Schweiz

Die Elite ist nicht integriert

Von David Schaffner, Bern. Aktualisiert am 05.05.2012 163 Kommentare

Der Bundesrat will reiche Ausländer besser eingliedern. In Zug ist dies nicht gelungen. Obwohl der Kanton beim Steuersparen und der Einfuhr von Luxusbooten hilft.

Die Zeiten haben sich geändert: Früher waren viele Migranten zu schlecht gebildet, heute bereitet die Integration ganz andere Probleme.

Die Zeiten haben sich geändert: Früher waren viele Migranten zu schlecht gebildet, heute bereitet die Integration ganz andere Probleme.

Die Neuen bleiben unter sich: Reiche Ausländer zu integrieren, fällt den Schweizer Behörden schwer. (Bild: Keystone )

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Simonetta Sommaruga hat wiederholt die schlechte Integration von Ausländern mit hoher Bildung und guten Jobs kritisiert: Sie foutierten sich um Schweizer Traditionen, schickten ihre Kinder auf elitäre Privatschulen und würden Parallelgesellschaften bilden. Bevor die Schweiz 2007 die volle Personenfreizügigkeit einführte, klagten Sommarugas Vorgänger im Migrationsdepartement ebenfalls über Probleme. Nur hiess es damals, viele Migranten seien viel zu schlecht gebildet und bekundeten deshalb Mühe, sich einzufügen.

Um die angeblich mangelhafte Eingliederung nachzuholen, will Sommaruga die ausländische Elite dazu anhalten, schweizerische Werte besser zu verinnerlichen. Kaum beachtet hat sie an einer Medienkonferenz vor drei Wochen beiläufig einen Beschluss kommuniziert: «Der Bundesrat hat mein Departement damit beauftragt zu prüfen, wie Integrationsprogramme verstärkt auf Zuzüger aus dem EU-Raum ausgerichtet werden können.» Laut dem Bundesamt für Migration (BFM) geht es um jene Programme, die Bund und Kantone im Rahmen eines gemeinsamen «Integrationsplans» ab 2014 planen.

Geld für Ärzte und Banker

Um den Zusammenhalt stärker zu fördern, sollen die Mittel für die Integration jährlich um 40 auf 110 Millionen Franken steigen, kündigte der Bundesrat bereits im November an. Zusätzlich lässt er nun abklären, wie ein Teil dieser Gelder in die Eingliederung hoch Qualifizierter und gut Betuchter fliessen kann. «Je nach Kanton sind die Bedürfnisse verschieden, da unterschiedliche Menschen einwandern», erklärt Adrian Gerber, Leiter Integration im BFM. «Wir wollen daher nicht überall die gleichen Integrationsangebote machen.»

Staatliche Gelder für deutsche Ärzte und englische Banker – dieser Plan dürfte noch für Debatten sorgen. Einerseits kritisieren Politiker schon heute die Aussagen Sommarugas. Mangelnde Integration lasse sich bei Spezialisten zuweilen zwar beobachten, verursache aber keine echten Probleme. «Risiken bringen jene Ausländer mit, die nie im Erwerbsleben ankommen», sagt SVP-Nationalrat Heinz Brand, der ehemalige Chef der Bündner Fremdenpolizei. «Sie brauchen Sozialhilfe oder werden kriminell.»

Andererseits zeigt die Erfahrung von Zug und Zürich – wo schon lange respektive zunehmend hoch Qualifizierte einwandern –, dass die Integrationsbemühungen bei diesen Personen wenig bringen und zu umstrittenen Angeboten führen.

Sparen bei den Abfallgebühren

Der Kanton Zug mit seinen vielen internationalen Firmen hat schon vor vier Jahren seine Fachstelle für Migration konsequent neu ausgerichtet und in ein «Welcome Desk» für hoch Qualifizierte umfunktioniert. Während sich die Stelle zuvor schwergewichtig um arbeitslose, kranke oder überschuldete Immigranten aus vorwiegend südlichen Herkunftsländern kümmerte, machen heute gut Gebildete aus nördlichen EU-Ländern, den USA oder Asien den Grossteil der Klientel aus. Sozial Benachteiligte sind aber nach wie vor willkommen.

