Die Bibliothek ohne neue Bücher

Weil der Kanton Luzern seit Anfang Jahr kein ordentliches Budget hat, darf er nur für die Staatstätigkeit unerlässliche Aufgaben erledigen. Darunter leidet besonders die grösste Bibliothek.

Ulrich Niederer führt die ZHB Luzern seit 1995. Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

Ulrich Niederer führt die ZHB Luzern seit 1995. Foto: Herbert Zimmermann (13 Photo)

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Es wirkt wie eine Klagemauer. Überall an der Wand des Katalogsaals hängen Zettel – es sind Kopien von Buchdeckeln: «Statt etwas oder Der letzte Rank» von Martin Walser, «Die Terranauten» von T.C. Boyle oder «Ab morgen wird alles anders» von Anna Gavalda. Das sind nur drei Titel der rund 10 000 Bücher, die sich die Zentral- und Hochschulbibliothek (ZHB) Luzern dieses Jahr nicht leisten konnte. Der Grund dafür steht ebenfalls auf der Wand, gross und in Rot: «Budgetlos in Luzern».

Der grösste Zentralschweizer Kanton hat seit Anfang Jahr kein ordentliches Budget mehr. Dazu kam es, als die SVP gegen den vom Kantonsrat verabschiedeten Haushalt und damit gegen die Steuererhöhung das Referendum ergriff. Da das Luzerner Stimmvolk am 21. Mai die Erhöhung der Einkommenssteuern ablehnte, hält der budgetlose Zustand mindestens bis September an. Dann nämlich könnte der Kantonsrat erstmals wieder einen rechtskonformen Haushalt beschliessen.

Bis dahin darf der Kanton nur noch die «für die ordentliche und wirtschaftliche Staatstätigkeit unerlässliche Aufgaben» tätigen. So darf beispielsweise die Polizei keine neuen Autos kaufen oder zusätzliches Personal einstellen. Verschiedene Strassenbau- und Infrastrukturprojekte wurden vorerst sistiert.

Die Offensive des Bibliothekars

Am anschaulichsten sind die Folgen des «government shutdown», wie die budgetlose Situation in den USA heisst, aber in der grössten Bibliothek des Kantons. Überall sind farbige Hinweise angebracht. Beim ausgeschalteten Infoscreen heisst es: «Sehen Sie schwarz? Die Instandsetzung dieses Geräts verzögert sich infolge des budgetlosen Zustands.» Oder: «Wundern Sie sich, warum wir Sie nicht mehr zu Veranstaltungen und Vernissagen einladen?»

Hinter der offensiven Informationspolitik steht Ulrich Niederer. Der 63-Jährige ist seit 1995 Direktor der ZHB und damit Herr über fast 1,5 Millionen Bücher, 100 000 E-Books und 2600 Zeitschriftenabos. Will er damit provozieren? Schliesslich steht seine Pensionierung für Ende Juli an, folglich geniesst er eine gewisse Narrenfreiheit. «Wir haben die Verpflichtung gegenüber unserem Publikum, aufzuzeigen, was wir in der heutigen Situation leisten und nicht leisten können», sagt Niederer. Bibliotheken hätten eine archivierende Funktion, und es könne nicht sein, dass ein ganzes Jahr an Neuerscheinungen kommentarlos fehle. «Deshalb müssen wir auf die vielen Anschaffungsvorschläge aus der Bevölkerung reagieren.» Auch in der Hoffnung, dass mit der Verabschiedung eines ordentlichen Budgets die Anschaffungen nachgeholt werden könnten.

Bis es so weit ist, erscheinen die vorbestellten Titel im elektronischen Katalog mit dem Vermerk «Kantonsbudget fehlt». Nicht betroffen sind die Bestände der Uni und der Fachhochschulen, für die die ZHB die Bibliotheken betreibt, weil sie als selbstständige Institutionen über eigene Budgets verfügen.

Bedrückend für die Mitarbeiter ist auch die sistierte Sanierung. Im Februar hätte die Bibliothek gemäss den 2010 beschlossenen Plänen komplett für 20 Millionen Franken renoviert werden sollen. Das denkmalgeschützte Haupthaus an der Sempacherstrasse ist Teil der Parkanlage, des beliebten Vögeligärtli im Hirschmattquartier, und wurde 1951 erbaut. Seine Erneuerung ist seit 30 Jahren überfällig: So fehlt ein Fluchttreppenhaus, weshalb mehrere Etagen des Büchermagazins leer stehen, es ist nicht erdbebensicher, und die Fassade weist massive Witterungsschäden auf. Das Flachdach ist undicht.

Umzug erneut verschoben

Alles stand Ende Jahr für den Umzug bereit. Die Sondersammlung bestehend aus alten Drucken, Grafiken oder Fotografien umfasst fast 2000 Laufmeter und wurde ins Staatsarchiv und in das Universitätsgebäude eingelagert. Zahlreiche Mitarbeiter haben ihre Arbeitsplätze geräumt, die Infrastruktur war teilweise demontiert, und Ende Januar hätte die ZHB in ein Provisorium ziehen sollen. Als krönender Abschluss war ein grosses Fest für die Bevölkerung geplant.

Doch kurz nachdem die SVP das Referendum ergriffen hatte, befahl der Kanton der Bibliothek einen Marschhalt. Damit verzögerte sich der Baubeginn bis zur Abstimmung über die Steuererhöhung am 21. Mai. In der Hoffnung, dass die Luzerner dazu Ja sagen würden, stand die Bibliothek bereit, das Gebäude innert vier Wochen zu räumen. Neuer Termin für das Abschlussfest: 1. Juli. Nach dem Nein sagte Niederer sarkastisch: «Wir haben Übung im Fatalismus.»

Für das ZHB-Debakel trägt die SVP nicht die alleinige Schuld. Als der Kantonsrat 2010 den Kredit für den Umbau der Bibliothek bewilligte, mussten die Planungsarbeiten aus Spargründen kurz darauf um zwei Jahre verschoben werden. Die Haushaltslage des Kantons ist schon seit Jahren angespannt – auch als Folge einer beispiellosen Tiefsteuerstrategie bei den Firmen. Unter anderem wegen weggebrochener Steuereinnahmen muss Luzern massiv sparen.

2012 kam das Vorhaben abermals zum Erliegen, weil die CVP im Kantonsrat erfolgreich einen Abbruch und Neubau der Bibliothek forderte. Zwei Jahre später sprach sich schliesslich die Stadtluzerner Stimmbevölkerung mit grosser Mehrheit für den Erhalt aus. Für die Bibliothek, das ist jetzt klar, ist die Leidensgeschichte damit jedoch nicht zu Ende.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2017, 19:13 Uhr

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