopfer in Asien veranstalten.
Das Spendenkonto der Glückskette: Postkonto 10-15000-6 (Vermerk Überschwemmungen in Asien)
Stichworte
Herr Lenz, die UNO spricht von der grössten Naturkatastrophe, die es je gegeben habe. Noch schlimmer als das Erdbeben in Haiti oder der Tsunami in Südostasien. Bestätigt sich für Sie dieser Eindruck?
Ich bin gegen ein Rating der Katastrophen. Doch in der Tat handelt es sich um eine unermessliche Tragödie, weil die Schäden gewaltig und nachhaltig sind. In den Gebieten, wo sich unsere Hilfe konzentriert, ist das Kulturland weggespült oder mit Geröll und Schlamm überschwemmt – und somit auf längere Zeit nicht mehr nutzbar. In einem Erdbebengebiet kann man demgegenüber jeweils relativ rasch wieder Agrarwirtschaft betreiben. Beim Tsunami war «nur» ein relativ schmaler , kaum landwirtschaftlich genutzter Küstenstreifen betroffen. Hier in Pakistan ist das nun ganz anders. Riesige Gebiete sind landwirtschaftlich für lange Zeit unbrauchbar geworden.
Wir hören, die Taliban, die sich nun für Betroffene engagieren, lehnten westliche Hilfe ab. Was bedeutet das für Sie?
Die Ablehnung der westlichen Hilfe ist nicht neu. Die Meldung wird jetzt gross herumgetragen, das wollen die Extremisten ja auch. Wir machen weiterhin unsere Arbeit und sind gewillt, die von der Katastrophe am schlimmsten Betroffenen so gut wie möglich zu unterstützen.
Wie schützen Sie ihre Leute vor Angriffen durch Extremisten?
Wir haben in Pakistan tatsächlich ein Sicherheitsproblem. Darum können wir auch nicht direkte Aktionen im grossen Stil planen, wie das etwa in Haiti oder in den vom Tsunami betroffenen Gebieten der Fall war. Die Einsätze unserer SKH-Experten vor Ort sind denn auch eingeschränkt und finden zur Zeit punktuell und zeitlich befristet statt. Wir wollen kein unnötiges Sicherheitsrisiko eingehen. Wir sind aber über Partnerorganisationen wie z.B. Intercooperation und deren lokale Mitarbeiter sehr wohl in den Schadensgebieten präsent.
Was machen Sie, um das Risiko zu minimieren?
Wir haben in der pakistanischen Botschaft einen einheimischen und einen VBS-Sicherheitsexperten. Ihre Aufgabe ist es, die Lage zu prüfen, sich mit der Regierung, den lokalen Behörden und den internationalen Akteuren (wie UNO und IKRK) abzusprechen. Vor jedem Feldbesuch wird dieses Prozedere durchgeführt. Dann erhalten wir – so hoffen wir – grünes Licht. Zudem konzentrieren wir unsere Hilfe auf das Gebiet, das wir durch langjährige Zusammenarbeit schon kennen. Das ist am Oberlauf der Überschwemmung, konkret im Swat-Tal und in den Distrikten Karak sowie Dera Ismail Khan.
Wie viele Helfer des Schweizer Korps sind in Pakistan?
Die Humanitäre Hilfe des Bundes hat permanent vier Korpsangehörige vor Ort. Diese sind im Rahmen eines Wiederaufbauprogramms infolge des Erdbebens von 2005 und weiteren Aufgaben tätig. Für die Hilfeleistung an die Opfer der Hochwasserkatastrophe wird das permanente Team mit zusätzlichen temporären SKH-Experteneinsätzen verstärkt. Vier SKH-Experten werden bereits am Sonntag nach Pakistan reisen. Zudem kümmern sich zwei Deza-Vertreter, die in Islamabad die Entwicklungsprogramme betreuen, seit Beginn der Katastrophe um die Nothilfeaktionen der Schweiz
Was macht Ihnen derzeit am meisten zu schaffen?
Wegen des anhaltenden Regens können viele Lufttransporte nicht durchgeführt werden, was angesichts der zerstörten Strassen und Brücken besonders ins Gewicht fällt. Viele der Betroffenen, vor allem in den Seitentälern im bergigen Norden, konnten wegen den weggeschwemmten Brücken bis heute nicht erreicht werden.
Was konnte die Schweizer Katastrophenhilfe konkret schon leisten?
Die Schweiz hat bereits am Donnerstag (29. Juli) ein erstes Team des DEZA/EDA Kooperationsbüros Islamabad in das Katastrophengebiet entsandt, um die Bedürfnisse für dringende Soforthilfemassnahmen abzuklären. Eine erste Soforthilfeaktion von 50'000 Franken an Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Hygieneartikeln in den beiden Distrikten Dera Ismail Khan und Karak für rund 12'000 Flutopfer läuft. Die Beschaffung und Verteilung von 1000 «Shelter- Kits» – das sind Plastikplanen, Holz und Werkzeuge für provisorische Unterkünfte für 8000 Personen im Swat-Tal wird zur Zeit umgesetzt. Die Beschaffung und Verteilung von weiterem Material wie Matratzen und Decken ist im Gange. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.08.2010, 12:23 Uhr
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