Schweiz

Der Neo-CVP-Politiker sieht sich als Mann für brenzlige Fälle

Von Jürg Ackermann. Aktualisiert am 07.11.2011 19 Kommentare

Als Neffe von Ex-Bundesrat Kurt Furgler kam Michael Hüppi früh mit der Politik in Kontakt. Dennoch trat er erst vor wenigen Monaten der CVP bei, für die er nun in den Ständerat will.

«Mehr Brückenbauer als Polterer»: Michael Hüppi beantwortet Fragen an der Jugendsession im Regierungsgebäude in St. Gallen.

«Mehr Brückenbauer als Polterer»: Michael Hüppi beantwortet Fragen an der Jugendsession im Regierungsgebäude in St. Gallen.
Bild: Keystone

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Der erste Kontakt mit Bundesbern liegt schon über 40 Jahre zurück. Stolz sei er gewesen, als ihn sein Onkel am Bahnhof Bern abgeholt und später durch die «Heiligen Hallen» von Regierung und Parlament geführt habe, sagt der heute 55-jährige Michael Hüppi. Das habe ihn bereits damals als Sekundarschüler beeindruckt: dass in der Schweiz ein amtierender Bundesrat mit seinem Neffen unbewacht durch die Hauptstadt schlendern könne.

Der Schatten von Kurt Furgler ist lang: Mit 31 Jahren schaffte es der St. Galler CVP-Übervater in den Nationalrat, mit 47 in den Bundesrat, wo er 15 Jahre lang Spuren hinterliess. Sein Neffe entdeckte die politische Berufung trotz familiärer Prägung spät. Erst vor ein paar Monaten trat er der Partei bei und liess sich für den Nationalrat aufstellen. Auf einer von zwei CVP-Listen erreichte er den ersten Ersatzplatz.

«Mann mit Herz und Födle»

Nun will Michael Hüppi in den Ständerat. Es wäre allerdings eine Überraschung, wenn der Quereinsteiger am 27. November vom Stand aus ins Stöckli gewählt würde. Denn die Wahl in den Ständerat gilt noch immer als Krönung einer politischen Karriere, die meist als Stimmenzähler, Ortsparteipräsident oder Gemeinderat begann. Ständeräte könnten ihren Kanton nur dann wirkungsvoll vertreten, wenn sie auf ein etabliertes Beziehungsnetz zu den wichtigsten Exekutivvertretern ihrer Kantone, aber auch zu anderen Parteien abstützen könnten, so die landläufige Meinung. In St. Gallen kommt die hochkarätige Gegnerschaft hinzu. SP-Kandidat Paul Rechsteiner sitzt seit 25 Jahren im Parlament, ist einflussreicher Gewerkschafter und sozialpolitischer Leader. Toni Brunner wurde als bisher jüngster Nationalrat 1995 ins Amt gewählt und präsidiert seit 2008 die SVP. Beide verfügen über exzellente Beziehungsnetze in Bundesbern.

Quereinsteiger Hüppi lässt sich jedoch durch solch schwierige Konstellationen nicht entmutigen. Er rechnet anders: Wenn die Mitte inklusive FDP, die sich im zweiten Wahlgang nach der glanzvollen Wahl Keller-Sutters vorbehaltlos hinter den CVP-Mann stellt, einigermassen geschlossen für ihn stimme, müsse es reichen. Und: Er sei schon immer der Mann für brenzlige Situationen gewesen. Auch das Präsidentenamt beim FC St. Gallen habe er 2008 in einer schwierigen Situation (nach dem Abstieg) und als Quereinsteiger übernommen. «Es hat geklappt. Der Hüppi ist ein Mann mit Herz und Födle», sagt er und lacht. Die Politik brauche mehr denn je Brückenbauer statt Polterer.

Alleinerziehender Vater

Was er auf der politischen Ochsen-Tour verpasste, habe er durch Lebenserfahrung wettgemacht, glaubt Hüppi. Als gut vernetzter Wirtschaftsanwalt, als Verwaltungsrat von diversen KMU, als Präsident des FC St. Gallen. Aber auch durch private Schicksalsschläge: Als seine Kinder neun und elf Jahre alt waren, wurde Hüppi nach dem Tod seiner Frau zum alleinerziehenden Vater.

