Schweiz

Die Schweizer Stimme der USA in Teheran

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 10.05.2012 11 Kommentare

Die Schweizer Botschafterin Livia Leu Agosti vertritt die Interessen der USA im Iran. Das könnte der Schweiz im Steuerstreit helfen.

«Entscheidend ist, mit den einflussreichen Personen in Washington engen Kontakt zu haben.» Livia Leu Agosti in Teheran. Foto: Reuters

«Entscheidend ist, mit den einflussreichen Personen in Washington engen Kontakt zu haben.» Livia Leu Agosti in Teheran. Foto: Reuters

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Eine Zeit lang hatte Livia Leu Agosti auf eine Kollegin in Teheran gehofft, doch es blieb ein frommer Wunsch. Heute ist sie die einzige ausländische Botschafterin im Iran. Überdies eine mit zwei Hüten: Für die Schweiz vertritt sie die diplomatischen Interessen; und für die USA ist sie die direkte Interessenvertreterin. Verschwiegenheit und Beharrlichkeit sind in dieser heiklen Rolle gefragt – Eigenschaften, die der 51-jährigen Diplomatin schon mehrmals in Krisensituationen geholfen haben.

Der Iran hat im Westen den Ruf eines unberechenbaren und bedrohlichen Landes; und in den USA gilt der Iran noch immer als ein Teil der «Achse des Bösen». Die Schweizer Diplomatin findet diese Sicht stark verkürzt und ungerecht. Das Image des Iran leide darunter, dass die Medien praktisch nur über die zwei Problemfelder Nuklearprogramm und Menschenrechte berichten. «Dies wird den Leuten nicht gerecht. Die Realität ist viel komplexer», sagt Leu Agosti. «Letztlich liegt hier auch das Kernproblem zwischen den USA und dem Iran.» Weil die Beziehungen seit über 30 Jahren unterbrochen sind und weil man sich nicht mehr von Angesicht zu Angesicht kennt, falle es so schwer, einander zu verstehen und zu vertrauen.

Das Ende eines Dramas

Zwar hat Livia Leu Agosti keinen politischen Einfluss auf die Beziehungen der beiden Länder, aber das der Schweiz 1980 übertragenen Schutzmacht-Mandat fordert von ihr, amerikanische Interessen im Land zu schützen. So musste sie sich bereits wenige Wochen nach dem Amtsantritt 2009 um die Freilassung von drei US-Bürgern aus iranischer Haft bemühen. Sie hatten sich auf einer Wanderung im kurdischen Gebiet des Irak verirrt und wurden unter dem Verdacht der Spionage festgenommen.

Leu Agosti besuchte die Häftlinge mehrmals im Gefängnis und intervenierte jede Woche von neuem im Aussenministerium für deren Freilassung. Zwar sei sie von Beginn an zuversichtlich gewesen, dass die Iraner eine Freilassung ermöglichen würden. Doch es brauchte unter anderem wegen interner Fraktionskämpfe viel Zeit. Im letzten Herbst war es endlich so weit, nach Bezahlung einer Kaution von einer Million Dollar aus dem Oman.

Der Einsatz für die Häftlinge trug ihr in Washington Lob ein, und Leu Agosti traf Aussenministerin Hillary Clinton. «Sie dankte der Schweiz für den Einsatz zur Betreuung und Befreiung der drei Wanderer und hob den Nutzen unserer Guten Dienste hervor.» Als Anerkennung war die Botschafterin letztes Wochenende auch als Gast an der Hochzeit von zwei der Wanderer in Kalifornien. Shane Bauer hatte Sarah Shourd im Januar 2010 im Gefängnis in Teheran den Heiratsantrag gemacht.

