Die Betten sind kalt, die Geranien fehlen
Von Matthias Raaflaub. Aktualisiert am 20.07.2011 18 Kommentare
Wo Zweitwohnungen boomen
Gemäss Hochrechnung des Bundesamts für Raumentwicklung ARE gibt es derzeit rund 500 000 Zweitwohnungen in der Schweiz, neue zuverlässige Zahlen fehlen. Bei der Volkszählung 2000 betrug der Anteil zeitweise bewohnter Wohnungen am Wohnungsbestand im Kanton Graubünden 37 Prozent, der Kanton Wallis wies einen Zweitwohnungsanteil von 36 Prozent auf, das Tessin 24 Prozent. 10 Prozent Zweitwohnungsanteil zählte der Kanton Bern.
Weit höher liegen die Anteile in einzelnen Tourismusgemeinden: Spitzenreiter sind Saint-Luc und Grimentz im Wallis mit 83 und 82 Prozent, die Bündner Gemeinden Laax, Falera und Silvaplana folgen mit 81, 79 und 77 Prozent. In Grindelwald liegt der Anteil bei 57 Prozent.
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«Sehen Sie die Geranien?» Für Gemeindepräsident Emanuel Schläppi – man kennt ihn im Dorf als «Mäni» – sind die Blumen ein Hinweis darauf, wie es um seine Gemeinde steht. Während Schläppi durch das Dorf Grindelwald führt, um die Zweitwohnungsproblematik an einigen Chalets zu verdeutlichen, schweift sein Blick zu den Balkonen am Hang. Die Geranien sagen ihm, dass diese Häuser das ganze Jahr über bewohnt sind. «Wer nur für ein, zwei Wochen hierher in die Ferien fährt, verziert sein Haus nicht mit vergänglichem Blumenschmuck», sagt er. Die bewohnten Häuser sind der Beleg, dass im Dorfkern auch Einheimische leben und arbeiten. Ein Beleg, dass Grindelwald auch in der Zwischensaison lebt, wenn nur die 4000 Einheimischen da sind – und nicht die rund 15 000 Menschen während der Hochsaison.
Wer die Spitzen-Tourismus-Destination des Berner Oberlands besucht, könnte daran nämlich zweifeln. Jetzt im Juli führen die blau-gelben Züge der Berner-Oberland-Bahnen im Halbstundentakt Ausflugstouristen aus Asien ins Dorf. Einheimische gehen in dieser Masse fast unter. Daneben zählt Grindelwald eine grosse Anzahl von Schweizern und Ausländern, die ihr Stückchen Bergparadies einige Wochen im Jahr aufsuchen – hauptsächlich im Winter. Sie mieten oder kaufen ein Feriendomizil als Zweitwohnung. 57 Prozent der Wohnungen standen im Jahr 2006 in Grindelwald zeitweise oder das ganze Jahr über leer. Mehr als jede zweite Wohnung wird als Ferienwohnung genutzt. Im Ortsbild lassen sich solche Zweitwohnungen einfacher als an fehlenden Geranien an den geschlossenen Fensterläden erkennen. Die Chaletgruppe Im Grund ist ein Anschauungsbeispiel. Auf einzelnen Balkonen sind Leute zu sehen. Der Rest: verriegelt. Ein Bild, das man auf Postkarten aus Grindelwald nicht sieht.
Leere Wohnungen in Neubauten
Grindelwald und Zweitwohnungen – ein Paar mit belasteter Vergangenheit. 2008 legten die Kantonsbehörden offen, dass die Gemeindebehörden die Vorschriften für den Zweitwohnungsanteil während Jahren zu lasch gehandhabt hatten. Der sogenannte Erstwohnungsanteilplan – kurz Ewap – schreibt bei Neubauten vor, dass mindestens ein Drittel eines jeden Neubaus mit Erstwohnungen besetzt werden muss. Diese gewichtige Einschränkung hatten die Grindelwalder in vielen Fällen nicht oder falsch umgesetzt. Der Kanton Bern unterstellte ihnen keine böse Absicht, und auch andere Gemeinden mussten bald reihenweise Mängel offenlegen.
