Schweiz

Die Flucht aus der Schweiz

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 09.02.2011 48 Kommentare

Regelmässig drohen Banken, Grosskonzerne und Reiche mit dem Wegzug ins Ausland. Und tun es doch nie. Warum?

Bild: Widmer

Ist die Schweiz eine Hölle für Unternehmer? So jedenfalls scheint es, wenn man die Zeitungen liest. Denn Grosskonzerne wie reiche Leute scheinen vor allem an eines zu denken: an ihre Flucht.

Letzten Sonntag war es Hans-Ulrich Meister, der Chef Schweiz von Credit Suisse. Beschrieben wurde Meister mit dem Satz: «Seine bodenständige Art macht ihn zu einem atypischen Vertreter der Hochfinanz.» Doch auch er antwortete auf die Frage, ob die CS bei zu scharfen Bankenregulierungen den Sitz nach London verlegen würde: «Wenn die Rahmenbedingungen sich negativ verändern, sind wir verpflichtet, Alternativen zu prüfen.»

Eine lange, lange Liste

Das war noch die sanfte Variante. Im Monat zuvor hatte UBS-Präsident Kaspar Villiger prophezeit, bei zu strengen Bankengesetzen «gewisse Geschäfte» ins Ausland umzusiedeln, was Schweizer Lieferanten 2,5 Milliarden Franken kosten würde. Davor drohte der Liftbau-Milliardär Alfred N. Schindler bei Annahme der SP-Steuer-Initiative mit dem Gang in Ausland – ebenso wie der Rohstoffhändler Marc Rich und der Zementbaron Thomas Schmidheiny. Gleichzeitig erwog Sepp Blatter wegen bösartiger Presseartikel in Zürich (imRest der Welt höre er nur «Hurra!») den Umzug der Fifa nach Paris. Und davor sagte Nestlé-Chef Peter Brabeck, dass sein Konzern sich bei Boni-Grenzen für Manager «ganz klar die Frage stellen muss, ob die Schweiz noch der richtige Standort» sei. Auch Novartis-Chef Daniel Vasella sagte angesichts von geplanten Boni-Steuern und Parallelimporten: Man könne «den Konzern sofort verlegen». Etwa nach Singapur.

Von Roll erwog den Auszug aus der Stadt Luzern wegen «hoher Strompreise», der Billigbuchanbieter Ex Libris das Exil in Deutschland, falls die Buchpreisbindung wieder eingeführt würde, der Molkereibaron Theo Müller den Wegzug aus dem Kanton Zürich bei Streichung der Pauschalsteuer. Die Uefa und der Internationale Turnverband drohten mit Abzug, falls sie überhaupt Steuern zahlen müssten, der Tech-Unternehmer André Kudelski erwog wegen zu hoher Steuern die Emigration in die USA, und der Bio-Grossbauer-Betrieb Rathgeb schwor, bei Nichtbewilligung von drei neuen Lagerhallen in der Landwirtschaftszone die Gemeinde Stammheim auf immer zu verlassen.

Chefs und ihre Ziegen

So lang, so unvollständig ist die Liste, wenn man nur 30 Minuten im Zeitungsarchiv sucht: Die Schweiz ist offensichtlich eine von Regulatoren, Steuerbeamten und Volksentscheiden regierte Hölle für Unternehmer. Die Frage dabei ist nur: Warum ist noch keiner gegangen – nicht die UBS, nicht die Fifa, nicht der Bio-Grossbauer Rathgeb?

Die Frage klärt sich ebenfalls im Zeitungsarchiv. In einem einzigen Artikel. Im Juni 2007 sprach der «Spiegel» mit den wichtigsten Konzernchefs über die Schweiz. Und plötzlich jammerten diese nicht mehr: Das Tolle an dem Land seien «niedrige Steuern und Sozialabgaben», sagte UBS-Boss Marcel Ospel. Der Industrielle Klaus Jacobs schwärmte von den «flexiblen» Steuerämtern und den «verlässlichen» Arbeitskräften, denen man nicht – wie in Deutschland – «die Daumenschrauben anlegen» müsse. Auch Peter Brabeck lobte Schweizer Angestellte als «anspruchslose Ziegen». Und Niklas Hayek ergänzte, hier seien «die Gewerkschaften so zahm wie kaum irgendwo auf der Welt».

So klingt es, wenn die Chefs mit einer ausländischen statt einer inländischen Zeitung über ihre Probleme in diesem stolzen Land reden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2011, 21:34 Uhr

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48 Kommentare

willi aerne

09.02.2011, 08:48 Uhr
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Seit Jahrzehnten drohen sie mit Auszug. Immer dann, wenn sie etwas bekämpfen, was ihnen nicht gefällt. Seien es ein bisschen stärkere Regulierungen oder ein bisschen mehr Beiträge an den Staat oder was auch sonst immer. Und das Volk fällt bei Abstimmungen jedes Mal darauf rein. Man hat noch nicht gemerkt, dass die Auszugsmöglichkeiten beschränkt sind. Singapur hat nicht für alle Platz. Antworten


gabriela merlini

09.02.2011, 09:26 Uhr
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@Jürg Tanner: ich dachte immer, das sei portugiesisch! Und man denke an die Böcke! Die haben Ansprüche! Irgendwie beunruhigend, bspw. die Aussage von Grübel (DRS1, Tagesgespräch). Wenn er uns für so blöd hält, wie sehr überschätzt er dann sich und seine Bank? Wo wollen die hin? Antworten



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