Der schrägste Journalist der Schweiz

Vor 26 Jahren begann Etienne Dumont, seinen Körper in ein Kunstwerk zu verwandeln. Aussergewöhnlich ist auch seine Rolle in der Redaktion.

Extravaganz auf jedem Millimeter Haut: Kunstwerk Etienne Dumont.

Extravaganz auf jedem Millimeter Haut: Kunstwerk Etienne Dumont.

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Wenn einer wie ein Paradiesvogel in der Genfer Kulturszene herumspaziert, dann ist wohl auch sein Nest üppig dekoriert, denkt man. Diese Annahme erweist sich als falsch, als auf das Klingeln ein schmächtiger Mann in Jeans-Kluft und Stoffturnschuhen die Türe zu einer düsteren Wohnung öffnet. Etienne Dumont wohnt seit 31 Jahren allein in diesen Wänden. Die wenigen, mit Bedacht platzierten Stilmöbel, die alten Bilder und Stiche heben sich farblich kaum von den braunen und grauen Wänden ab. Umso bunter ist die Palette an Farben, die sich der 60-Jährige auf jeden Quadratzentimeter seiner Haut tätowieren liess.

Mit einer kleinen Tätowierung am rechten Oberarm fing 1974 alles an. Dumont, der an der Universität Genf viel mehr Energie auf den Filmclub als aufs Jusstudium verwendet hatte, trat damals eine Stelle bei der «Tribune de Genève» an. Mit grenzenloser Neugier stürzte sich der junge Journalist auf alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hatte. So kamen Fachzeitschriften aus den USA in seine Hände, die über Pioniere der Tattoo-Bewegung und der Body Art berichteten. Allerdings dauerte es 8 Jahre, bis Dumont selbst sein Aussehen grundlegend zu verändern begann – getrieben von seiner Experimentierlust, seiner Selbstverliebtheit und dem steten Verlangen, sich von den Andern zu unterscheiden.

Als Kunstkritiker der «Tribune» knüpfte er früh Kontakte zu Tattoo-Künstlern von internationalem Rang. Seinen eigenen Körper vertraute er jedoch nicht einem «dieser Künstler an, die nur ihre eigenen Vorstellungen in die Haut eines Kunden ritzen». Stattdessen studierte der Ästhet mit dem Lausanner Tätowierer Dominique Lang polynesische sowie japanische Motive und solche, die ihrer eigenen Phantasie entsprangen. Daraus entwickelten sie Schritt für Schritt das Kunstwerk, das heute Dumonts Körper von Kopf bis Fuss überzieht.

Metamorphose ohne Ende

Als die freien Hautflächen kleiner wurden, kompensierte er die schwindenden Tätowiermöglichkeiten durch Piercings sowie Implantate aus Titan und Silikon (für das Horn unter der Kopfhaut). Seine Metamorphose dauert bereits ein Vierteljahrhundert. In «Sang bleu», der international beachteten Tätowierzeitschrift des Westschweizers Maxim Büchi, schreibt Dumont: «Von einem bestimmten Punkt an, der schwierig zu bestimmen ist, setzte jede Etappe eine nächste voraus. Die Tätowierung geht endlos weiter. Die Löcher in der Haut weiten sich Millimeter um Millimeter.» Einen Schlusspunkt gebe es nicht. Aufzuhören, hiesse irgendwie sterben.

Mit viel Geduld und 45 Ringen aufsteigender Grösse dehnte Dumont zum Beispiel sein linkes Ohrenläppchen. Heute umspannt ein schmaler Hautstreifen einen Ring von 7 Zentimeter Durchmesser. Die Plexiglasscheibe zwischen Kinn und Lippe misst 38,5 Millimeter. «Das ist genau der Wert, der auf dem Thermometer Fieber anzeigt», sagt Dumont kokett.

Seit 34 Jahren schwimmt der «Tribune»-Journalist wie ein hungriger Fisch in der internationalen Kunst- und Filmszene sowie der Genfer Gesellschaft. Da nimmt er etwas Neues wahr, dort schnappt er ein Gerücht auf oder dann wühlt er in Archiven. Dumont sucht beständig Stoff für «Vite dit» (Schnell gesagt), seine tägliche Kolumne über die kleinen Widersprüche und Widrigkeiten des Alltags, und sein wöchentliches, oft überraschendes Fundstück aus der Genfer Geschichte.

«Ein Meister der Provokation»

«Etienne ist sehr produktiv und ein Meister der Provokation», sagt Chefredaktor Pierre Ruetschi über den langjährigen Mitarbeiter. In der «Tribune» nimmt sich keiner journalistisch so viele Freiheiten heraus wie Dumont. Der brillante Schreiber foutiert sich um Grundsätze wie die Trennung zwischen Nachricht und Kommentar. Wenn`s ihm beliebt, schmeichelt er Mächtigen und Einflussreichen im Kanton. Handkehrum fährt er Genfer Grössen so heftig an den Karren, dass sein Chef gesteht: «Er gibt mir mehr zu tun als ein durchschnittlicher Redaktor.»

Bei einem, der die Extravaganz in jeder Hinsicht zum Lebensstil gemacht hat, verwundert das nicht. «Ich geniesse das Privileg, noch mit 60 das Enfant terrible der Redaktion zu sein», sagt Dumont. Er spürt zwar, dass ihn die Kolleginnen und Kollegen wegen seiner andauernden Verwandlung nicht ganz ernst nehmen. Aber sie möchten ihn nicht missen, wie der Chefredaktor betont: «Etienne ist wohl ein Einzelstück, aber er gehört zum Mobiliar der „Tribune“.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2008, 10:12 Uhr



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