Doch die Ewap-Geschichte schwingt noch immer mit, wenn der Gemeindepräsident zum Thema Zweitwohnungen Auskunft gibt. «Mittlerweile sind wir auf einem guten Weg», beteuert Schläppi. Das bedeutet: «Die nötigen Einträge sind nachgeführt, und wir überwachen bei Verkäufen oder Vererbungen akribisch, ob die Zweitwohnungsbestimmungen zur Anwendung kommen müssen.» Allerdings, so Schläppi, sei der Aufwand dafür enorm. Eine Kontrolle, wer die Häuser bewohnt – der Ewap bezieht sich auf die Mieter, nicht die Besitzer –, sei äusserst schwierig und aufwendig. Für eine eigentlich kleine Gemeinde wie Grindelwald sei das nur mit übermässig grossem Aufwand zu schaffen. «Ich kann Ihnen die Ordner zeigen – wir müssten dafür eine zusätzliche Person anstellen», sagt Schläppi. Grindelwald sei es dennoch gelungen, den Überblick zu gewinnen. «Grindelwald hat die Problematik schon vor Jahrzehnten erkannt.»
«Das sind Bauten vom Ende der 1980er-Jahre, die noch nicht dem Erstwohnungsanteilplan unterstehen», sagt Schläppi, als er Im Grund auf die dunkelbraune Chaletgruppe zeigt. Grindelwald führte den Ewap 1989 ein. Daneben stehen jüngere, hellere Holzhäuser, für welche der Erstwohnungsanteil verbindlich ist. Ob er von den Investoren und den Eigentümern auch umgesetzt werde, müsse die Gemeinde fortwährend kontrollieren. Ein neues Problem ist aber aufgetaucht: Es ist nicht festgelegt, wie eine Erstwohnung ausgestattet sein muss. Darum treibt der Wohnungsbau bisweilen merkwürdige Blüten. Es kommt vor, dass ein Investor die besten Wohnungen eines Neubaus für mehrere Millionen Franken an Schweizer oder Ausländer verkauft, das Drittel Erstwohnungen aber leer lässt. Somit erfüllt er zwar die Bestimmungen, umgeht aber deren Zweck. Mit den riesigen Gewinnen bei den vermieteten oder verkauften Ferienwohnungen finanziert er einen vergleichsweise kleineren Verlust am leer stehenden Drittel des Hauses. «Das gibt es leider noch», sagt Schläppi.
«Das Land wird zu schnell überbaut»
Dass mit allerlei Tricks versucht werde, die Zweitwohnungsbestimmungen im Oberland zu umgehen, sei ein offenes Geheimnis. Vor Gericht wurden auf Bestreben des Gemeinderats Bausünden offengelegt. Etwa «Abstellräume» im Untergeschoss von Neubauten, die über Betten, Dusche und Bad verfügen. Adolf «Adi» Bohren kennt viele solche Geschichten. Er ficht schon seit Jahren hartnäckig gegen die Überbauungen. Zusammen mit vier weiteren «Individualisten», allesamt Raumplanungslaien oder «ganz normale Füdlebürger», wie Bohren sagt, hat er den Verein gegen die masslose Überbauung gegründet.
Er ist als ehemaliger Wirt und Heli-Flughelfer einer, der anpackt. Das zieht er auch politisch durch. Weil trotz vieler guter Bekundungen der Gemeindebehörden munter weitergebaut werde, beschäftigt sich Bohren mit der Zweitwohnungsproblematik; auch wenn ihm das juristische Rüstzeug fehle, um die Regelungen von Bund und Kanton genau zu verstehen. Bohrens Verein hat rund 200 Mitglieder. Sein Engagement habe dazu geführt, dass er für den einen oder anderen ein rotes Tuch sei, sagt Bohren. Er wird von manchen einen «Bauverhinderer» geschimpft.