Im fünften Stock seiner Anwaltskanzlei im Herzen von St. Gallen skizziert er, wie es zu seiner überraschenden Kandidatur kam. Nachdem er am Fernsehen erfahren habe, dass CVP-Parteikollege Eugen David wegen seines enttäuschenden Resultates nicht mehr zum zweiten Wahlgang antrete, habe ihn der Parteipräsident am nächsten Morgen angerufen und gefragt: «Michael, machst du es?» Hüppi dachte fünf Stunden nach – und sagte zu.Es musste schnell gehen. Nach den Absagen von Regierungsrat Martin Gehrer und Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz blieben der CVP nicht mehr viele Optionen. Nun versucht die Partei ihren traditionellen St. Galler Ständeratssitz zu retten, indem sie den politisch unerfahrenen Hüppi konsequent als Mann der Mitte verkauft – als «Lösungsschmied», der im Ständerat die Interessen des Kantons vor diejenigen der linken Gewerkschaften (Rechsteiner) oder der rechten SVP (Brunner) stellt. Er wolle frischen Wind nach Bern bringen, sagt Hüppi, dem insbesondere die Interessen der Wirtschaft am Herzen liegen.

Hilfe vom Fernsehbruder

Die politischen Gegner geben sich unbeeindruckt und schiessen aus allen Rohren. Vor allem die SP. Man habe doch nicht den eigenen Kandidaten zurückziehen können, wenn die CVP einen Nobody wie Hüppi aufstelle. Michael Hüppi ist sich gewohnt, einzustecken. Als er für den notleidenden FC St. Gallen vor einem Jahr finanzielle Unterstützung bei der Politik suchte, erntete er viel Hohn und Spott und noch mehr Absagen. Dass er sich damals abschätzig über Politiker äusserte («sie stehen in der ersten Reihe, wenn es Gratis-Tickets gibt, wollen aber nichts für den FC tun»), wird ihm nun zuweilen im Wahlkampf wieder vorgeworfen.

Wie die ganze Familie wurde er früh mit dem Virus Fussball infiziert. Vater Hüppi – auch er ein Anwalt – hatte bei den legendären Stadtderbys des FC St. Gallen gegen den SC Brühl in den 60er-Jahren jeweils eine Bockleiter ins Espenmoos mitgenommen, damit die beiden Knirpse etwas vom Spiel mitbekamen. In jeder freien Minute spielte Michael Fussball mit seinem Bruder Matthias, der seit Jahrzehnten Sportmoderator beim Schweizer Fernsehen ist.

Die Jugendzeit im St. Galler Nobelquartier Rotmonten sei schön, aber nicht über die Massen privilegiert gewesen, sagt der Neo-CVP-Politiker: «Das Geld für das Rennvelo musste ich mir mit Ferienarbeit in einer Metzgerei verdienen.» Er sei zwar in einem klaren CVP-Milieu aufgewachsen, heute aber ein freier Geist, so Hüppi. Der Kontakt zwischen den Brüdern ist noch heute eng. Matthias Hüppi gibt seinem älteren Bruder zuweilen Tipps, wie er sich gegenüber Medien verhalten soll. «Wir telefonieren regelmässig.» Das hat der politisch unerfahrene Ständeratskandidat jetzt besonders nötig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2011, 07:34 Uhr

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19 Kommentare

Eron Thiersen

07.11.2011, 07:56 Uhr
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Hüppi ist bekannt in Zusammenhang mit dem FC St.Gallen + AFG-Arena ... ein Debakel sondergleichen. In St.Gallen ist die CVP weit verbreitet, schaut man sich die Finanzlage des Kantons an wird einem schlecht. Antworten


Xaveer Inderbitzin

07.11.2011, 08:41 Uhr
Melden 28 Empfehlung 0

Toni Brunner wird sich freuen, wenn er einen solchen politisch unerfahrenen Gegenkandidaten bekommt. Antworten



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