Schweiz
Die Mär von den islamkritischen linken Frauen
Aktualisiert am 25.01.2010 239 Kommentare
Ja-Stimmen nach Ausbildung
Ja-Stimmen nach Ausbildung
in Prozent
Quelle: Vox-Analyse
Wurde nach der Abstimmung noch modifiziert: Anti-Minarett-Plakat im Kanton Uri. (Bild: Keystone)
Dossiers
Artikel zum Thema
- In Pakistan protestieren Muslime gegen die Schweiz
- SRG verzichtet auf Longchamps-Umfragen
- «Das Kopftuch bei Mädchen ist Apartheid pur»
Vorlagen über Muslime finden kaum Zustimmung
Vorlagen über schlecht Integrierte mit fremden Wertvorstellungen - wie beispielsweise Muslime - haben an der Urne nur wenig Chancen. Dies zeigt eine vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Bern veröffentlichte Auswertung der insgesamt knapp 300 minderheitenrelevanten Volksabstimmungen auf Bundes- und Kantonsebene von 1960 bis 2009. Von über 70 Abstimmungsvorlagen zur rechtlichen Besserstellung von Ausländerinnen und Ausländern wurden seit 1960 fast die Hälfte abgelehnt, wie Adrian Vatter, Gesamtverantwortlicher für die Vox-Analyse von Ende November 2009, an der Medienkonferenz in Bern sagte. Die Muslime seien dabei doppelt betroffen, und zwar als religiöse Minderheit und als Ausländer. Andere Minderheiten wie Behinderte oder Sprachminderheiten würden dagegen an der Urne kaum diskriminiert. Auf Bundesebene stimmten vor allem linke Bürgerinnen und Bürger, die für eine weltoffene Schweiz sind, generell am minderheitenfreundlichsten. Demgegenüber sind laut Vatter rechte und traditionsbewusste Bürgerinnen und Bürger Minderheiten gegenüber besonders kritisch eingestellt.
Die Befürworter der Minarettverbots-Initiative haben ein symbolisches Zeichen gegen die Verbreitung des Islams in der Schweiz setzen wollen. Dies zeigt die am Montag veröffentlichte Vox-Analyse. Grundsätzlich bedeute aber die Zustimmung keine generelle Ablehnung der Muslime in der Schweiz.
Die Initiative «Gegen den Bau von Minaretten» war Ende November 2009 überraschend deutlich mit 57,5 Prozent angenommen worden. Laut der Vox-Analyse war das Stimmverhalten sehr stark vom Links-Rechts-Gegensatz geprägt. Das heisst, dass die Linke die Initiative mit über 80 Prozent Nein-Stimmen deutlich ablehnte, während die Rechte ihr fast ebenso klar zustimmte. Das Zünglein an der Waage spielte die politische Mitte. Diese nahm das Minarettverbot im Verhältnis zwei zu eins an und verhielt sich damit laut Vox-Analyse grundsätzlich anders als bei früheren ausländerpolitischen Abstimmungen.
Keine generelle Ablehnung
Bei den Entscheidmotiven der Befürworter wurde am häufigsten die Absicht genannt, ein Zeichen gegen die Ausbreitung des Islam und des von ihm propagierten Gesellschaftsmodells setzen zu wollen. Etwa jeder sechste Befürworter begründete seinen Entscheid als Reaktion auf die Diskriminierung der christlichen Kirchen in islamisch geprägten Ländern. Konkrete Kritik an den in der Schweiz lebenden Muslimen gaben nur 15 Prozent der Ja-Stimmenden als Entscheidmotiv an. Die Zustimmung zum Minarett-Verbot dürfe also nicht als generelle Ablehnung der in der Schweiz lebenden Muslime interpretiert werden, heisst es in der Vox-Analyse.
So habe sich eine Mehrheit von 64 Prozent aller Stimmenden voll oder ziemlich davon überzeugt erklärt, dass sich die schweizerische und die islamische Lebensweise gut vertragen würden. Auf das Stimmverhalten wirkte sich diese positive Einschätzung allerdings überhaupt nicht aus. Auch diejenigen, die von einer sehr guten Verträglichkeit ausgehen, stimmten dem Verbot des Baus neuer Minarette mit einem Ja-Anteil von 49 Prozent zu. Bei den Gegnern war die Einschränkung der in der Verfassung garantierten Grundrechte auf Religionsfreiheit und Nichtdiskriminierung für ihre Nein-Stimme ausschlaggebend.
Keine Unterschiede beim Geschlecht
Von den gesellschaftlichen Merkmalen wirkte sich die formale Bildung am stärksten auf den Abstimmungsentscheid aus. Wer als Bildungsabschluss eine Lehre hat, stimmte zu 76 Prozent mit Ja. Wer eine höhere Berufsschule besuchte, war zu 48 Prozent und wer eine Hochschule absolvierte, war nur zu 34 Prozent für ein Minarettverbot. Weiter stimmten sowohl reformierte als auch katholische Christen zu rund 60 Prozent für die Initiative.
Keine grossen Unterschiede gab es im Abstimmungsverhalten nach Geschlecht und Alter. Im Gegensatz zu den nach der Abstimmung geäusserten Vermutungen kam das Minarettverbot aber bei den linken Frauen sehr schlecht an. Es stimmten nur 16 Prozent dafür. Bei den linken Männern waren es mit 21 Prozent etwas mehr. Eine stärkere Sympathie der Frauen für das Minarettverbot gab es hingegen im Lager der Rechten. Und zwar legten 87 Prozent der Frauen und nur 71 Prozent der Männer ein Ja in die Urne.
Interviews von Gfs Bern
Für die 100. Vox-Analyse wurden 1008 stimmberechtigte Personen befragt. Das Forschungsinstitut Gfs Bern führte die Befragung in den zwei Wochen nach der Volksabstimmung durch, wobei 31 Prozent der Interviews in den ersten fünf Tagen nach der Abstimmung stattfanden. Die Analyse der Daten wurde durch das Institut für Politikwissenschaft an der Universität Bern vorgenommen. (sam/ddp)
Erstellt: 25.01.2010, 13:43 Uhr
Kommentar schreiben
239 Kommentare
Die Tatsache, dass sich von den Befürwortern nur die Allerwenigsten konkret daür interessieren, ob Minarette gebaut werden sollen oder nicht, lässt mich massiv am Sinn der direkten Demokratie zweifeln. Offensichtlich ist das Schweizervolk nicht in der Lage, mit diesem Recht angemessen umzugehen. Antworten
Diese unsägliche Diskussion bringt uns nicht weiter und löst keine Probleme, wenn wir nicht den Mut und Respekt aufbringen, unsere Ängste und Unsicherheit dem Fremdartigen gegenüber offen anzugehen. Habe wieder 'Der Pianist' von Roman Polanski im 3sat gesehen und war bestürzt, wie nah wir uns bereits dem damaligen Nationalsozialismus angenähert haben. Erschreckend!!! Antworten




