Ginge es nach Bohren, so würde sich Grindelwald statt des kurzfristigen wirtschaftlichen Booms dem langfristigen Erfolg verschreiben.«Das Land wird zu schnell überbaut», sagt er. Auch die nächsten Generationen müssten aber von einer gesunden Landwirtschaft profitieren können. «Die Touristen kommen, weil es hier Wiesen gibt, auf denen noch Kühe weiden», sagt er. Seine Forderung: weniger Bau- und mehr Agrarland. Um dies zu erreichen, lancierte er eine Initiative, die den jährlichen Zweitwohnungsbau auf 2000 Quadratmeter Geschossfläche pro Jahr limitieren wollte. An der Gemeindeversammlung ist er damit abgestürzt. Doch er will weiterkämpfen. Bohren misstraut dem Gemeinderat und dem Baugewerbe. Er berichtet von der starken Baulobby, die auch vor Druckversuchen nicht zurückschrecke, um zu verhindern, dass der Wohnungsbau beschnitten werde.
Die Krux für die Politik um den Zweitwohnungsbau in Grindelwald liegt beim Gewinn. In der Jungfrauregion haben einige vom Bauboom stark profitiert: Bauunternehmer, Architekten und Inneneinrichter, die Holzwirtschaft floriert, das zeigen allein die Geschäfte an der Dorfstrasse. Der grösste Liegenschaftsunternehmer hat solches Gewicht, dass er von Gegnern fast synonym mit der Problematik um die Zweitwohnungen genannt wird. Auch die Gastwirtschaft, der Metzger und die Molkerei profitieren von der Kundschaft. Und es müssten auch die Einheimischen erwähnt werden, die daran interessiert seien, Land zu verkaufen, sagt Bohren – ohne Angebot keine Bautätigkeit.
Spürbare Nebenwirkungen
«Die Medaille Zweitwohnungen hat zwei Seiten. Immer gibt es Verlierer und Gewinner», sagt Emil von Allmen, SP-Grossrat und Gemeinderat von Lauterbrunnen. Lauterbrunnen ist Nachbargemeinde von Grindelwald: sechs Ortschaften, 2660 Einwohner, Heimat der Trümmelbachfälle. Vom Gespräch am Mittagstisch in einer Dorfbeiz muss er beizeiten aufbrechen. Von Allmen, bodenständiger Bauer, erreicht seinen Wohnort Gimmelwald nur über die Seilbahn, kommt er zu spät, muss er eine halbe Stunde warten. Er hat das Zweitwohnungsthema immer wieder in Bern vorgebracht. Als Kantonsparlamentarier habe er oft gehört, dass Lauterbrunnen handeln könnte und nur zur Tat schreiten müsste. «Radikal beschränkende Massnahmen können wir uns aber nicht leisten», sagt von Allmen. «Wir haben hier nur den Tourismus – der Zweitwohnungsbau ist gewissermassen ein Produkt der Region.» Massnahmen gegen den Zweitwohnungsbau dürften nicht zum Verlustspiel für die Region werden, sagt er. Stattdessen könnten mit Lenkungs- oder Ersatzabgaben Erstwohnungen oder die langfristig wertvollere Hotellerie gefördert werden.
Denn die Nebenwirkungen des Booms machen den Einheimischen auch zu schaffen. Die Mietpreise stiegen wegen der potenten Käuferschaft für Chalets. Erschwingliche Wohnungen für Einheimische sind Mangelware. «Die Leute wandern ab – damit funktioniert das Dorfleben immer weniger.» Für die Gemeinden wird die grosse Infrastruktur zur Belastung. Sie müssen die Angebote für die Gäste finanzieren können.
