Schweiz

Der Graben verläuft zwischen den Zentren und den Vorstädten

Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 15.02.2011

Bei der Waffenschutzinitiative wurden die Städte vom Land überstimmt. Den Ausschlag gaben aber die Agglomerationen.

Wo das Dorf auf die Stadt trifft: Tscharnergut in Bern-Bethlehem.

Wo das Dorf auf die Stadt trifft: Tscharnergut in Bern-Bethlehem.

Nicht mehr der Röstigraben, sondern die Stadt-Land-Kluft dominiert die eidgenössischen Abstimmungen. Politologe Claude Longchamp konstatierte am Sonntag den «grössten Stadt-Land-Gegensatz der letzten 20 Jahre». In den Städten stimmten 60 bis 70 Prozent für die Waffenschutzinitiative, in ländlichen Gebieten erreichte der Nein-Anteil bis zu 90 Prozent. Für den Zürcher Politologieprofessor Daniel Kübler verlaufen die Fronten jedoch nicht zwischen Stadt und Land, sondern zwischen den Vor- und Kernstädten. «Es handelt sich nicht um einen Güllengraben. Nur noch ein Viertel der Bevölkerung lebt effektiv auf dem Land.» Als Beispiel für den Vorstadt-Kernstadt-Graben nennt Kübler Zürich. Die Stadt stimmte der Waffenschutzinitiative zu, grosse Agglomerationsgemeinden wie Schlieren und Dietikon lehnten sie ab. Im Kanton St. Gallen blieb die Hauptstadt die einzige zustimmende Gemeinde. Die Stadt Bern war mit 66 Prozent für die Initiative und mit diesem hohen Ja-Anteil die Ausnahme im Kanton, auch wenn noch einige andere Gemeinden zustimmten.

Reiche und arme Vorstädte

Kübler unterscheidet zwischen «armen» und «reichen» Agglomerationsgemeinden, zwischen Goldküste und Limmattal. «In den armen Vorstädten sitzen die Globalisierungsverlierer, die stark zur SVP tendieren.» Im Fall der Waffenschutzinitiative hätten sich bürgerlich-liberale Nein-Stimmen der reichen Vororte und national-konservative Nein-Stimmen der armen Vorstädte addiert. Zusammen mit dem Nein der ländlichen Regionen wurden die grossen Städte überstimmt. Kübler rechnet damit, dass sich der politische Graben und damit die Interessenskonflikte zwischen Kern- und Vorstädten noch verstärken werden. Den Grund sieht er in einer Segregation: Steigende Mieten in den Zentren vertreiben immer mehr auch Mittelstandsfamilien in die Agglomerationen und verstärken dort das SVP-Lager. «Und das politische Umfeld in der Agglomeration prägt das Denken dieser Zugezogenen.»

Allerdings heisst das nicht, dass die links-grünen Kernstädte immer zu den Verlierern gehören wie bei der Waffenschutz-, Ausschaffungs- oder Minarettinitiative. Geht es nicht nur um Modernisierung oder Öffnung, sondern gleichzeitig um wirtschaftliche Interessen, verbünden sich die grossen Städte mit den reichen Agglomerationsgemeinden. So geschehen bei der Personenfreizügigkeit oder bei der Schengenvorlage.

Das Stadt-Land-Gefälle manifestierte sich bei der Waffenschutzinitiative vor allem in der Deutschschweiz, allerdings existiert es auch in der Romandie: Lausanne stimmte der Initiative mit 65 Prozent zu, das Waadtländer Garnisonsstädtchen Payerne lehnte sie mit 64 Prozent ab. Im Unterschied zur Deutschschweiz stimmten jedoch sowohl in der Waadt wie im Kanton Genf die Agglomerationsgemeinden gleich wie die Kernstädte für die Waffenschutzinitiative.

Im Geiste Landbewohner

Jo Lang, Mitinitiant und grüner Zuger Nationalrat, teilt Küblers Analyse weitgehend. Aber er sieht den Grund für die Zugkraft national-konservativer Argumente in der Mentalität und nicht in der materiellen Situation der Vorstädter begründet. «Die Menschen in den Agglomerationen sind Städter mit der Sehnsucht, Landbewohner zu bleiben.»

Das Stadt-Land-Gefälle ist kein neues Phänomen, doch haben sich die Vorzeichen verschoben. So waren in der Zeit der Überfremdungsinitiativen der 70er und 80er Jahre die Städter skeptischer gegenüber der Einwanderung als die ländliche Bevölkerung. Politgeograf Michael Hermann begründet dies damit, dass damals die Schweizer Arbeiterschicht, die durch ausländische Zuwanderer konkurrenziert wurde, noch vorwiegend in den Städten wohnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2011, 07:03 Uhr

Schweiz

Populär auf Facebook Privatsphäre


Genusswelt

Besuchen Sie unsere Genusswelt und entdecken Sie die Welt des Genuss!

Fernstudentin an der FFHS

Award für beeindruckende Weiterbildungsbiografie

Nicht von dieser Welt!

Entdecken Sie die arabische Märchenwelt aus 1001 Nacht!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.