Die Berg- und Talfahrt der Anti-AKW-Bewegung
Von Michel Wenzler. Aktualisiert am 22.05.2011 32 Kommentare
Berichterstattung vor Ort
Der Protestmarsch findet auf zwei Wegen statt (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz berichtet vor Ort). Der längere startet beim Bahnhof Siggenthal-Würenlingen und führt über rund 10 Kilometer am AKW Beznau vorbei nach Kleindöttingen. Die kleine Route startet in Döttingen und führt zum gleichen Ziel. Alle Infos über Extrazüge und Extrabusse auf www.menschenstrom.ch.
Umfrage
Heute Sonntag demonstrieren in Beznau AKW-Gegner gegen die Atomenergie. Und am Mittwoch entscheidet der Bundesrat, wie die energiepolitische Zukunft in der Schweiz aussehen wird. Soll die Schweiz künftig ganz auf Atomenergie verzichten?
ja, so schnell wie möglich
ja, längerfristig
nein
2209 Stimmen
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Die Schweizer Anti-Atomkraftbewegung erlebt eine Renaissance: Plötzlich marschieren wieder Demonstranten gegen die Atomenergie und blockieren Einrichtungen der Stromwirtschaft. In Bern liessen sich Ende März AKW-Gegner zu einem Protest-Picknick vor dem BKW-Hauptsitz nieder. Und für heute Sonntag hat das Bündnis «Menschenstrom gegen Atom» zu einer Kundgebung in der Region des AKW Beznau aufgerufen. Es sei «die aller Voraussicht nach grösste der letzten 20 Jahre», kündigten die Organisatoren an.
Das mag vollmundig tönen – ist aber vermutlich nicht falsch, denn in den vergangenen Jahrzehnten war die AKW-Diskussion praktisch eingeschlafen. Nach dem Unglück in Fukushima ist sie wieder aufgeflammt und lässt Erinnerungen an die Demonstrationen nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 aufkommen. «Ich habe Anzeichen dafür, dass der Marsch breit mobilisiert», sagt Mitorganisator Leo Scherer vor dem Beginn der Aktion gegenüber DerBund.ch/Newsnet.
Wie lange aber hält die Anti-AKW-Stimmung an? Diese bange Frage dürften sich die Aktivisten trotz ihrer gegenwärtigen Zuversicht stellen – insbesondere, wenn sie einen Blick auf die Geschichte des Widerstands gegen die Atomenergie werfen. Denn kurz nach Grossereignissen wie Kaiseraugst oder Tschernobyl verschwand die Bewegung jeweils für mehrere Jahre wieder in der Versenkung.
Der Bruch nach Kaiseraugst
So folgte auf das goldene Zeitalter der Anti-Atomkraftbewegung zwischen 1975 und 1979 das Tief zu Beginn der 80er-Jahre. Daten, welche die beiden Genfer Wissenschaftler Marco Giugni und Florence Passy um die Jahrtausendwende publizierten, belegen, dass die Zahl der Aktionen nach Kaiseraugst drastisch zurückging. Ausgerechnet der Erfolg war der Bewegung zum Verhängnis geworden. Mit der Besetzung des Geländes, das die Behörden in Kaiseraugst für den Bau eines neuen Atomkraftwerks bestimmt hatten, katapultierten die AKW-Gegner ihr Anliegen auf die öffentliche Agenda. Dank dem Sturm auf das Gelände am 1. April 1975 formierte sich der Widerstand endgültig auf nationaler Ebene. Zuvor hatte das Thema die Gemüter nur auf lokaler und regionaler Ebene bewegt. Plötzlich aber war Kaiseraugst das Symbol für einen Konflikt, der quer durch das ganze Land verlief.
Fast gleichzeitig kam der Bruch. Die Bewegung war sich über das weitere Vorgehen uneinig. Sie spaltete sich in einen gemässigten und in einen radikalen Flügel. Der eine beschritt den politischen Weg und lancierte mehrere Initiativen zum Atomausstieg, die das Volk in den 80er-Jahren jedoch ablehnte. Der andere Flügel versuchte in erster Linie, seinen Forderungen mit extremen Positionen und mit Gewalt Nachdruck zu verleihen. Die Bewegung wurde durch die Spaltung geschwächt, die Massenmobilisierung kam zum Erliegen.
