Schweiz
Der Boom-Kanton, das Stück Land und ein Bauer, der sich verweigert
Aktualisiert am 15.09.2012 54 Kommentare
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Philipp Freimann beeindruckt; sogar der englische «Telegraph» berichtet über den Bauern aus Zug, der «ohne zu zögern» ein Millionenangebot für ein Stück Land ausschlug. Die Zeitung hat eine Reportage des Nachrichtenmagazins «Bloomberg» über den Boom-Kanton aufgegriffen. Darin wird der 36-Jährige als überzeugter Gegner des ständigen Wachstums in seinem Heimatkanton gezeigt. «Der Boom hat in Zug seine Grenzen erreicht. Irgendwo gehört heute Zug den Zugern nicht mehr», wird der Bauer zitiert.
Spektakuläres Detail: Auf geschätzte 30 Millionen Franken soll Freimann verzichtet haben, weil er Weideland nicht umzonen lassen wollte. Das war 2009. Seither ist der Biobauer in der Presse zu so etwas wie dem Inbegriff für die Gegensätze in Zug geworden: da internationale Konzerne und Bauwut, dort der Biobauer und entfremdete Einheimische. Ganz so spektakulär sieht Philipp Freimann die Sache selber dann nicht. Gegenüber DerBund.ch/Newsnet meint er: «Anlässlich der Raumplanungsrevision wollte die Stadt unser Land damals zur Übergangszone machen. Später wäre es dann unter Umständen zur Bauzone geworden.» Dann wäre natürlich irgendwann ein möglicher Verkauf zum Thema geworden. «Es war aber keinesfalls so, dass mir jemand tatsächlich dieses Geld auf den Tisch gelegt hat.»
«Nein, wir wollen diese Bauerei nicht!»
Das Land habe einst seinem Grossvater gehört und sei nach dessen Tod an eine Erbengemeinschaft gegangen, der er auch angehöre, erzählt Freimann. «Um das Land verkaufen zu können, hätte schlussendlich die Erbengemeinschaft als Ganzes einverstanden sein müssen.» Auch die 30 Millionen Franken müsse man mit Vorsicht geniessen, meint der 36-Jährige weiter. Es sei damals einfach mal angenommen worden, dass an dieser Lage der Quadratmeter 2000 Franken erzielen könnte. «Ob das eine realistische Einschätzung ist, das ist eine andere Frage.»
Dennoch ist sich Freimann bewusst, dass die Signalwirkung des Entscheids der Erbengemeinschaft enorm war: «Plötzlich war da eine Privatperson, die gesagt hat: ‹Nein, wir wollen diese Bauerei nicht!›» Das zeige schon das mediale Interesse, dass die Sache nach sich gezogen habe. Ihm liege die Stadt Zug, seine Heimat, nun einmal am Herzen, so der Bauer weiter gegenüber DerBund.ch/Newsnet. «Für mich war die Aufmerksamkeit dann eine einmalige Möglichkeit, immer wieder einmal etwas zum Thema Wachstum zu sagen.» Mittlerweile sehe man in Zug aber, dass sich das Pendel langsam in eine andere Richtung bewege. Immer mehr Leute glaubten, dass nicht zu bauen dem Kanton auf die Dauer mehr bringe.
Expats und explodierende Immobilienpreise
Losgetreten wurde der Bauboom durch den starken Anstieg von Arbeitnehmern ausländischer Konzerne. Niedrige Unternehmenssteuern lockten seit den 1950ern beinahe 30'000 ausländische Unternehmen nach Zug, schreibt «Bloomberg». Neben zahlreichen Rohstoffhändlern haben sich in dieser Zeit auch globale Unternehmen wie der Biotech-Konzern Amgen oder der Technologieriese Siemens im Kanton niedergelassen. Das Bevölkerungswachstum führte wieder zu einer regelrechten Explosion bei den Preisen auf dem Immobilienmarkt. Ein durchschnittliches Einfamilienhaus kostet in Zug 1,56 Millionen Franken, das Doppelte des Schweizer Durchschnitts.
Heute leben rund 115'000 Personen im Kanton, knapp 15'000 mehr als vor zehn Jahren. Fast jeder dritte Bewohner der Stadt Zug stammt aus dem Ausland. Die Zunahme der sogenannten Expats sowie deren offenbar häufiger Unwille, sich in der Gesellschaft zu integrieren, haben das Klima in Zug abkühlen lassen. Urs Raschle, Geschäftsführer von Zug Tourismus, kommentiert die Situation gegenüber «Bloomberg»: «Die Atmosphäre zwischen Einheimischen und Expats wird spürbar schlechter. Immer mehr Ausländer kommen ohne Familie nach Zug, und die sehen gar keinen Grund, sich unter die einheimische Bevölkerung zu mischen.»
Schaffen von preisgünstigen Wohnungen
Dem Zuger Regierungsrat ist das starke Bevölkerungswachstum des Boom-Kantons denn auch zu viel geworden. Ende August reduzierte er im Richtplan den «Bevölkerungs-Zielwert» für das Jahr 2020 von 127'000 auf 124'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Die Gemeinden sollen in ihren nächsten Ortsplanrevisionen keine substanziellen Neueinzonungen vornehmen. Falls das Wachstum in einzelnen Gemeinden trotzdem grösser ausfalle, solle dies durch bauliche Verdichtung nach innen aufgefangen werden.
Auch will man weiteren «unerwünschten Nebenwirkungen» des überdurchschnittlichen Wachstums der letzten Dekade beikommen. Das Ziel des Regierungsrates, dass breiten Bevölkerungskreisen preisgünstiges Wohnen ermöglicht wird, soll mit einem eigenen Kapitel im Richtplan verankert werden. Vorgesehen sind zudem Massnahmen zur Schonung der Landschaften und der natürlichen Ressourcen. Philipp Freimann steht dem Massnahmenkatalog des Regierungsrats skeptisch gegenüber. Er ist der Meinung, es bedürfe bahnbrechenderen Entscheiden, damit sich die Lage am Immobilienmarkt beruhige.
Tatsächlich hat Zug seine Kapazitätsgrenze längst erreicht. Während sich der Kanton nun Gedanken über eine Abschwächung des Booms macht, arbeitet man im benachbarten Luzern daran, die Position der Zuger zu übernehmen; die Körperschaftssteuer wurde bereits unter das Niveau von Zug gesenkt. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.09.2012, 18:46 Uhr
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54 Kommentare
Gratulation und weiterhin viel Mut und Ausdauer an den Biobauer Freimann. Lang lebe die glorreiche Natur der schönen Schweiz.
Wenn es nicht solche Leute wie diesen Biobauer gäbe, dann wäre die Schweiz in ein paar Jahrzehnten ein Stadtstaat à la Singapur oder HK: überall nur Beton, Häuser und überall hetzen Arbeitssklaven tagtaäglich zur Arbeit und können sich nicht mehr in der Natur erholen
Antworten
Genau so ist es, ein guter Artikel. Hoffentlich sind das nicht leere Worte des Regierungsrates. Sie haben eine grosse Verantwortung für kommende Generationen. Fremd fühle auch ich mich manchmal in Zug, obwohl unsere Familie ca. im Jahr 1880 von Oberägeri nach Zug kam. Antworten
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