«Die Schweiz erträgt durchaus zehn Millionen Einwohner»

Die Schweiz wächst und wächst. Ist die Raumplanung dafür gerüstet? Müssen Bauzonen verschoben werden? Braucht es deutlich mehr Hochhäuser? Antworten gibt Lukas Bühlmann, Direktor der Vereinigung für Landesplanung.

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Herr Bühlmann, diesen Sommer erreicht die Schweiz die Marke von acht Millionen Einwohnern, in rund 20 Jahren dürften es bereits neun Millionen sein. Wann ist die Grenze des Verkraftbaren erreicht?
Es wird in der Tat eng in der Schweiz. Von den Bevölkerungsdichten gewisser anderer Regionen Europas sind wir jedoch noch weit entfernt. Der Grossraum London beispielsweise ist so gross wie der Kanton Zürich, umfasst aber mit acht Millionen gleich viele Einwohner wie die gesamte Schweiz. Und im Vergleich zu gewissen anderen Metropolen ist auch der Grossraum London nicht besonders dicht. Wenn es uns gelingt, die Siedlungsentwicklung über eine bauliche Verdichtung nach innen zu lenken, erträgt die Schweiz durchaus 10 Millionen Einwohner.

Verdichtetes Bauen wird inzwischen von allen Seiten propagiert. Wie wichtig ist es denn für die Steuerung der Siedlungsentwicklung?
Ohne bauliche Verdichtung kriegen wir die Siedlungsentwicklung nicht in den Griff. Der massive Bodenverbrauch setzt sich unverändert fort, das Kulturland und unsere schönen Landschaften gehen verloren, und der Verkehr nimmt ungebremst zu. Die Siedlungsentwicklung nach innen ist der einzige Weg, um die heutigen Raumansprüche zu befriedigen. Mit der Verdichtung einher geht die Rückzonung überdimensionierter Bauzonen, denn solange die Bauzonen zu gross sind, findet keine Verdichtung statt.

Verdichtetes Bauen bedeutet auch höheres Bauen. Hierzulande tut man sich allerdings schwer mit dem Bau von Hochhäusern. Wann wird es in der Schweiz Stadtquartiere mit richtig hohen Hochhäusern geben?
Verdichten bedeutet nicht, dass wir künftig alle in Hochhäusern leben müssen. Zwischen den heute in weiten Teilen der Schweiz locker bebauten Gebieten und Hochhäusern gibt es noch unzählige Zwischenformen. Würde nur schon ein Teil der heutigen Bauten um ein oder zwei Stöcke aufgestockt, liessen sich sämtliche Raumbedürfnisse befriedigen. Hochhäuser werden in der Schweiz auch künftig die Ausnahme bleiben und sind aus städtebaulichen Gründen auch nur an wenigen Standorten sinnvoll.

Warum ist das so?
Was wir in der Schweiz wollen, ist eine hochwertige bauliche Verdichtung, die durchaus auch Freiräume lässt. Die grossen Schweizer Städte machen uns dies mit der Siedlungsentwicklung der vergangenen Jahre vor. Ohne dass Kulturland beansprucht wurde, ist viel neuer Wohnraum mit hoher Lebensqualität entstanden. Entsprechend nehmen die Einwohnerzahlen der grossen Städte seit ein paar Jahren wieder zu.

Die Bevölkerung der Schweiz wächst stark. Ist die Raumplanung dafür gerüstet?
Noch nicht. Es tut sich zurzeit jedoch vieles. So sind die Kantone bestrebt, die Siedlungsentwicklung über ihre Richtpläne besser in den Griff zu bekommen. Bund, Kantone, Städte und Gemeinden haben zudem in einem mehrjährigen Prozess das Raumkonzept Schweiz erarbeitet, das ihnen künftig als Richtschnur für ihre raumplanerische Tätigkeit dienen wird. Schliesslich haben National- und Ständerat diesen Sommer eine Revision des Raumplanungsgesetzes (RPG) gutgeheissen.

Welche Bedeutung hat das revidierte Raumplanungsgesetz?
Es ist eigentlich ein gutes Gesetz. Mit Ausnahme der Bestimmungen zum Bauen ausserhalb der Bauzone ist es knapp und gut verständlich. Das Gesetz wird heute jedoch von den für die Raumplanung zuständigen Kantonen und Gemeinden nur ungenügend vollzogen. Die Vorgaben des Bundes sind teilweise zu wenig präzis, und es fehlen Fristen und Sanktionen bezüglich der Umsetzung. Mit der Revision sollen die heutigen Schwachstellen des Gesetzes behoben werden.