Von der Zweigleisigkeit der Zuger Integrationspolitik zeugt heute beispielsweise der Umstand, dass neben einer 20-seitigen Infobroschüre für Neuankömmlinge in Deutsch und Portugiesisch ein 132-seitiges englisches Hochglanzmagazin mit dem Titel «Expat Guide» für Elite-Immigranten existiert. Die beiden Hefte unterscheiden sich stark: Während Portugiesen angehalten werden, den Müll korrekt zu entsorgen, erfahren Engländer, wie sich trotz korrekter Entsorgung Abfallgebühren sparen lassen. Weiter gibt der «Guide» Ratschläge, wie Neuzuzüger die Steuerlast senken («Steuern sind ein bedauerlicher Umstand im Leben») und beim Umzug private Luxusboote oder Jets in die Schweiz einführen können.

Bei Politikern und Mitarbeitern löste die Neuausrichtung der Fachstelle massive Kritik aus. Früher habe man sich um Menschen mit echten Problemen gekümmert. Ob Manager aber staatliche Hilfe benötigten, sei fragwürdig, meinte ein Angestellter 2009 in der «Neuen Zuger Zeitung». Nach vier Jahren Erfahrung zeigt sich nun: Die viele Liebesmüh im Umgang mit gut Gebildeten ist nicht nur umstritten, sie erzielt auch schlechte Resultate: «80 Prozent integrieren sich kaum», klagt der Zuger Vizestadtpräsident Andreas Bossard.

Das Problem ist der soziale Neid

Nach Zug bemüht sich aktuell auch Zürich, sein Angebot auf Elite-Immigranten auszuweiten. Anfang März gründete die Fachstelle für Integrationsfragen eine Plattform für Expats und lud zu einer Fahrt im Fondue-Tram ein. «Expat» ist ein Begriff für Auswanderer und meint vor allem global begehrte Arbeitskräfte. Laut Stellenleiterin Julia Morais sollen solche Events und Informationsabende in Hochdeutsch und Englisch künftig wenn möglich öfter stattfinden. Keinen Handlungsbedarf für neue Angebote sieht derzeit Bern.

Morais betont: Wenn sie Expats beispielsweise dazu ermuntere, Deutsch zu lernen, gehe es ihr nicht nur darum, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Es stünden auch wirtschaftliche Interessen dahinter: «Wichtig ist, dass wir uns um die Frauen von Expats kümmern.» Diese hätten oft keinen Job, langweilten sich und würden auf eine Rückkehr ins Heimatland drängen. «Dies müssen wir verhindern. Für Firmen wäre es fatal, wenn sie Personen teuer anheuern und dann wieder verlieren», so Morais. «In diesem Bereich arbeiten wir mit privaten Firmen wie Girlfriends zusammen, die exklusive Angebote für Expat-Frauen anbieten.»

Die Zürcher Integrationschefin sieht bei der Eingliederung überdies nicht nur die Expats in der Pflicht, sondern auch die Schweizer. Diese müssten sich daran gewöhnen, dass Ausländer heute oftmals mehr verdienten als sie. «Es entsteht ein sozialer Neid», beobachtet Morais. «Die Schweizer müssen noch lernen, damit umzugehen.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.05.2012, 16:47 Uhr

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163 Kommentare

Kusi Gallati

05.05.2012, 17:14 Uhr
Melden 387 Empfehlung 1

Jetzt sollen wir also noch Millionen an Steuergelder aufwerfen um die reichen Ausländer zu integrieren, bzw. damit Sie sich mit uns Schweizern abgeben? Diese flankierenden und integrativen Massnahmen nehmen ja immer groteskere Formen an. Schafft die Pauschalbesteuerung ab, legt einen Mindeststeuersatz für alle Kantone fest und kündigt endlich dieses elende PFZ-Abkommen. Nur das nützt. Antworten


christian müller

05.05.2012, 16:54 Uhr
Melden 325 Empfehlung 1

40 Mio für die mehr integration reicher ausländer? hört sich an wie ein schlechter witz. frau sommoaruga sollte sich besser um die wirklichen probleme zum bsp. im asylwesen kümmern, aber die interessieren sie anscheinend nicht. Antworten



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