Die Misere im Italien-Verkehr bleibt uns noch lange erhalten
Von René Lenzin, Lugano. Aktualisiert am 03.12.2011 76 Kommentare
Sorgt regelmässig für Ärger: Reisende steigen in Brig aus einem Cisalpino-Ersatzzug aus. (Bild: Keystone )
Das Jahrhundertbauwerk braucht noch Zeit: Ein Versorgungszug der Stollenbahn im Neat Basistunnel bei Faido. (8. Oktober 2008). (Bild: Keystone )
Im «Viehwagen» in die Schweiz
Dieser Tage überbieten sich die italienische Staatsbahn Trenitalia und ihre private Konkurrentin Nuovo Trasporto Viaggiatori (NTV) mit Pressekonferenzen und Superlativen. Der Anlass: 2012 lanciert NTV die ersten Hochgeschwindigkeitszüge auf den Strecken Turin–Mailand–Rom–Neapel–Salerno und Rom–Venedig. Bis im September will NTV die gesamte Flotte von 25 Zügen im Einsatz haben, wie ihr Chef Giuseppe Sciarrone im Alstom-Werk Savigliano erklärte. Dort präsentierte er den ersten NTV-Zug namens Italo. Bereits letzte Woche hat Trenitalia die neuste Generation ihres Hochgeschwindigkeitszugs Frecciarossa vorgestellt. Dieser ist nicht mehr mit dem herkömmlichen Zweiklassensystem ausgestattet, sondern bietet vier Kategorien von Sitzplätzen an: «Standard», was der heutigen 2. Klasse entspricht, «Premium», «Business» und «Executive». Die Preisspanne für ein Billett Mailand–Rom einfach reicht von 86 bis 200 Euro. Auf differenzierte Angebote und Preise jenseits der bisherigen Unterschiede zwischen 1. und 2. Klasse setzt auch NTV. Als Plus gewährt die neue Gesellschaft Gratisinternet im ganzen Zug.
Während Kunden bei den Hochgeschwindigkeitszügen bald die Qual der Wahl haben, müssen sie auf bessere Leistungen im Regionalverkehr warten. Das ärgert nicht nur die Pendler, sondern auch die Touristiker. «Wie soll ich Touristen per Bahn ins Veltlin holen, wenn die Züge langsam fahren, aussen versprayt und innen schmutzig sind?», fragte kürzlich der Tourismuschef der Provinz Sondrio. Auf den Punkt bringt es ein italienischer Eisenbahnjournalist: «Wer von Rom nach Bergamo oder ins Veltlin reist, muss in Mailand in den Viehwagen umsteigen.» Ähnliches liesse sich auch über die Linien von Mailand Richtung Schweiz sagen. Diese sind auf der Prioritätenliste von Trenitalia weit unten, was vor allem die Reisenden auf der Gotthardstrecke zu spüren bekommen. Ab dem kommenden Wochenende gibt es weniger und erst noch langsamere Direktverbindungen von Zürich nach Mailand. Von der Simplonachse hat sich Trenitalia ganz zurückgezogen.
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Ab nächster Woche fahren weniger Züge von Zürich nach Mailand, und sie brauchen länger als bisher. Die pannenanfälligen Neigezüge der früheren Cisalpino bleiben bis Ende 2014 in Betrieb. Das waren die bisher bekannten und eher düsteren Perspektiven für Italien-Reisende. Nun aber zeigt sich: Die Misere am Gotthard wird bis 2017 anhalten. Auf die Frage, was nach der Ausmusterung der alten Pendolini geschehe, antwortet SBB-Sprecher Reto Kormann: «Derzeit erarbeiten die SBB das Übergangskonzept nach der Stilllegung der ETR-470-Flotte bis zur Einführung der neuen internationalen Züge, die per Fahrplan 2017 eingeführt werden.»
Das heisst: Neues Rollmaterial, das sowohl für das schweizerische als auch das italienische Stromsystem taugt, kommt erst nach der Eröffnung der Gotthard-Neat zum Einsatz. Und «Übergangskonzept» dürfte bedeuten: Wer von Zürich nach Mailand reist, muss in Chiasso umsteigen oder länger warten, weil die Lokomotive gewechselt werden muss. Von einer solchen Übergangslösung war nicht die Rede, als die SBB das Ende der alten Neigezüge angekündigt hatten. «Aufgrund der geringen Rollmaterialverfügbarkeit sind die SBB bis 2014 auf den Betrieb der ETR-470-Züge angewiesen», hiess es damals bloss.
Alles fürs Hochgeschwindigkeitsnetz
Hintergrund der Misere ist letztlich das geringe Interesse, das die italienische Staatsbahn Trenitalia dem Verkehr mit der Schweiz beimisst. Ursprünglich war vorgesehen, die alten Pendolini durch Neigezüge des Typs ETR 610 zu ersetzen. Von den 14 Zügen, welche die frühere Cisalpino bestellt hat, kommen aber nur sieben zum Einsatz. Denn Trenitalia setzt seine sieben ETR 610 nicht am Gotthard oder am Simplon ein, sondern im Inlandverkehr. Dies widerspricht der Absichtserklärung, welche SBB und Trenitalia im September 2009 gemeinsam abgegeben haben.
Trenitalia fokussiert seine Ressourcen derzeit fast ausschliesslich auf das Hochgeschwindigkeitsnetz, auf dem die Staatsbahn ab kommendem Jahr der privaten Konkurrenz ausgesetzt ist. Als «Frecciargenta» kommen dort auch die erwähnten sieben ETR 610 zum Einsatz. Unter dieser einseitigen Investitionspolitik leidet nicht nur der Grenzverkehr mit der Schweiz, sondern auch der Regional- und Pendlerverkehr in Italien. Wer ausserhalb der Hauptachsen reist, muss mit Verspätungen, Zugausfällen sowie veralteten und verschmutzten Wagen rechnen. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.12.2011, 09:43 Uhr
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76 Kommentare
Eine schöne Demonstration wie Privatisierung funktioniert: Die Privaten stürzen sich auf die lukrativen Filetstücke, der Regional- und Pendlerverkehr leidet, wird abgebaut oder muss vom Steuerzahler berappt werden.
Wer ausser ein paar neoliberalen Freaks will sich das denn noch antun?
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