«Ausgesprochen höflich, speziell gegenüber Frauen»

Äusserst heikel sind das Nuklearprogramm des Iran und die Frage der Drohgebärden gegen Israel. An einem Treffen mit aussenpolitischen Experten in San Francisco lässt Livia Leu Agosti durchblicken, dass sich der Iran der Risiken einer Eskalation bewusst ist. Auch geben Beobachter zu bedenken, dass Präsident Ahmadinejad nach den Wahlen deutlich geschwächt sei. Als sich der US-Präsident Anfang Jahr in Sachen Nuklearprogramm an die Regierung in Teheran wenden wollte, war Botschafterin Leu Agosti – wie es ihr Mandat vorsieht – eine der Überbringerinnen der Nachricht. Der Iran habe das Recht auf eine zivile Nutzung der Kernenergie, stellte Obama in seinem Brief klar. Und: Er habe keine Sanktionen gegen die Zentralbank ergreifen wollen, doch habe ihm der Kongress keine andere Wahl gelassen.

Tatsächlich brachten die letzten Finanzsanktionen das Land in eine gravierende Situation. Die Sanktionen «haben eine spürbare und für die Iraner schmerzhafte Wirkung», sagt Livia Leu Agosti. Sie würden zur hohen Inflation beitragen und der Wirtschaft enorm schaden. «Dass die Sanktionen in ihrer heutigen Tragweite dem Iran ein Dorn im Auge sind, sehen Sie daran, dass es deren Aufhebung zu einem zentralen Ziel der Verhandlungen gemacht hat.»

In Teheran lebt die Bündnerin mit ihrem Mann, einem selbstständigen Ameisenforscher, und den 9 und 13 Jahre alten Söhnen. Einen Nachteil als Frau in einem strikt islamischen Land sieht sie nicht. Ganz im Gegenteil. «Die Iraner sind ausgesprochen zuvorkommend und höflich, speziell gegenüber Frauen», sagt sie und lacht ihr helles, erfrischendes Lachen. «Natürlich muss ich als Frau ein Kopftuch tragen, wenn ich auf die Strasse gehe. Das Gesetz schreibt dies vor, und ich muss mich daran halten. Es geht nicht wie in anderen Ländern lediglich um die Befolgung lokaler Sitten.»

Goodwill der USA auch in anderen Dossiers?

Letzte Woche war sie in Washington, um im Aussenministerium Bericht zu erstatten. «Was über unseren Kanal übermittelt wird, ist streng vertraulich. Dass wir unsere Arbeit seriös machen, sehen Sie unter anderem daran, dass nichts aus unserer Botschaft je auf Wikileaks aufgetaucht ist.» Im Steuerstreit mit den USA könnte dies einer der wenigen Vorteile sein. Der Bundesrat versucht denn auch seit Monaten, die Guten Dienste im Iran und in Kuba für den Abschluss der Verhandlungen einzusetzen.

Bisher ohne Erfolg. «Das Mandat im Iran hat keinen direkten Zusammenhang mit dem Steuerstreit», sagt Livia Leu Agosti. «Tatsache ist aber, dass unsere Dienste Goodwill in Washington erzeugen und damit indirekt helfen, andere Dossiers voranzubringen.»

Das US-Aussenministerium gebe ihr immer wieder ein erfreuliches Feedback, «und diese Beurteilung fliesst auch in andere Dossiers ein». Entscheidend sei, mit den wirklich zuständigen und einflussreichen Personen in Washington engen Kontakt zu haben. Livia Leu Agosti hat diese Beziehungen, wie ihr Treffen mit Hillary Clinton beweist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2012, 07:18 Uhr

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11 Kommentare

H.G. Nägeli

10.05.2012, 09:51 Uhr
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Lassen wir die Amerikaner endlich hängen und geben das "Mandat" der Interessenvertretung zurück. Sollen die USA selber sehen wie sie mit ihre Problemen klar kommen. Möglicherweise könnte sie auch ihren Schosshund Grossbritannien einsetzen. Antworten


Kurt Müller

10.05.2012, 11:15 Uhr
Melden 15 Empfehlung 0

Schön wäre es, wenn unsere Botschafter(Innen) auch schweizerisches Kulturgut und Werte vermitteln würden. Dazu gehört auch das Nichttragen eines Kopftuchs. Als Diplomatin geniesst Frau Agosti ohnehin in dieser Hinsicht Immunität. Antworten



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