Die RPG-Revision genügt allerdings nicht, um das Siedlungswachstum zu steuern. Was ist sonst noch notwendig?
Es braucht Überzeugung und Einsicht in die Notwendigkeit einer haushälterischen Bodennutzung und geordneten Besiedlung. Diese kann nicht verordnet werden. Sie muss von unten her wachsen. Das breite Unbehagen der Bevölkerung über die heutige Ausdehnung der Siedlungsgebiete erhöht den Druck für eine bessere Raumplanung. Auch in Wirtschaftskreisen ist man sich der Notwendigkeit einer guten Raumplanung zunehmend bewusst. Die heutigen Standortqualitäten der Schweiz – vielfältige Landschaften auf kleinstem Raum und ein funktionierendes Verkehrssystem – lassen sich nur aufrechterhalten, wenn es gelingt, die Zersiedlung zu stoppen.

Wie wichtig war die Annahme der Zweitwohnungsinitiative hinsichtlich der Steuerung der Siedlungsentwicklung?
Die Initiative wird in den Tourismusgebieten zu einer Denkpause führen. Sie löst die Probleme jedoch nicht. Die Zersiedelung müssen wir auch im Mittelland in den Griff bekommen. Die Siedlungsentwicklung lässt sich zudem nicht über fixe Quoten steuern. In der Raumplanung braucht es massgeschneiderte, ortsspezifische Lösungen.

Gegen die Revision des Raumplanungsgesetzes gibt es bereits Widerstand aus mehreren Kantonen. Zudem hat der Schweizerische Gewerbeverband das Referendum angekündigt. Wie kann die Abstimmung gewonnen werden?
Ich bin sehr zuversichtlich, dass das Volk der Gesetzesvorlage zustimmen wird. Die Annahme der Zweitwohnungsinitiative, der Kulturlandinitiative im Kanton Zürich und des Planungs- und Baugesetzes im Kanton Thurgau, das mit der Einführung einer Mehrwertabgabe verbunden ist, stimmt mich optimistisch.

Die Schweiz hat noch Bauzonen für bis zu zwei Millionen Menschen, allerdings am falschen Ort, etwa in peripheren Gebieten wie dem Wallis. Ist es denkbar, dass Bauzonenreserven dorthin verschoben werden, wo der Siedlungsdruck am stärksten ist?
Ich glaube nicht daran, dass Bauzonen vom Kanton Wallis in den Kanton Genf oder vom Kanton Glarus in den Kanton Zürich verschoben werden können, wo man sie braucht. Kantonsintern sind Verschiebungen jedoch möglich – beispielsweise von peripheren Lagen an zentrale, gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossene Lagen. Neueinzonungen sind künftig jedoch nur noch unter sehr erschwerten Voraussetzungen möglich. Die räumlichen Bedürfnisse müssen über eine bessere Nutzung des bestehenden Baugebiets befriedigt werden. Dies heisst, dass eine bauliche Entwicklung am Siedlungsrand ausgeschlossen ist, solange es Nutzungsreserven im bestehenden Siedlungsgebiet gibt. Angesagt ist eine qualitätsvolle bauliche Verdichtung im bestehenden Siedlungsgebiet.

Neben der Zersiedelung ist die Entstehung einer Stadtlandschaft der zweite Megatrend der räumlichen Entwicklung in der Schweiz. Bei rund 2500 Gemeinden und 26 Kantonen ist aber eine übergeordnete Steuerung der Stadtlandschaft kaum möglich. Oder sehen Sie das anders?
Die kleinräumige Gebietsstruktur und namentlich die vielen kleinen Gemeinden mit ihrer grossen Planungsautonomie sind in der Tat ein grosses Hindernis für eine nachhaltige Raumentwicklung. In den letzten Jahren hat sich jedoch vieles geändert. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Planung ist stark gewachsen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Agglomerationsprogramme, welche die Entwicklung von Siedlung, Verkehr und Landschaft grenzüberschreitend aufeinander abstimmen und in den letzten Jahren in allen grösseren Agglomerationen erarbeitet wurden.

Neuerdings gibt es ein Raumkonzept für die Schweiz. Was muss man sich darunter vorstellen?
Mit dem Raumkonzept Schweiz haben sich Bund, Kantone, Städte und Gemeinden zum ersten Mal auf eine gemeinsame gesamtschweizerische räumliche Entwicklungsstrategie geeinigt. Dies war wegen der tripartiten Erarbeitung ein langer, gleichzeitig aber auch stark bewusstseinsbildender Prozess. Vielen raumplanerischen Akteuren in der Schweiz ist zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass die raumplanerischen Probleme, insbesondere die Abstimmung von Siedlungsentwicklung und Verkehr, nur grenzüberschreitend gelöst werden können.

Und was bedeutet das Raumkonzept für die Praxis?
Es zeigt die grobe Richtung der räumlichen Entwicklung auf. Die Umsetzung und Konkretisierung läuft in den zwölf im Konzept definierten Handlungsräumen sowie stufengerecht über die Richtplanung der Kantone und die Nutzungsplanung der Städte und Gemeinden ab. Hierfür enthält das Raumkonzept Empfehlungen. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.08.2012, 10:47 Uhr)

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«Verdichten bedeutet nicht, dass wir künftig alle in Hochhäusern leben müssen»: Lukas Bühlmann, Direktor der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung VLP-Aspan.

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