Die grosse Stille nach Tschernobyl
Erst mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 erstarkte die Bewegung wieder, allerdings nur kurz. Die letzten grossen Massenaktionen der Schweizer Anti-Atomkraftbewegung fallen in diese Zeit: 30‘000 Menschen demonstrierten damals bei Gösgen gegen die Atomenergie. Tschernobyl versetzte dem geplanten AKW in Kaiseraugst den symbolischen Todesstoss. Ironischerweise läuteten allerdings ausgerechnet die AKW-Befürworter das Ende ein: Aufgrund der Schwierigkeiten rund um das Kaiseraugst-Projekt forderten sie 1988 im Parlament mit zwei Motionen erfolgreich den Verzicht auf den Bau.
Dass die Schweiz zwei Jahre später einem zehnjährigen Moratorium für den Bau neuer AKW zustimmte, ist wohl ebenfalls als Erfolg der Anti-Atomkraftbewegung und als Folge von Tschernobyl zu werten. Gleichzeitig verlor die Bewegung aber wieder an Schwung. Der Beginn des Moratoriums markierte den Anfang einer erneuten langen Ruhephase. Die Diskussion um die Atomenergie wurde aufgeschoben, das Moratorium zementierte das Patt zwischen AKW-Befürwortern und -Gegnern. Die Debatte verlagerte sich wieder auf die lokale Ebene und drehte sich um die Frage rund um mögliche Standorte für die Lagerung radioaktiver Abfälle.
Der grösste Einfluss der Bewegung liege darin, die Atompolitik verzögert zu haben, lautet deshalb das Fazit der beiden Forscher Giugni und Passy, die die Geschichte der AKW-Bewegung nachzeichneten. Denn obwohl die Bewegung einzelne Erfolge wie in Kaiseraugst vorzuweisen hat, brachte die Regierung bis zum Beginn des Moratorium 84 Prozent ihrer atomenergetischen Vorhaben zu Ende, wie Zahlen einer deutschen Studie aus dem Jahr 1990 belegen. Im europäischen Vergleich befindet sich die Schweiz damit im Mittelfeld: Während die Regierungen in Belgien und Frankreich sogar mehr Projekte durchsetzen konnten als ursprünglich geplant, realisierte Deutschland lediglich 72 Prozent, Grossbritannien 44 Prozent und die Niederlande nur 11 Prozent ihrer Vorhaben. Dänemark und Italien legten gar sämtliche Pläne auf Eis, die sie ab 1974 geschmiedet hatten.
Warten auf den Bundesrat
In der Schweiz wiederum sicherten sich die AKW-Befürworter zu Beginn des Jahrtausends die Unterstützung des Volks: 2003 – also erst vor acht Jahren – sprachen sich die Schweizer an der Urne nicht nur gegen die Energiewende, sondern auch gegen die Verlängerung des Moratoriums aus. Nun wittern die atomkritischen Organisationen aber eine neue Chance. Denn nach Fukushima schwankt sogar die Regierung: Sie hält offenbar einen mittelfristigen Atomausstieg für möglich. Gemäss Recherchen der «SonntagsZeitung» will Energieministerin Doris Leuthard den Atomausstieg. Der Bundesrat will am Mittwoch einen Entscheid zur Zukunft der Atomenergie in der Schweiz fällen – drei Tage also nach dem heutigen Marsch auf Beznau. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.05.2011, 07:15 Uhr
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32 Kommentare
Hier wird unterschlagen, dass erwähnte Länder den Neueinstieg schon beschlossen haben, dass gewisse Länder den Einstieg bereits besiegelt haben, dass viele Länder sich von Japan nicht die ganze Energie versauen lassen wollen. Dass dt. Energiebetreiber nun ev. in Holland bauen, dass ganz Osteuropa die Atomkraft erhöht, Frankreich ganz anders denkt als D und CH. GEGEN etwas zu sein löst kein Problem Antworten
Die Forschung in Kernenergie soll Priorität haben, damit wir bald neue sichere KKw's haben. Die gibt es schon, aber die sogenannte Umweltverbesserer verhindern dies. Mit Gas und Kohle geht die Klimaveränderung noch schneller voran, und dann?? Antworten
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