«Die Feuerwehr ist so ein Beispiel», sagt von Allmen. Die dafür nötige Infrastruktur sei eher jene einer kleineren Stadt als jene eines Dorfes. Die Mieter und die Hauseigentümer bezahlten keine Feuerwehrgebühren. Wenn die Feuerwehren sie um Spenden anfragten, sagten manche: «Wir finanzieren doch schon die bei uns zu Hause. . . » Der Grindelwalder Kollege Schläppi kennt das Beispiel und kann es zu Ende bringen: «. . . und wenn es hier brennt, kommen die auch löschen?» Er schmunzelt. Das veranschauliche gut, mit welchem Aufwand die Zweitwohnungen versorgt werden müssten – die Kosten dafür hätten häufig die Gemeinden zu bezahlen. Auch die Wasserversorgung muss funktionieren, wenn Tausende zu Saisonbeginn den Wasserhahn aufdrehen. Die Abwasserreinigungsanlagen der beiden Berggemeinden Grindelwald und Lauterbrunnen sind für je mehr als 22 000 Personen ausgelegt.
Beide gehören zu den 13 Berner Gemeinden, die bis 2013 griffige Massnahmen gegen den Zweitwohnungsbau ergreifen müssen. Andernfalls droht der Bund mit einem absoluten Baustopp für Zweitwohnungen. Um die «kalten Betten» in den Griff zu bekommen, spannen Lauterbrunnen und Grindelwald jetzt zusammen. Bereits haben sie Gebühren erhöht, jetzt erwägen sie Ersatz- und Lenkungsabgaben auf Zweitwohnungen. So könnte der Erstwohnungsbau oder die Hotellerie gefördert werden. «Mit den Massnahmen wollen wir die Zweitwohnungseigentümer nicht schröpfen. Sie müssen sich aber an der Lösung des Problems beteiligen», sagt Schläppi.
Die Kantonsbehörden würdigen das Engagement der Jungfrauregion. Den Ursprung des Zweitwohnungsproblems ortet der Gemeindepräsident bei der Ortsplanung in den 1970er-Jahren, als die Gemeinde zum ersten Mal Bauzonen ausschied. «Früher hat man gebaut, wo es machbar war. Daher wurden auch die Bauzonen grosszügig ausgelegt», so Schläppi. Was er weniger gerne sagt: Jeder verkaufsbereite Eigentümer hat seine Parzelle verteidigt. In der Gemeinde konnte man einander nicht vor der Sonne stehen.
Jetzt sucht der Grindelwalder Gemeinderat einen haushälterischen Weg und möchte mehr in Nähe des Dorfzentrums statt an den weiten Sonnenhängen bauen. Bei der Dorfeinfahrt stehen derzeit wieder hohe Bauprofile. Das Bauen geht vorerst weiter. Mehrere Grossprojekte sind im Bewilligungsverfahren. «Es ist nicht einfach, Investoren für Bauprojekte mit dem Erstwohnungsanteilplan zu finden, die auch für Einheimische attraktive Wohnungen bauen», sagt Schläppi. «Da sind wir auf den guten Willen der Eigentümer angewiesen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.07.2011, 15:18 Uhr
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18 Kommentare
Nachdem jahrzehntelang vor allem die Einheimischen massiv mit dem Zweitwohnungsbau Geld verdient haben, kommt jetzt das selbstverschuldete Gejammer wegen den zu teuren Wohnungen für Einheimische. Ganz einfach: die Einheimischen sollen Wohnungen für Einheimische bauen. Wäre ja nicht so kompliziert, wenn nicht alle so Geldgeil wären.....! Antworten
Immer mehr kalte Betten sind ein typischer Kollateralschaden der stark zunehmenden sozialen Divergenz. Die überwiegende Mehrheit hat immer grössere Probleme, die steigende Miete für ein mehr oder weniger passendes zu Hause zu bezahlen und eine kleine Minderheit weiss kaum mehr, was mit dem vielen - meist leistunglos erhaltenen - Geld anstellen. Aus "Verzweiflung" leisten sie sich x Wohnsitze! Antworten
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