Schweiz

Der Steuerstreit treibt seltsame Blüten

Ein Kommentar von Patrick Marcolli. Aktualisiert am 16.04.2012 23 Kommentare

Das Steuerabkommen verkommt zum deutsch-schweizerischen Medientheater: Wie sich Politik und Medien mit Klischees und Vorurteilen geradezu überbieten.

Kritisiert den Bericht im «Sonntag»: Investigativjournalist Hans Leyendecker. (Archivbild)

Kritisiert den Bericht im «Sonntag»: Investigativjournalist Hans Leyendecker. (Archivbild)
Bild: AFP

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Der Anruf aus dem Finanzministerium in Düsseldorf kam zu einer ungewohnten Zeit: am Samstag, am späteren Nachmittag. Sehr ungewöhnlich war auch der Anlass: Die Sprecherin des nordrhein-westfälischen Finanzministers Norbert Walter-Borjans (SPD) wies den BaZ-Korrespondenten auf einen Artikel in der «Süddeutschen Zeitung» vom gleichen Tag hin. Darin beschreibt Hans Leyendecker, investigativer Journalist von grossem Renommee, unter dem Titel «Soufflé am Sonntag» den Rechercheversuch eines Journalisten der Zeitung «Sonntag» («Aargauer Zeitung»).

Letzterer hatte am Donnerstag unter dem Namen «Herr Sonntag» – was allein als Methode fragwürdig ist – im Finanzministerium in Düsseldorf angerufen, sich als Mittelsmann ausgegeben und angeboten, eine CD mit Daten von deutschen Bankkunden in der Schweiz zu verkaufen. Das Finanzministerium zeigte sich sehr interessiert. Viel mehr gab die Geschichte nicht her. Doch der «Sonntag» hatte seinen Aufhänger und das Finanzministerium in Düsseldorf seinen Aufreger.

Absurd und erkenntnisarm

Deshalb der Anruf beim BaZ-Korrespondenten in Berlin: In Nordrhein-Westfalen war man offensichtlich sehr interessiert, dass die Schweizer Journalisten den Text von Leyendecker zu lesen bekamen. Dieser nämlich machte sich reichlich lustig über die Bemühungen des Aargauer Kollegen: Bereits in der Unterzeile wurde süffisant bemerkt, der Journalist habe «alles erfahren, was man schon wusste». Somit ist klar: Leyendecker übernahm weitestgehend die Position der nordrhein-westfälischen Behörden. Es ist wohl mehr als eine Vermutung, dass er den Tipp für diese Geschichte aus dem Umfeld der Steuerfahnder und des Ministeriums erhalten hatte, das die Story des «Sonntag» sozusagen vorentschärfen wollte. Im «Sonntag» selbst wird nebenbei genüsslich auf die Nähe Leyendeckers zu den Steuerbehörden verwiesen.

So absurd und inhaltlich erkenntnisarm diese Geschichte letztlich ist: Die Art, wie von den Medien und den Behörden hüben wie drüben im Steuerstreit agiert wird, ist besorgniserregend. Darauf weist Hans Leyendecker zu Recht hin und nennt es «deutsch-schweizerisches Medientheater». Eine vor allem juristische und politische Auseinandersetzung wird zur hoch emotionalen Angelegenheit zwischen zwei ungleichen Nationen gemacht. Da sind längst überwunden geglaubte Vorurteile zur Hand.

Mediale Übertreibungen und theatralisch aufbereitete Skandälchen

Kleines Klischeebeispiel: Laut dem Gesprächsprotokoll, das im «Sonntag» wiedergegeben ist, hat der Journalist zu Beginn des Telefonats mit dem Ministerium «Grüss Gott» gesagt. Allein mit dieser Grussformel hätte den Deutschen offenbar klar gemacht werden sollen, dass es sich um einen echten Schweizer handelt. Leyendecker wiederum wusste, dass «der Schweizer Anrufer häufig ein bei den Eidgenossen typisches ‹oder› eingestreut» habe: Er, der über das «Medientheater» reflektiert, transportiert selbst Klischees.

Diese Episode passt bestens in eine ganze Reihe von medialen Übertreibungen und theatralisch aufbereiteten Skandälchen rund um das umstrittene Steuerabkommen, ums Bankgeheimnis und um deutsche Steuerfahnder. Umso dringender ist eine Lösung des Streits geboten.

Erstellt: 16.04.2012, 11:46 Uhr

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23 Kommentare

Alois Krieger

16.04.2012, 12:39 Uhr
Melden 52 Empfehlung 0

"Umso dringender ist eine Lösung der Streits geboten"? Wie kommen Sie darauf? Die Schweiz sollte sich gut überlegen, welche Zugeständnisse sie Deutschland macht. Die EU kann dann mit neuen Forderungen kommen, die Zugeständnisse an Deutschland gelten dann als Verhandlungsgrundlage. Diese Staaten brauchen Geld, wir verlieren bei einer Verschiebung nicht viel. Antworten


Helga Hanson

16.04.2012, 13:03 Uhr
Melden 50 Empfehlung 0

Leider kann ich diesen Beitrag überhaupt nicht verstehen. Recherchen, beide Artikel sowohl in der Süddeutschen, als auch in der Aargauer Zeitung 'Sonntag' aufzuspüren, bringen keinerlei Ergebnisse. Lieber Tages-Anzeiger, haben Sie sich da etwas ausgedacht, um die Debatte aufrechtzuerhalten? Vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen. Auch sonst ein sehr verwirrter Artikel. Antworten



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