Schweiz

Die Chefs der Tamil Tigers in der Schweiz sitzen in Haft

Von Dario Venutti und Markus Brotschi. Aktualisiert am 13.01.2011 9 Kommentare

Die Bundeskriminalpolizei verhaftete bei der Razzia am Dienstag die Führungsriege der Tamil Tigers Schweiz. Ein Experte schätzt ein, wie viele Millionen sie jährlich von Landsleuten erpresst haben.

Protestieren im April 2009 in einer Kundgebung gegen die Situation ihrer Landsleute in Sri Lanka: Exiltamilen in Bern.

Protestieren im April 2009 in einer Kundgebung gegen die Situation ihrer Landsleute in Sri Lanka: Exiltamilen in Bern.
Bild: Keystone

Fast jeder der rund 40'000 Tamilen in der Schweiz spendete Geld für den bewaffneten Unabhängigkeitskampf der Tamil Tigers auf Sri Lanka: aus Überzeugung, aus Pflichtgefühl. Oder weil er unter Druck gesetzt und erpresst wurde. Laut dem britischen Ethnologen Christopher MacDowell, der die tamilische Diaspora gut kennt, flossen auf diese Weise jährlich sieben Millionen Franken aus der Schweiz in die Kriegskasse der Tigers.

Welcher Anteil mit kriminellen Methoden zusammenkam, will die Bundesanwaltschaft jetzt untersuchen. In einer von der Bundeskriminalpolizei koordinierten Aktion in zehn Kantonen wurde am Dienstag die Führungsriege der Tamil Tigers Schweiz verhaftet: der hiesige Chef der Rebellen, sein Vorgänger, der Finanzboss und weitere Kader. Ihnen werden Erpressung, Geldwäscherei, Urkundenfälschung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation vorgeworfen. Laut Bundesanwaltschaft sollen acht der zehn Verhafteten in Untersuchungshaft gesetzt werden. Gemäss dem Zürcher Anwalt Marcel Bosonnet, der den Tigers-Chef vertritt, bestreitet sein Mandant die Vorwürfe. Gegen ihn sei bereits früher ermittelt worden, doch liessen sich die Anschuldigungen nie erhärten.

«Viele haben die Angst verloren»

Tatsächlich nahmen die Schweizer Behörden bereits Mitte der 90er-Jahre 15?Tigers-Leute fest. Das Verfahren gegen den damaligen führenden Kopf der Rebellen in der Schweiz verlief allerdings nach vier Jahren im Sand – unter anderem, weil Belastungszeugen ihre Aussagen aus Angst vor Repressalien zurücknahmen oder untertauchten.

Rajan Rajakumar, ein Kulturvermittler und Familientherapeut aus Zürich, ist überzeugt, dass dies in der aktuellen Strafuntersuchung nicht geschehen wird. «Viele Tamilen haben die Angst vor den Tigers verloren», sagt er. Die Kriegsniederlage im Frühjahr 2009 nach fast 30-jährigem Kampf auf Sri Lanka, der Tod des als Gott verehrten Rebellenchefs Prabhakaran und die mutmasslichen Kriegsverbrechen der Tigers auch an der eigenen Bevölkerung – all das hat die Widerstandskämpfer entmystifiziert. Laut Rajakumar sind Tamilen heute bereit, Anzeige zu erstatten und Aussagen vor Gericht zu machen, weil mit der Niederlage auch der soziale Druck nachgelassen hat. In Deutschland und Holland sind letztes Jahr mehrere Tigers wegen der gleichen Delikte vor Gericht gestellt, in Kanada sogar einer verurteilt worden.

Hoch verschuldete Männer

Dem «Tages-Anzeiger» liegen Informationen vor, wonach mehrere Tamilen bei der Bundesanwaltschaft in Bern belastende Aussagen machten. In zwei Fällen handelt es sich um Männer, die hoch verschuldet sind: Die beiden sollen unter Druck Kredite in der Höhe von 100'000 respektive 50'000 Franken aufgenommen und das Geld den Tigers gegeben haben. Die Rebellen stellten den Männern gefälschte Lohnausweise aus, dank denen ihnen Banken Kredite gewährten. In Wahrheit verdienen die beiden Männer ein Bruttoeinkommen von je rund 4200 Franken.

Laut TA-Quellen aus der tamilischen Gemeinschaft, die eine kritische Haltung gegenüber den Tigers einnimmt, sollen mehrere Dutzend ihrer Landsleute mit Zehntausenden von Franken verschuldet sein. Und Hunderte Tamilen haben Kleinkredite aufgenommen. Möglicherweise wurden ihnen diese durch zwei Finanzgesellschaften vermittelt, bei denen die Polizei am Dienstag ebenfalls eine Razzia durchführte und deren tamilischen Geschäftsführer sie verhaftete: Eine hat ihren Sitz in Bern mit Zweigniederlassungen in Zürich und Basel, die andere im Kanton Luzern. Gemäss Handelsregister sind beide auf die Vermittlung von Krediten spezialisiert.

Strukturen der Rebellen weiterhin intakt

Glaubt man Tigers-kritischen Tamilen, sind die Strukturen der Rebellenarmee in der Schweiz weiterhin intakt. So soll das Eintrittsgeld für ein Fest im Albisgüetli in Zürich am 2. Januar in deren Kriegskasse geflossen sein. Trotz der Kriegsniederlage würden die Ziele Prabhakarans weiterverfolgt, in der Schweiz massgeblich von der Generation der 17- bis 25-Jährigen.

Dem widerspricht allerdings der tamilische Luzerner SP-Kantonsrat Lathan Suntharalingam. Ihm sei nicht bekannt, dass seine Landsleute von den Tigers oder deren Schattenorganisationen weiterhin unter Druck gesetzt würden. Von den Rebellen und ihren Vertretern in der Schweiz gehe keine Gefahr mehr aus, weshalb er «erstaunt» sei über die Razzia der Bundeskriminalpolizei vom Dienstag. «Man tritt auf eine tote Schlange», sagt er. Mehrere Tamil Tigers hätten von sich aus mit der Polizei zusammengearbeitet, um die Vorwürfe zu entkräften. Das Vorgehen der Behörden wecke unter Tamilen «schmerzliche Ängste».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2011, 23:29 Uhr

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9 Kommentare

Kerzenmacher Boris

02.04.2011, 23:01 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Auch bei den inzwischen doch sehr beliebten Tamilen muss man sich gar nicht scheinheilig in die Tasche lügen. Auch diese sind ausschliesslich Wirtschaftsflüchtlinge. Sie haben es aber geschafft in die Schweiz zu kommen und ihr Ziel erreicht, hier zu arbeiten. Dass das über das Asylgesetz gelang ist nicht der Fehler der Tamilen und anderer Migranten sondern nur der naiven Dummheit der Behörden. Antworten


Moritz Richter

13.01.2011, 06:49 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Luzerner Kantonsrat... scheint irgendwie, dass dieser Herr zwei Seelen in seiner Brust hat und gemäss seiner Aussage ist auch klar, welche mehr Gewicht erhält... sorry, ich möchte nicht abgedroschen klingen, aber diese Stellungnahme ist doch so was von nicht-schweizerisch? Die Untersuchung wecke 'schmerzliche Ängste'?!? So argumentieren Diktatoren und Vertuscher, nicht? Antworten



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