Schweiz
Der alte Mann und das absolute Mehr
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 28.03.2012 97 Kommentare
Dossiers
Artikel zum Thema
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Man redet viel in der Schweiz, hat Friedrich Dürrenmatt gesagt. Es kommt einem vor, als rede die Schweiz nur noch über ihn: Christoph Blocher, gelernter Bauer, promovierter Jurist, ehemaliger Justizminister, Vizepräsident der Schweizerischen Volkspartei, Nationalrat derselben, Unternehmer, Oberst, Publizist, Kunstsammler, Familienvater, Protestant und Schweizerretter vor dem Herrn.
Heute verhandelt eine Kommission seine parlamentarische Immunität. Eine Hausdurchsuchung bei ihm gibt seit Tagen zu reden. Vorher ist es die Finanzierung seiner Partei gewesen. Zuvor ging es monatelang um seine Kritik am Nationalbank-Präsidenten. Um den Nachgang zu den Nationalratswahlen unter besonderer Berücksichtigung seiner Partei und seiner selbst. Um die Wahlen davor. Womit nur das Gröbste über die letzten Monate erwähnt ist. Was die letzten dreissig Jahre angeht, muss eine Zahl genügen: 17'800'000 Nennungen im Internet. Das sind viele für einen Mann, dessen Heimat keine Vordränger mag.
Seinen Getreuen wird immer klarer, was seine Gegner schon lange behaupten
Denn: Kann sich irgendjemand an eine Schweiz ohne so viel Blocher erinnern? Ohne dass seine Person, seine Politik, sein Vorgehen, seine Kritik oder sonst etwas von ihm die Öffentlichkeit dermassen beschäftigte? Vage glaubt man sich an Stilleperioden zu erinnern, das letzte Mal nach seiner – selbst verschuldeten – Abwahl aus dem Bundesrat. Damals hat sich Christoph Blocher zurückgezogen, tief gekränkt. Dann kehrte er zurück, dekoriert mit einer neuen, selbst versehenen Amtsbezeichnung: abgewählter Bundesrat. Er war auf einer Mission. Seither ist er auf Rache aus.
Und es wird seinen Getreuen immer klarer, was seine Gegner immer behauptet haben: dass sich bei Christoph Blocher alles nur um Christoph Blocher dreht. Oder sagen wir: nur noch. Selbstverständlich sieht er das anders, aber er sieht ja immer alles anders. Er wolle so lange weitermachen wie Konrad Adenauer, sagt er gerne. Er, der auch Winston Churchill und Franz Josef Strauss zu seinen Vorbildern zählt. Also zwei andere alte Männer, die sich überlange für unersetzlich hielten. Warum kein Nachfolger in seiner Partei gross geworden sei, hat man ihn einmal gefragt. «Weil unter einer Wettertanne nichts nachwächst», gab er zurück. Das heisst also, um in seinem Bild zu bleiben, dass er angewurzelt stehen bleibt, bis ihn einer fällt. Am besten der Holzfäller aus dem Hodler-Bild.
Es fällt ihm immer schwerer, die Fassade des Selbstlosen aufrechtzuerhalten
Aber Blocher bleibt nicht aus botanischen Gründen stehen, sondern weil er will. Weil er glaubt, nicht anders zu können. Weil er seine Interessen mit denen seiner Partei und seines Landes verwechselt (was bei ihm auf dasselbe herauskommt). Die Erfolge seiner Strategien und Parolen, das Wachstum der neoliberalen, nationalkonservativen Rechten, die Besetzung von Themen gaben ihm lange recht. Seit seiner Abwahl vor viereinhalb Jahren, seit den überraschenden Einbussen seiner Partei im Herbst, seit seinen persönlichen Niederlagen stimmt das nicht mehr. Christoph Blocher unterlag erst als Bundesrat in Bern und dann als Ständerat in Zürich. Er schaffte als Nationalratskandidat nur den zweiten Platz und verlor im zweiten Wahlgang der Ständeratswahlen sogar in seiner eigenen Gemeinde.
Seither macht seine Partei mit Intrigen und Indiskretionen von sich reden, sie zetert und täubelet. Und ihm fällt es immer schwerer, die Fassade eines Selbstlosen aufrechtzuerhalten, der sich für das Wohl des Landes winkelriedisiert. Man habe ihn schon oft totgeschrieben, wird er sagen und alles daran tun, dass ihn keiner totschweigt. So wird der Lärm um ihn weitergehen, mit den Medien als Lärmverstärker. Die nächste Unflätigkeit, Konfrontation, Wahl, Nichtwahl, Initiative und Abstimmung kommt bestimmt. Ein mächtiger alter Mann ist besessen von seinen Ansprüchen, in denen sich immer weniger wiedererkennen. Das alles kommt einem sinnlos vor. Mühsam, anstrengend auf unkreative Art, politisch irrelevant, psychologisch neurotisch. Man fühlt sich blochermüde. Er solle doch seine Memoiren schreiben, würde man ihm am liebsten raten. Graute einem nicht schon vor dem Titel: «Wie recht ich doch hatte». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.03.2012, 18:04 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
97 Kommentare
Schweiz
- 13:37Walliser Wahlschlachten im Hinterkopf?
- 09:38Krankenkassen sollen Rauchstopp bezahlen
- 06:44Die Neat funktioniert nur, wenn die Schweiz in Italien investiert
- 06:20Trotz Gerichtsurteil werden weitere Zweitwohnungen gebaut
- 23:18Flüchtlinge leben immer gefährlicher
- 19:49Bundesrat verabschiedet Vier-Meter-Korridor am Gotthard
Online-Wettbewerb
Wir feiern - Sie profitieren. Einen Tag lang freie Fahrt ab CHF 25.- mit Bahn, Bus und Schiff im gesamten BLS-Gebiet.
Abopreise vergleichen
Der Handy-Abovergleich mit Ihrem gewünschten Mobiltelefon und Prepaid-Angeboten.


Bitte warten

























