Schweiz

Die Ängste der ausspionierten Globalisierungskritiker

Aktualisiert am 24.01.2012 24 Kommentare

Zwei Jahre lang liess der Lebensmittelmulti Nestlé die Organisation Attac von einer Securitas-Agentin bespitzeln. Heute gaben die Aktivisten vor Gericht an, noch immer traumatisiert zu sein.

«Dieses Eindringen in meine Privatsphäre hat mich zutiefst schockiert»: Attac-Ehrenpräsidentin Susan George heute vor dem Gerichtsgebäude.

«Dieses Eindringen in meine Privatsphäre hat mich zutiefst schockiert»: Attac-Ehrenpräsidentin Susan George heute vor dem Gerichtsgebäude.

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Angst, Verunsicherung, Misstrauen: Die von Nestlé (NESN 54.8 0.27%) ausspionierten Globalisierungskritiker haben heute an einem Zivilprozess erzählt, wie sie seit ihrer Bespitzelung leiden. Die Aussagen der Opfer vor dem Zivilgericht ähneln sich. Sie fühlten sich «sehr betroffen», «verunsichert und von Alpträumen geplagt». Einige haben auch heute noch Angst davor, ihr Telefon oder ihr E-Mail zu benutzen. Sie befürchten, erneut ausspioniert zu werden. Viele haben ihre Ängste bis heute nicht überwunden.

Die Opfer fordern eine komplette Aufklärung des Falls und wollen vor allem wissen, was mit den von der Securitas gesammelten Daten geschehen ist. Die französische Politikwissenschaftlerin Susan George, Autorin mehrerer globalisierungskritischer Büchern, sagte vor Gericht, ihre Korrespondenz sei überwacht worden. «Dieses Eindringen in meine Privatsphäre hat mich zutiefst schockiert.»

Nestlé wollte «Umfeld» kennen

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé hatte die Waadtländer Sektion der globalisierungskritischen Organisation Attac durch eine Mitarbeiterin der Sicherheitsfirma Securitas zwischen 2003 und 2005 bespitzeln lassen. Grund dafür: Eine Attac-Arbeitsgruppe arbeitete damals an einem Nestlé-kritischen Buch. Die Affäre flog schliesslich 2008 auf. Die Ressentiments gegenüber Nestlé und Securitas sind auf Seiten der Globalisierungskritiker gross. Dies wurde vor Gericht deutlich. Denn sie bezeichnen sich selbst als Pazifisten, die sich für Gerechtigkeit in der Welt einsetzen.

Die Vertreter von Nestlé, sagten ihrerseits mit versteinerter Miene als Zeugen aus. Laut François-Xavier Perroud, ehemaliger Pressechef bei Nestlé, war die Stimmung im Jahre 2003 aufgeheizt. Er verwies dabei auf die Demonstration des französischen Bauernführers José Bové und seiner Anhänger im März 2003 vor dem Nestlé-Hauptsitz und später im Juni auf die Unruhen im Rahmen des G8-Gipfel im französischen Evian. Nestlé habe «sein Umfeld» genau kennen wollen.

Ein anderer Nestlé-Mitarbeiter gab an, man habe ihm einige Kapitel des Nestlé-kritischen Buches gegeben, um Korrekturen anzubringen. Dabei habe es sich jedoch um fachliche Dinge gehandelt. Merkwürdig habe er dies nicht gefunden, sagte er vor Gericht.

Securitas-Spionin vor Gericht

Die genauen Umstände der Bespitzelung bleiben jedoch weiterhin vage. Laut Nestlé ist es Securitas gewesen, welche die Idee hatte, eine Person bei Attac einzuschleusen. Bei der eingeschleusten Securitas-Mitarbeiterin handelte es sich um eine Frau, die sich Sara Meylan nannte. Als Punk mit schwarz gefärbten Haaren, Lederjacke und Kapuze erschien sie vor Gericht. Die Frau stellte sich auf den Standpunkt, sie habe professionell gearbeitet. Aufgehört habe sie damit nur, weil ihr das Doppelleben zu kompliziert wurde.

Der heute Dienstag begonnene Zivilprozess geht morgen weiter. Das Urteil folgt später. Strafrechtlich ist der Fall jedoch bereits abgeschlossen: Im Juli 2009 hatte ein Lausanner Untersuchungsrichter entschieden, dass Nestlé wegen der Bespitzelungsaktion nicht strafrechtlich belangt werden kann. (ami/sda)

Erstellt: 24.01.2012, 21:43 Uhr

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24 Kommentare

lora kamm

25.01.2012, 00:52 Uhr
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"...dass Nestlé wegen der Bespitzelungsaktion nicht strafrechtlich belangt werden kann": Immer wieder diese
Meldungen, wenn es um Macht und Multis geht. Bedrückend, deprimierend. Das Strafgesetz weist systematisch auf seine demokratischen Defizite hin (z.B.Swissair.UBS) Es braucht eine öffentl. Diskussion darüber, warum Gesetze sind wie sie sind und warum sich Macht dem Recht so oft entziehen kann
Antworten


andy dreyer

25.01.2012, 05:47 Uhr
Melden 26 Empfehlung

Die Schlagwörter "traumatisiert" und "schockiert" sing ja immer sehr schnell zur Stelle. Wahrscheinlich will man eine möglichst grosse Abfindung kassieren. Arme Welt. Antworten



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