Schweiz

Der Zwang zum Strassenbau

Der Bund muss Milliarden für die Beseitigung von Verkehrsengpässen ausgeben. Diese werden auch durch das Wettrüsten des Detailhandels mitverursacht.

Grosse Verkehrstreiber: Einkaufszentren in Kreisel- oder Autobahnnähe.

Grosse Verkehrstreiber: Einkaufszentren in Kreisel- oder Autobahnnähe.
Bild: Keystone

Die Fertigstellung des Nationalstrassennetzes, die Beseitigung von Verkehrsengpässen und der Unterhalt der Hauptstrassen im Berggebiet kosten viel Geld. Allein die Fertigstellung des Nationalstrasse wird, inklusive Anteil der Kantone, gegen 14 Milliarden Franken verschlingen. Die Mittel dafür kommen aus einem speziellen Topf, dem Infrastrukturfonds. Weil die Gelder des Fonds aber nicht für alle Projekte reichen, braucht der Fonds jetzt einen finanziellen Zustupf. Das gibt zu reden.

Der Zürcher CVP-Nationalrat Urs Hany, Mitglied der Verkehrskommission, fragt im letzten Pressedienst der Partei, ob die wachsenden Mobilitätsbedürfnisse in Zukunft noch erfüllt werden könnten. Hany meint, mit der Revision der Raumplanung müssten auch wegweisende Entscheide zur Eindämmung der Mobilität gefällt werden. Aber während sich Experten den Kopf zerbrechen über nachhaltige Raumplanungskonzepte, schafft die Wirtschaft schon neue Sachzwänge, welche die Probleme verschärfen.

Wettrüsten auf der grünen Wiese

So sind publikumswirksame Anlagen erwiesenermassen grosse Verkehrstreiber. Obwohl es davon mehr als genug gibt, ist hier weiterhin ein grosses Wettrüsten im Gange – angeheizt durch den Markteintritt der beiden deutschen Discounter Aldi und Lidl. Lidl hat in der Deutschschweiz bereits 29 Filialen und will 2010 die Zahl seiner Niederlassungen verdoppeln. Seit vier Jahren ist Aldi in der Schweiz präsent, hat bisher 113 Filialen eröffnet und will auch in Zukunft weiter expandieren.

Aldi und Lidl sind besonders stark auf den Privatverkehr ausgerichtet. Das zeigen auch Umfragen des Markforschungsinstituts GFK zum Einkaufsverhalten und zur Kundenzufriedenheit. Zu Aldi und Lidl gehen Schweizer in erster Linie einkaufen, weil sie dort komfortable Parkplätze in ausreichender Anzahl vorfinden. Weil die Verkaufsfläche der beiden Discounter unter jener gesetzlichen Schwelle liegt, ab der eine Umweltverträglichkeitsprüfung verlangt wird, stösst sie kaum auf Widerstand.

Immer mehr Tankstellenshops

Im Windschatten von Aldi und Lidl rüsten inzwischen auch die Tankstellenshops auf – und bauen immer grössere Einkaufsläden. Damit lassen sich zum Beispiel die Ladenöffnungszeiten elegant umschiffen, weil die Shops abends und am Sonntag offen haben. Laut den Statistiken der Erdölvereinigung gab es 2009 1316 Shops – rund 16 mehr als vor einem Jahr. Es gebe auch einen generellen Trend hin zu grösseren Ladenflächen.

Auch die Ausbaupläne grosser Detaillisten(Migros, Coop usw.) treiben das Wachstum der Verkaufsflächen in der Schweiz weiter in die Höhe. Vor knapp einem Jahr wurde bekannt, dass insgesamt 820'000 Quadratmeter zusätzliche Flächen in Planung seien. Das entspricht der Grösse von 140 Fussballfeldern. Vor allem aber sind laut Branchenexperten bei der Expansion des Detailhandels Standorte in Kreisellagen, in Autobahnnähe und an der Peripherie von Agglomerationen immer wichtiger.

Freizeit- und Einkaufsverkehr hat hohe Zuwachsraten

Darum ist es nicht verwunderlich, dass der Verkehr nicht am Gotthard am dichtesteten ist (Oster-und Pfingstverkehr ausgenommen), sondern in den Agglomerationen um Zürich, Basel, Bern. Wachsende Tankstellenshops, Einkaufszentren in Kreisellagen, all das hat Auswirkungen auf die Verkehrsentwicklung. Der motorisierte Freizeits- und Einkaufsverkehr ist denn auch inzwischen für einen Drittel des gesamten Strassenverkehrs verantwortlich. Und in den kommenden Jahren wird dieser Bereich um 2 bis 3 Prozent jährlich weiterwachsen.

Jeder Versuch, hier Gegensteuer zu geben, wie dies zum Beispiel der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) mit Einsprachen gegen verkehrstreibende publikumswirksame Anlagen versuchte, endete in einem nationalen Lamento von Politik und Wirtschaft über die wirtschaftsschädigende Politik der Umweltverbände und Einsprecher. Die FDP lancierte wegen diesen Einsprachen sogar eine Volksinitiatiative zur Abschaffung des Verbandsbeschwerdereches, fiel damit bei den Stimmbürgern jedoch durch. «Jede Gemeinde will neue Wohnüberbauungen, neue Industriezonen, neue Gewerbebauten. Und so wurde und wird freudig eingezont», sagt VCS-Präsidentin Franziska Teuscher.

Hinterher muss der Bund mit Milliarden die Verkehrsengpässe beseitigen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.04.2010, 13:33 Uhr

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