Der politische Profiteur der Krise
Von Verena Vonarburg. Aktualisiert am 10.08.2010 46 Kommentare
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Mit diesem anständigen, erfolgreichen Mann der Wirtschaft wäre für die FDP Staat zu machen. Goodwill zu holen im Volk, da der Industrielle den wirtschaftlichen Gutmenschen derzeit perfekt verkörpert. Er schleudert den Bankern zornige Sätze entgegen: «Abzockerei der Manager ist Verrat» und dergleichen. Das kommt an.
Es geht um Johann Schneider-Ammann, Chef der Langenthaler Ammann-Gruppe, Mitglied einer der reichsten Schweizer Familien, Präsident des Maschinenindustrieverbands (Swissmem) und seit über zehn Jahren Nationalrat der Freisinnigen. Die Wirtschaft wünscht sich ihn als Nachfolger von Hans-Rudolf Merz. Jedenfalls hat ihn Gerold Bührer, Präsident des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, schon mal in Position geschoben. Der Umworbene sagte am Sonntag in der «Tagesschau», er wolle in aller Ruhe eine Kandidatur prüfen. Das ist fast schon ein Ja. Der Sukkurs Bührers ist mehr als nur wirtschaftspolitischer Natur. Bührer und Schneider-Ammann kennen sich gut. Der Berner, selbst Economiesuisse-Vize, hatte Bührer 2006 an die Verbandsspitze geholt.
Patron und Patriot
Derzeit ist Schneider-Ammann im Fernen Osten unterwegs, er gehört der Wirtschaftsdelegation an, die Bundespräsidentin Doris Leuthard in China begleitet. Im Parlament gehört er zu den wenigen industriellen Schwergewichten. Er ist wirtschaftspolitisch einflussreich, aber keiner mit aufsehenerregenden Ideen. Schneider-Ammann profiliert sich kaum je mit Voten, die in Erinnerung bleiben. Es fehlt ihm keineswegs an Kompetenz, zuweilen aber an Fassbarkeit wie an Ausstrahlung. Er ist Patron und Patriot, spricht gern von Verantwortung, Leistung und lösungsorientiertem Handeln.
Entscheide sich die FDP-Fraktion für einen Zweiervorschlag, sagt der freisinnige Nationalrat Philipp Müller, halte er Schneider-Ammans Nomination für «reine Formsache». Wie die Linke sich seiner Kandidatur gegenüber verhalten würde, ist offen. SP-Wirtschaftsspezialistin Susanne Leutenegger Oberholzer charakterisiert den Unternehmer als sehr umgänglich, politisch aber als «knallharten Interessenvertreter».
Alles, was der 58-Jährige heute darstellt und die beträchtliche Macht, die er verkörpert, hat er sich erarbeitet: In das Familienunternehmen der Ammanns hatte er sich eingeheiratet und das «Ammann» später seinem Namen angehängt – als Product Placement sozusagen.
Unter familiärem Erwartungsdruck konnte sich der Emmentaler Tierarztsohn und studierte Elektroingenieur als erfolgreicher Schwiegersohn bewähren. Dem strengen Schwiegervater Ulrich Ammann, einem früheren Nationalrat, wollte er später auch in die Politik folgen. Im zweiten Anlauf, mit ungewöhnlich viel Geld für Plakate und Inserate, gelang 1999 das Vorhaben. Anfänglich wirkte der Nationalrat recht profillos. Wenn er Position bezog, tat er es als harter Sparer mit dem Mantra des Wirtschaftsfreisinns: weniger Steuern, weniger Staat.
Bild des moralisch sauberen Wirtschaftsmanns
Politisches Profil gewann Schneider-Ammann mit der Wirtschaftskrise. Als einer der ersten Freisinnigen begann er, die Lohnpolitik der Grossbanken zu kritisieren. Und erklärte die Steuerhinterziehung für unerwünscht. Die Sorge um die Position unseres Landes im Ausland trieb ihn seit 2008 besonders an: die Angst um die Exportfähigkeit einer Schweiz, die auf der schwarzen Liste der OECD steht. Ein logischer Positionsbezug zwar für den exportorientierten Maschinenindustrie-Lobbyisten, doch auch das Resultat eines Lernprozesses.
In der Öffentlichkeit prägte sich jedenfalls das Bild des moralisch sauberen und engagierten Wirtschaftsmanns ein. Schneider-Ammann hatte allerdings zuvor schon positiv von sich reden gemacht. Mit 10 Millionen Franken für die Rettung der Swissair-Nachfolgerin. 2007 mit Geld für die gefährdete 1.-August-Feier auf dem Rütli. Oder 2006, als er sich öffentlich mit der Pharmaindustrie über Parallelimporte stritt und mit dem Austritt von Swissmem aus der Economiesuisse drohte.
Auffallendes Schweigen
Im jüngsten innerfreisinnigen Streit um das Bankgeheimnis fiel Schneider-Ammann durch Stille auf. Beobachter werten das als Zeichen, dass er sich mit Bundesratsambitionen befasst und sich deswegen weniger exponiert.
Für den Werkplatz Schweiz wäre Johann Schneider-Ammann, so die einhellige Meinung von rechts bis links, eine gute Wahl. Er wäre, obgleich Mitte der Neunzigerjahre selbst im Verwaltungsrat der Schweizerischen Bankgesellschaft, kein politischer Handlanger der Hochfinanz. Und er ist finanziell unabhängig. «Mein Privileg ist es, Politik machen zu dürfen. Politik ist nicht mein Beruf», sagte er 2007. Gut möglich, dass sich Schneider-Ammanns Beruf bald ändern wird. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.08.2010, 22:44 Uhr
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46 Kommentare
Das Problem ist jedoch die SP Kanditatin Fau Somaruga die ebenfalls vom Kanton BE ist, und damit die besseren Karten in der Hand hat als Herr Schneider-Ammann, weil die SP bei den Bundesratswahlen zuerst am Zug ist - die Gerechtigkeit wird es schon richten. Antworten
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