Schweiz

Der Treibstoff des Fortschritts

Von Dario Venutti, Daniel Di Falco. Aktualisiert am 17.03.2011 16 Kommentare

Heute führen Linke und Umweltschützer die Bewegung gegen AKW an. Früher versprachen auch sie sich von Atomenergie eine paradiesische Zukunft.

«Sie beflügelten die Idee des ewigen Wachstums»: Die Atomenergie wie sie das AKW Mühleberg liefert.

«Sie beflügelten die Idee des ewigen Wachstums»: Die Atomenergie wie sie das AKW Mühleberg liefert.
Bild: Keystone

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«Die Atomenergie wird in einer blauen Atmosphäre des Friedens aus Wüsten Fruchtland, aus Eis Frühling schaffen», schrieb Ernst Bloch in seinem Werk «Das Prinzip Hoffnung». Was der linke Philosoph in den Fünfzigerjahren mit Pathos formulierte, spiegelt die generelle Haltung der Politik in den beiden ersten Nachkriegsjahrzenten: Atomkraftwerke sollten für die Industriegesellschaft das leisten, was das Penizillin der Medizin gebracht hatte — eine Zeitenwende. «Sie beflügelten die Idee des ewigen Wachstums und versprachen unerschöpfliche, fast kostenlose Energie», sagt der Historiker Patrick Kupper. Ausdruck dieses Fortschrittsoptimismus ist das Atomium in Brüssel, das anlässlich der Weltausstellung 1958 errichtet wurde.

Nach der Erfahrung von Hiroshima und Nagasaki und auf dem Hintergrund des Kalten Krieges entstand in Europa eine Anti-Atomwaffen-Bewegung. Diese verband ihre Kritik an der Atombombe allerdings mit einer ausdrücklichen Zustimmung zur friedlichen Nutzung der Atomenergie. Auch die linke Kapitalismuskritik wandte sich nicht gegen die neue Technologie, sondern sah in ihr ein Vehikel zur Befreiung aus Armut und Rückständigkeit.

In der Schweiz war der SP-Bundesrat Willy Spühler eine treibende Kraft hinter dem Bau des ersten Atomkraftwerks. Als Energieminister setzte er einen Vorschlag durch, der den Übergang von der Wasserkraft zur Atomenergie vorsah. Im Jahr 1964 beschlossen die Nordostschweizerischen Kraftwerke den Bau von Beznau I.

Kritik nur von ganz rechts

Die Naturschutzorganisation Pro Natura stand damals hinter dem Entscheid des Bundesrats. Sie wollte keine weiteren Wasserkraftwerke, weil sie Landschaftsschäden durch deren Bau befürchtete. Und weil thermische Kraftwerke die Luft verunreinigen, hiess es in einer Stellungnahme 1966, «unterstützen wir den Schritt zur Atomenergie». Aus grüner Sicht waren Atomkraftwerke damals eine saubere Technologie zur Energiegewinnung.

Im deutschsprachigen Raum durchbrach damals der Weltbund zum Schutze des Lebens den Konsens. Die Organisation, die auch in der Schweiz einen Ableger hatte, war das Sammelbecken der ersten Anti-AKW-Aktivisten. Sie wurde 1958 vom Österreicher Günther Schwab gegründet, einem ehemaligen Nationalsozialisten. Schwab, der Beziehungen zu rechtsextremen Gruppen unterhielt, stellte in seinen Büchern die Atomenergie als Teufelswerk dar.

Schon Jahre vor den Katstrophen in Harrisburg (1979) und Tschernobyl (1986) galt der Bau neuer Atomkraftwerke aber nicht mehr als selbstverständlich. Skepsis entstand weniger wegen der Gefahren der Atomenergie, vielmehr weil die Gewissheiten der Nachkriegsjahre hinterfragt wurden. Ausgelöst durch den Bericht «Grenzen des Wachstums» des Club of Rome aus dem Jahr 1972 entstanden neue Umweltorganisationen und wurden Bücher geschrieben, die eine düstere Zukunft prophezeiten. «Das Vertrauen in den Fortschritt, in die Macht der Experten und Planbarkeit der Zukunft schwand», sagt der Historiker Kupper.

Bei keinem andern Thema wurde die Debatte, ob Fortschritt überhaupt sinnvoll und Technik ein Segen sei, in Westeuropa so leidenschaftlich geführt wie bei der Atomenergie.

Am sichtbarsten war dies in der Schweiz im Konflikt um Kaiseraugst. 1975 besetzten Aktivisten das Gelände, wo ein neues Atomkraftwerk gebaut werden sollte. Der Protest weitete sich zur Massenbewegung aus, an der phasenweise Zehntausende Menschen teilnahmen. Drei Jahre später beschloss die SP den Ausstieg aus der Atomenergie, und dies gegen den Willen des damaligen Bundesrats und Energieministers Willy Ritschard. 1989 gab der Bund sein Projekt in Kaiseraugst definitiv auf.

Keine Mehrheit für Ausstieg

Die Kritik an der Atomtechnologie geht heute über linke und grüne Kreise hinaus. Trotzdem sind alle Initiativen, die einen Ausstieg aus der Atomenergie gefordert haben, bisher gescheitert, wenn auch nur knapp, 1979 etwa mit 49 Prozent. 1990 wurde immerhin ein Moratorium von 10?Jahren beschlossen, in denen keine neuen AKW gebaut werden sollten. Bis zur möglichen Katastrophe in Japan stieg das Ansehen der Atomenergie in den letzten Jahren. Angesichts des Klimawandels gilt die Technologie wieder als sauber, trotz ungelöstem Abfallproblem. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2011, 23:02 Uhr

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16 Kommentare

Roman Loosli

18.03.2011, 10:51 Uhr
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Die Rechte hat nun Panik. Nun wir alles ausgegraben was zu finden ist. Aha, vor 50 Jahren war ein Linker für Atomkraft... Die Letzten 30 Jahre waren aber alle Linken dagegen. Ich denke das zählt mehr. Ich finde es lausig nun die schlecht hinzustellen, welche sich Jahrelang dagegen eingesetzt haben. Ich verstehe die Panik. ... Antworten


Ulrich Kaiser

18.03.2011, 07:47 Uhr
Melden

Pflicht, Gesetze, Abgaben, Zwang, Vorschriften, neue Steuern, Kontrollen. Ich denke ich bin der einzige Mensch in der Schweiz, der langsam die Nase voll hat von immer mehr Staat. AKWs hin oder her, es muss ohne immer mehr Belastungen für den Bürger gehen. Antworten



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